30.09.2009 · Ein neuer Sammelband widmet sich Behinderten und Versehrten im Mittelalter. Die darin enthaltenen Studien ändern nicht nur das Bild vom Mittelalter, sondern zeigen auch, dass die Moderne aus der Geschichte lernen kann.
Von Michael BorgolteDem chronisch kranken, von Geburt an körperlich, geistig oder seelisch eingeschränkten oder an seinen Gliedmaßen verstümmelten Menschen wurde im Mittelalter Debilität zugeschrieben – Schwäche also, oder wie man in Deutschland seit dem zwanzigsten Jahrhundert sagt, Behinderung. Er galt, ähnlich wie in der Moderne, als Gegenfigur zum gesellschaftlichen Leitbild des Gesunden und Starken. Da es sich beim „homo debilis“ um ein soziales Konstrukt handelte, war er ein Thema von Philosophen, Theologen oder Seelsorgern, nicht aber von Ärzten.
Der leidende Mensch selbst kam in der Fachliteratur der Zeit kaum zu Wort, obgleich die mittelalterliche Medizin einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte. Die Individualität des Patienten berücksichtigte nur ein Philosoph als Arzt, der Jude Maimonides am Ende des zwölften Jahrhunderts. Dem Sultan von Ägypten empfahl er sogar Gesang und Wein gegen die Melancholie, weil er meinte, dass der Herrscher mit Mitteln zu kurieren war, die der Islam eigentlich verbot.
Zwei hervorstechende Studien
Die Schwierigkeit einer Annäherung an den debilen Menschen hat die Medizinhistorikerin Ortrun Riha in einem neuen Sammelband zum Thema dargelegt. Auch die Aberhunderte Belege für „debilis“ oder „debilitas“, die Hans-Werner Goetz in Zeugnissen des frühen Mittelalters gesammelt, analysiert und klassifiziert hat, lassen nicht zu, in das schwierige Binnenverhältnis des Kranken und Behinderten mit der „Gesellschaft“ vorzudringen. Dies ist indessen zwei jungen Mediävistinnen gelungen, die mit kühnen Zugriffen den Blick auf die Schwachen und Starken im Mittelalter so verändern, dass davon auch unsere Selbsteinordnung berührt wird.
Annette Kehnel hat nur zwei mittelalterliche Quellen analysiert, sie aber innovativ mit anthropologischen, soziologischen und philosophischen Theorien zum Prozess der Zivilisation in Beziehung gesetzt. Mit der ungemein verbreiteten Schrift „Vom Elend des menschlichen Daseins“ des Kardinals Lothar von Segni (später Innozenz III., gest. 1216) erinnerte sie daran, dass nach mittelalterlicher Auffassung die menschliche Existenz aufgrund des Sündenfalls stets defizitär war; der „homo debilis“ war also der Mensch als Mängelwesen überhaupt, den Kranke und Behinderte bloß signifikant repräsentierten. Die Lehre scheint spezifisch christlich gewesen zu sein und wurde von Maimonides nicht vertreten.
Das Mängelwesen
Neuerdings begegnet sie wieder bei Soziologen wie Arnold Gehlen und Niklas Luhmann oder Philosophen wie Odo Marquard, der dabei auf Platon rekurriert. Marquard spricht vom „homo compensator“, von einem „Sitzenbleiber der Entwicklung“ und „retardierten Lebewesen, das es noch immer nicht geschafft hat“, mit seiner Entwicklung ans Ende zu kommen, und es „mit seiner physischen Mängelverfassung aushalten“ müsse. Der Zivilisationsprozess sei also eine Kompensation. Wie aus dem Normalfall der Schwäche Stärke erwachsen konnte, belegt nach Kehnel die Reichskrone in der Wiener Schatzkammer; dieses bedeutendste Herrschaftszeichen der römisch-deutschen Könige seit dem zehnten oder elften Jahrhundert zeigt auf einer Emailplatte, wie dem schwerkranken König Hiskia durch Jesaja nach Gottes Befehl fünfzehn weitere Lebens- und Herrschaftsjahre angekündigt werden. Das Bild sollte den König und Kaiser, ebenso wie die anderen Teilnehmer am Zeremoniell der Herrscherweihe, offenbar daran erinnern, dass Gott der menschlichen Schwäche aufhilft und das Königtum verleiht.
Nicht Schwäche, sondern körperliche Kraft gibt hingegen nach herrschender Forschungsmeinung dem Kandidaten die Eignung (Idoneität) zum Königtum. Deshalb sollen sich Bucklige, Einäugige und Epileptiker disqualifiziert haben. Diese angebliche Auffassung der mittelalterlichen Zeitgenossen wird von der modernen Wissenschaft übernommen, die so weit geht, den Niedergang des Karolingerreiches auf die „Erbuntüchtigkeit“ der Königinnen zurückzuführen.
In Krankheit bewährt
Dieser Auffassung ist Gesine Jordan nach genauem Quellenstudium überzeugend entgegengetreten. Jordan stellt nicht in Frage, dass ein Herrscher körperliche (und geistige) Tüchtigkeit gebraucht habe, sie zeigt aber auch, dass er seine Autorität erhöhte, wenn er sich in Krankheit bewährte. Die Auffassung, dass etwa die Herrschaft Kaiser Karls III. fünfzehn Jahre von schwerer Krankheit überschattet war, bevor diese zum Sturz des Urenkels Karls des Großen führte, lässt sich offensichtlich nicht halten. Bedrückend ist Jordans Nachweis, dass die deutschen Mittelalterhistoriker in Bezug auf die körperliche Kraft der Könige bis heute im sozialdarwinistischen Denken ihrer Vorgänger aus dem neunzehnten Jahrhundert befangen sind und teilweise – noch schlimmer – die Urteile rassistischer Mediävisten der Nazizeit unbedenklich weitergeben. Dass dies nicht bewusst geschieht, sondern in ideologischer Blindheit, entlastet sie kaum; mindestens jetzt sind Selbstkorrekturen geboten.
Die Studien von Kehnel und Jordan ändern nicht nur das Bild vom Mittelalter, sondern zeigen auch, dass diesmal die Moderne vom Mittelalter lernen kann. Denn so hoch die Stärke auch im Mittelalter geschätzt wurde, hatte der Schwache und Behinderte doch in der damaligen Gesellschaft seinen Platz, weil er das Menschsein selbst darstellte. Ein mittelalterlicher König musste nicht unbedingt wie ein deutscher Ministerpräsident der Gegenwart seine Gebrechen vor der Öffentlichkeit verbergen, wenn er nicht sein Amt aufs Spiel setzen wollte.