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Colin McEvedy: Städte der Klassischen Welt : Eine Kleinstadt allein gegen die Heere Persiens?

Bild: Klett-Cotta

Er war der Meister der Geschichtsatlanten, aber in seinem nachgelassenen Kompendium über die Städte der Antike liefert der Engländer Colin McEvedy eine Wundertüte ab.

          Die Schicksale antiker Städte haben für uns etwas Beunruhigendes. Sie widersprechen dem Fortschrittsglauben, an dem unsere Vorstellungen von Geschichte und unsere Weltwahrnehmung hängen, sie stellen den Beharrungskräften der Zivilisation ein schlechtes Zeugnis aus. Die griechisch-römische Mittelmeerwelt verfügte über alle Errungenschaften einer Hochkultur, Theater, Rathäuser, Badeanstalten, Fußbodenheizung, Kanalisation, und dennoch ging sie unter. Unsere eigene globale Zivilisation hat die Städte zu Weltmetropolen ausgedehnt und die Wildnis bis auf kleine Enklaven zurückgedrängt, aber die Furcht vor Auflösung und Verfall ist aus ihr nie verschwunden, sie tickt im Herzen der Millionenquartiere weiter.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist deshalb ein zwiespältiges Vergnügen, in Colin McEvedys Band über „Städte der Klassischen Welt“ von Siedlungen zu lesen, die, wie Leptis Magna und Ptolemais im heutigen Libyen, am Ende der Antike im Sand versanken, und anderen, die im Uferschlamm verschwanden und von Schilf überwuchert wurden wie Ovilava und Ratiaria an der Donau oder Aquileia im Tiefland nördlich von Venedig. Die größeren, meist in südlicheren Breiten gelegenen Ruinenstädte sind heute mit ihren Theatern und Säulenhallen vielerorts touristisch erschlossen, die nördlichen Grenzforts dagegen liegen immer noch zum größten Teil unter der Erde und warten auf ehrgeizige Archäologen oder einen Fährtensucher wie Colin McEvedy.

          Das Ergebnis jahrzehntelanger Recherche

          Wie aber hängt dies alles zusammen, der langsame Verfall hier, die rasche Zerstörung dort, die Neubelebung und späte Blüte an anderer Stelle? Genau diese Frage darf man McEvedys Buch nicht stellen, denn „Städte der Klassischen Welt“ ist keine historische Untersuchung; es ist ein Kompendium. Colin McEvedy, im Hauptberuf Psychiater, hat seit 1961 bei Penguin eine Reihe von überaus erfolgreichen und auflagenstarken Geschichtsatlanten veröffentlicht, vom „Atlas of Medieval History“ über den „Atlas of Modern History“ bis zum „Historical Atlas of the Pacific“, in denen er etablierte wissenschaftliche Meinungen mit Witz und Verve zu widerlegen suchte, vor allem, was ethnische und demographische Entwicklungen betraf.

          Sein Projekt über die Städte der Antike, für das er jahrzehntelang durch die Länder rings ums Mittelmeer gereist war, konnte McEvedy vor seinem Tod 2005 nicht mehr fertigstellen. Sein Freund Douglas Stuart Oles hat es aus seinem Nachlass ergänzt und herausgegeben; die deutsche Ausgabe folgt text- und abbildungsgetreu der englischen, die vor zwei Jahren erschienen ist.

          Ein Spiel mit Grenzen

          Auch in diesem Buch geht es, neben Erörterungen zu den räumlichen Verhältnissen und Entwicklungskurven antiker Siedlungen, um Demographie. Und wie bei einem Skeptiker aus Passion zu erwarten, korrigiert McEvedy die gewohnten Zahlen durchweg nach unten. Für Rom setzt er, selbst in der augusteischen Blütezeit, weniger als dreihunderttausend Einwohner an, für Alexandria unter hunderttausend, für das Athen des Perikles knapp vierzigtausend. Mit den Römerstädten seines eigenen Heimatlandes verfährt er besonders streng: London hat bei ihm gerade einmal siebentausend, York, immerhin ein großes Legionslager, höchstens ebenso viele Einwohner.

          Dieses Spiel mit der Reduktion hat seinen Reiz, aber auch seine Grenzen. In Babylon sollen laut McEvedy selbst zur Zeit von Nebukadnezar nur dreißigtausend Menschen gelebt haben. Für Konstantinopel im elften Jahrhundert, als das Byzantinische Reich seine größte Ausdehnung erreichte, schätzt er die gleiche niedrige Bevölkerungszahl. Das ist schon deshalb absurd, weil McEvedys Grundannahme, die Getreideversorgung der Stadt sei nach der islamischen Eroberung Ägyptens im siebten Jahrhundert zusammengebrochen, nicht stimmt. Byzanz importierte, wie das klassische Athen, sein Getreide aus dem Schwarzmeerraum. Allein der kaiserliche Hofstaat samt Leibgarde mag an die zehntausend Personen gezählt haben.

          Eine auf Kleinstadtniveau geschrumpfte Einwohnerschaft hätte die berühmten doppelten Mauern Konstantinopels auch kaum gegen immer neue Heere von Persern, Awaren, Bulgaren, Arabern und Proto-Russen halten, geschweige denn deren Flotten im Bosporus vernichten können.

          Nicht Nachvollziehbare Leerstellen

          Ein ähnlicher Vorbehalt gilt für die Auswahl der behandelten Städte. Im Vorwort schreibt der Herausgeber Oles, McEvedy habe sein Buch bei seinem Tod „nahezu fertiggestellt“ gehabt, er sei nur nicht mehr in der Lage gewesen, „die letzten losen Enden zu versäubern“. Bei der Lektüre bekommt man einen anderen Eindruck. McEvedys Auswahl antiker Zentren ist nicht bloß unvollständig, sondern geradezu fragmentarisch. In Kleinasien fehlen etwa Nikaia, Nikomedia, Attaleia und Trapezunt, auf dem Balkan Dyrrhachium, Naissus und Nikopolis, in Frankreich Arles, Nimes und Narbonne, in Spanien Saragossa, Toledo und Sevilla-Hispalis, um nur die wichtigsten zu nennen. Andererseits stehen drittklassige Orte wie die kleinen Balkanforts Duklea und Savaria auf McEvedys Liste, während die bedeutenden Donaufestungen Oescus und Novae fehlen. Und warum der Autor von den deutschen Römerstädten zwar Xanten, Mainz, Köln, Trier und Augsburg würdigt, Regensburg aber übergeht, lässt sich auf keine vernünftige Weise erklären.

          Man muss das Buch deshalb als Wimmelbild und Wundertüte nehmen, nicht als durchgängige Erzählung. Liest man es von vorn bis hinten durch, hat sich sein Witz lange erschöpft, bevor die Einträge zu Xanthos und York erreicht sind. In seinem Element ist McEvedy, wenn er seine Geschichtsskizzen ins Baedekerhafte erweitert. So wirken die Anekdoten zum Leuchtturm, der Bibliothek und dem Serapeion von Alexandria als die eigentliche Stadtbeschreibung. Auch Athen steht hoch in McEvedys Gunst, die es aber sofort verliert, sobald es sich nach dem Überfall der Goten und Heruler von 267 nach Christus hinter die Mauern der noch heute bestehenden Altstadt zurückzieht. Vor Rückzügen, scheint es, ist dieser Stadthistoriker zurückgeschreckt wie wir heute vor der Rezession.

          Colin McEvedy: „Städte der Klassischen Welt“. 120 Zentren der Antike von Alexandria bis Xanten. Aus dem Englischen von Susanne Held. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2013. 625 S., geb., 29,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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