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: Da hat Caesar nur geblinzelt

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Kann es sein, daß mit dem vorliegenden Buch ein neues Genre geschaffen worden ist? Bücher zu historischen Themen sind entweder reine Fachbücher, die nur von Fachleuten gelesen werden sollen und können; oder es sind ebenfalls von Fachleuten geschriebene übergreifende Darstellungen, die manchmal sogar ...

          Kann es sein, daß mit dem vorliegenden Buch ein neues Genre geschaffen worden ist? Bücher zu historischen Themen sind entweder reine Fachbücher, die nur von Fachleuten gelesen werden sollen und können; oder es sind ebenfalls von Fachleuten geschriebene übergreifende Darstellungen, die manchmal sogar lesbar sind; oder es sind popularisierende Werke, die abermals von Fachleuten geschrieben, aber um einen lockeren Ton bemüht sind, was nicht so leicht gelingt; oder es ist Popularisierendes, von Nichtfachleuten geschrieben und von den Fachleuten mit höchsten Mißtrauen betrachtet, meist zu Recht.

          Tom Hollands Buch ist nichts davon, und das soll jetzt erläutert werden. Vierhundert dicht bedruckte, bleiwüstenartige Seiten, gelegentlich durch Karten unterbrochen, in der Mitte einige Schwarzweißabbildungen: Das ist zunächst nicht das, was zum Konsum verlocken dürfte. Aber sehr bald wird man feststellen, daß das Buch in lebendiger Weise geschrieben ist und einen die dramatischen Ereignisse, von denen es berichtet, miterleben läßt, ohne daß das auch nur im geringsten auf Kosten des sachlich Zutreffenden ginge.

          Dazu tragen nicht nur plastische Formulierungen bei, die nie versuchen, sich durch übertriebene Alltagssprache bei den Lesern beliebt zu machen - etwa die, daß die römische Verfassung einem "Spiegelkabinett" zu vergleichen sei, weil sie je nach Blickwinkel anders aussah, oder daß sich hinter Ciceros Eitelkeit eine "nagende Unsicherheit" verborgen habe oder daß bei einem Wortwechsel zwischen Cato und Caesar dieser "geblinzelt" habe, "ausgewichen" und daher unterlegen sei. Aber auch wenn die Darstellung schon den historischen Roman streift und etwa gesagt wird, Sulla sei in einer kritischen Situation "entgeistert" gewesen und habe mit "wachsender Wut reagiert", merkt man genau, daß so etwas nur der Lebendigkeit der Darstellung dient und daß nicht behauptet wird, es stehe in irgendeiner Quelle.

          Lebendigkeit charakterisiert den gesamten Inhalt. Mit großer Kunst wird die Geschichte der römischen Republik der gut hundert Jahre von der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus bis zur Errichtung des Kaisertums des Augustus erzählt, und zwar zum einen so, daß die Ereignisse der Reihe nach berichtet und daß die führenden Personen plastisch charakterisiert werden. Zum anderen werden allgemeine Sachverhalte eingefügt wie etwa die römische Verfassung oder die römische Sozialstruktur oder die Prinzipien, nach denen sich die Römer aller Schichten jeweils verhielten. Der Alltag wird geschildert, das äußere Bild der Stadt Rom oder auch das Badeleben im mondänen Seebad Baiae und vieles andere mehr bis hin zu Mitteilungen über die klimatischen Verhältnisse; ab und zu werden wörtliche Quellenzitate eingestreut, einschließlich von Gedichten zeitgenössischer Dichter.

          Schließlich gibt es einen schriftstellerischen Kunstgriff, der sehr zur Lebendigkeit beiträgt. Er besteht darin, daß viele Sachverhalte oder Personenschilderungen nicht zusammenhängend abgehandelt werden, sondern der Facettenreichtum des historischen Geschehens oder einer Persönlichkeit wird dadurch besonders anschaulich gemacht, daß mehrfach an verschiedenen Stellen mit unterschiedlichen Tatsachen und Wertungen davon die Rede ist.

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