25.08.2008 · Lassen sich unsere Führungskräfte Blödsinn andrehen? Richard Gris, Diplompsychologe und Trainer im betrieblichen Weiterbildungssektor, hat ein polemisches Plädoyer für weniger Fortbildung geschrieben - unter Pseudonym.
Von Andreas PlatthausGut, die großen Spendierhosen mit roten Streifen hat Richard Gris nicht an. Muss er auch nicht, er hat uns ja jetzt ein Buch geschenkt. Und darin kündigt er weitere Gaben an, denn er lobt einen Wettbewerb für seine Leser aus. Als Diplompsychologe und Trainer im betrieblichen Weiterbildungssektor weiß er natürlich, dass solche „incentives“ schon durch die bloße Ankündigung Erfolg versprechen - gerne erläutert er uns deshalb den Placebo-Effekt, gerne geißelt er auch seine eigene Branche wegen deren heillosem Gewinnstreben. Sollte Gris sich anders verhalten als seine Kollegen? Nein, da ist er ehrlich. Er gibt seinem Publikum ein Rätsel auf und schreibt: "Unter den ersten zehn richtigen Einsendungen wird ein Überraschungspreis verlost. Mitmachen lohnt sich. Ich habe Spendierhosen an. Aber nur kleine."
Die großen tragen ohnehin die deutschen Unternehmenschefs. Zumindest, wenn man Gris glaubt, der in seinem Buch zahlreiche Beispiele für jene Geldverschwendung zusammenträgt, die gemeinhin als nützliche Mittelverwendung gilt: die Weiterbildung von Arbeitnehmern. Alles Unsinn, so Gris, und deshalb schreibt er sein Plädoyer für weniger Fortbildung unter Pseudonym: "Würde mein Arbeitgeber von diesen Zeilen erfahren, würde er mir standrechtlich kündigen und fristlos zur Therapie schicken." Die flotte, aber unsaubere Formulierung lässt vermuten, dass hinter dem Namen Gris wirklich ein Trainer steckt; andere Details weisen auf München als dessen Wohnort hin. Aber das will man gar nicht wissen.
Außer Selbstmitleid und Polemik wenig zu bieten
Was man wissen will, sind Fakten. Die eigene Branche, so Gris, sei so schlecht dran, weil es all diese dummen Führungskräfte gebe, die sich noch den größten Unsinn andrehen lassen. Da kommt das Buch von Gris gerade recht, denn mit 24,90 Euro ist es nicht gerade billig, und außer Selbstmitleid und Polemik hat es wenig zu bieten. Die Beispiele aus der Praxis bewegen sich meist auf mittlerer Managementebene, und da auch sie anonymisiert sind, muss man dem Autor schon vertrauen, dass hier authentische Äußerungen wiedergegeben werden. Der Tonfall zumindest klingt nach Gris.
Und das ist keine Empfehlung. Offenbar hat der Autor einige Standardwitzchen aus seinen Seminarprogrammen übernommen. Da gibt es abgedroschendste Floskeln. Wie lautet etwa die Antwort auf das Angebot eines Krankenhauses, dessen Mitarbeiter in einem zweistündigen Crashkurs in Patientenkommunikation fit zu machen? "Klar, gerne doch. Unmögliches wird sofort erledigt. Wunder dauern etwas länger." Und wie präsentiert man Allegorien? "Was hat ein rindenfarbener, graubrauner Vogel mit Top-Managern und Weiterbildung zu tun? Der gefiederte Freund wiegt etwa 50 Gramm, hat eine Körperlänge von ungefähr 17 Zentimetern und sieht auf den ersten Blick wie eine Singdrossel aus. Haben Sie erraten, um wen es sich handelt? Es ist der Jynx torquilla. Kennen Sie nicht? Bei rund 9800 bekannten Vogelarten kann das schon mal passieren. Vielleicht ist Ihnen das deutsche Wort geläufig. Die Rede ist vom Wendehals." Da dürften die Trainingsteilnehmer verzweifelt gekichert haben. Beim Lesen ist derart gequälte direkte Ansprache selbst eine Qual.
Effekthascherisch
Das Buch ist effekthascherisch. Pointen werden gerne wiederholt, und wen schert es schon, dass auf den Satz "Menschen müssen zwar nicht den Tod fürchten, wenn sie sich gegen tradierte Normen in der Gruppe verhalten, aber Konsequenzen gibt es auch" vier Seiten später die Formulierung folgt: "Abweichler von der Norm und von tradierten Gewohnheiten sind immer gefährdet, angefeindet oder sogar systematisch tyrannisiert zu werden. Wer nicht freiwillig aus der Gruppe ausscheidet, bezahlt einen hohen Preis. Er wird krank, irre oder springt von der Brücke." Liest ja eh keiner genau, werden sich Autor, Verlag und die Sachbuch-Agentur, die damit protzt, Campus das Buch aufgeschwatzt zu haben, wohl gedacht haben.
Dabei lohnt das Thema eine intensive Beschäftigung, denn die nahezu dreißig Milliarden Euro, die von deutschen Unternehmen Jahr für Jahr ausgegeben werden, um ihre Mitarbeiter weiterzubilden, sind eine zu große Summe, als dass man sie ungeprüft verpulvern sollte (Frust am Flipchart). Genau das aber passiert, wenn man Gris glauben will - und das kann man auch. Seine Ausführungen darüber, dass es gar nicht möglich ist, die Ergebnisse von Schulungen zu kalkulieren, weil es zu viele Verquickungen mit anderen Faktoren gibt, die für Erfolg am Arbeitsplatz eine Rolle spielen, sind plausibel. Das Einzige, was man kalkulieren kann, sind die Kosten. Das gilt aber auch fürs Roulettespiel, und dennoch würde das niemand als unabdingbar für ein Unternehmen propagieren.
Eeine vertane Chance, dieses Buch
Also eine vertane Chance, dieses Buch. Auf die Kompetenz von Trainern wirft es immerhin indirekt Licht, weil man sowieso niemanden ökonomisch ernst nehmen sollte, der den Anspruch hat, "in möglichst kurzer Zeit das beste Ergebnis zu erzielen". Entweder will man das beste Ergebnis in einer festgelegten Zeit erreichen oder ein bestimmtes Ergebnis so schnell wie möglich. Beide Optima zusammen sind Nonsens. Das könnte Gris wissen.
Wurde Zeit
Benedikt Gresser (Benediktus)
- 25.08.2008, 18:18 Uhr
Die wichtigsten Sachbücher in Rezensionen der F.A.Z.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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