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Da hat einer sein Zeitfenster genutzt

22.12.2003 ·  So kam etwas wirklich Neues in die Welt: Hans-Erhard Lessing rehabilitiert den Erfinder Karl Drais

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Von Edward Gorey stammt die unheilvolle Geschichte "Die Draisine von Untermattenwaag". Draisinen heißen so nach dem Herrn Drais, der auch eine von Goreys tragischen Figuren sein könnte. Und selbst der Name "Draisine" für Goreys Schienenfahrzeug beruht noch auf einem Mißverständnis.

Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn ist - das kann man wohl so sagen - das Opfer eines Rufmords. Man stellte ihn als Spinner und Versager dar. In Wirklichkeit war er ein durchaus kompetenter Erfinder, dessen Visionen allerdings ihrer Zeit etwas voraus waren. Ihm fehlte das Talent, sich bei Hof erfolgreich anzuwanzen. 1848 war er auf der Seite der Demokraten. Dafür rächten sich die Monarchisten mit diversen Verleumdungen. Und am Ende seines Lebens begann er aus Frustration zu saufen.

In dem gerade erschienenen Buch "Automobilität" bemüht sich Hans-Erhard Lessing nach Kräften, Karl Drais zu rehabilitieren. Ein schönes, reich bebildertes Werk, wie es nur ein Professor produzieren kann, der von seinem Honorar nicht leben muß und dazu noch einen Druckkostenzuschuß bekommt! Die Fülle des liebevoll aufbereiteten Materials ist beeindruckend. Allerdings - und das sollte man vorher klären - muß man in der Lage sein, eine 8-Punkt-Schrift problemlos zu lesen. Der Verleger hat an nichts gespart außer an der Druckerschwärze.

Die Freiherren und Freiinnen Drais zu Sauerbronn gehörten zum Beamtenadel und besaßen keine Güter. Wilhelm, der Vater von Karl Drais, war hoher Beamter in Karlsruhe und Mannheim und hielt, solange er lebte, seine schützende Hand über seinen Sohn. Leider war er auch der Präsident des Oberhofgerichts, das 1820 Karl Ludwig Sand, den Mörder des verhaßten Staatsrats August von Kotzbue, zum Tode verurteilte, und er wollte ihn auch nicht begnadigt sehen. Das wurde später ungerechterweise dem Sohn verübelt. So hatte dieser auch noch Feinde unter den Demokraten. Karl wurde 1785 geboren. Er studierte Mathematik, Physik und Baukunst in Heidelberg. Danach bekam er eine Stelle im Forstdienst, war aber die meiste Zeit mit vollen Bezügen beurlaubt. 1818 wurde er Professor der Mechanik, war aber de facto ein Pensionär. 1822 bis 1827 arbeitete er in Brasilien als Geometer. 1851 starb er.

In den Jahren 1812 bis 1816 gab es fünf schlechte Ernten. Besonders schlimm war es 1815/16 nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa, bei dem gewaltige Staubmassen in die Luft geschleudert wurden, die die Sonne verdunkelten. Wegen Getreidemangels mußten viele Pferde geschlachtet werden. Dadurch gab es ein Zeitfenster für die Erfindung von Fahrzeugen, die von Menschen und nicht von Tieren angetrieben wurden.

Einige Jahre danach wurde diese Entwicklung dann weltweit von den Behörden für fünfzig Jahre abgewürgt. Drais experimentierte zunächst mit vierrädrigen Fahrzeugen, erkannte aber dann die Vorzüge von zwei Rädern hintereinander. Dazu ersann er eine brauchbare Lenkung und später - ganz wichtig - die Bremse. Damit war das Fahrrad zum größten Teil erfunden. Der Antrieb über Tretkurbeln wurde aber erst lange danach von anderen hinzugefügt, das Draissche Gefährt war nur eine sogenannte Laufmaschine: Der rittlings darauf sitzende Fahrer stieß sich mit den Füßen vom Boden ab.

Diese Laufmaschine wurde weltweit nachgebaut, fand in England und Amerika als "Velocipede" (auch "Dandy horse" genannt) eine gute Aufnahme. Aber reich werden konnte der Erfinder damit nicht. Zum einen war das Patentwesen kaum entwickelt, zum anderen war Drais Beamter, dem eine Nebentätigkeit als Händler nicht gestattet war. Seine sonstigen Erfindungen erregten nicht so viel Aufsehen. Immerhin ersann er eine einfache Schreibmaschine für seinen erblindenden Vater, das sogenannte Schreibclavier. Daraus entwickelte er eine Stenomaschine, ähnlich wie sie später in der amerikanischen Gerichtsbarkeit erfolgreich verwendet wurde. Daß Drais auch zu den Erfindern der Kochkiste zählt, wie Lessing meint, ist vielleicht doch etwas weit hergeholt.

Heutzutage wissen wir, daß ein Fahrrad nur zwei Räder braucht. Zur Zeit von Drais gab es aber noch eine weitverbreitete Balancierangst. Deshalb wurde das Zweirad gerne zum Drei- oder Vierrad weiterentwickelt. Diese Apparate waren vielleicht keine Verbesserung, aber Lessing argumentiert einleuchtend, daß es sich bei ihnen um die wichtigsten Vorläufer des Automobils handelt.

Der Begriff "Draisine" steht heute für ein "Eisenbahnfahrzeug zur Streckenkontrolle". Ihre Urform war tatsächlich ein Zweirad, wie man einem Wiener Patent von 1837 entnehmen kann. Den Namen bekam sie per Analogie wegen ihrer oberflächlichen Ähnlichkeit mit den wahren Draisinen für die Straße. 1843 erdachte Karl Drais dann eine vierrädrige Variante mit Fußantrieb, die aber die weitere Entwicklung wohl nicht beeinflußte. Die Draisine von Untermattenwaag wird durch die Kraft der Arme fortbewegt. Von diesem Antriebsprinzip hat Herr Drais nie viel gehalten.

ERNST HORST

Hans-Erhard Lessing: "Automobilität". Karl Drais und die unglaublichen Anfänge. Maxime Verlag Maxi Kutschera, Leipzig 2003. 527 S., Farb- u. S/W-Abb., geb., 32,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2003, Nr. 297 / Seite 37
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