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Geschichte der Kirchenmusik : Ermuntert euch und singt mit Schall

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Unser Gastautor, aufgenommen bei einem Gespräch in Köln im Februar des vergangenen Jahres. Bild: Pilar, Daniel

Für Geist, Ohr und Seele sind Helene Fischer und die Fangesänge einfach nicht genug: Johann Hinrich Claussen legt eine beherzte und kenntnisreiche Historie der Kirchenmusik vor. Ein Gastbeitrag.

          Dieses Buch ist mit Jauchzen und Frohlocken zu begrüßen! Endlich ein Buch für alle, die bei EKG nicht nur an Kammerflimmern denken, sondern auch an das Evangelische Kirchengesangbuch. Denn wahrlich, in Zeiten der Fanmeilen und der Frage: „Wie bekomme ich einen Helene-Fischer-Bauch?“ zeugt es von unerschütterlichem Gottvertrauen, eine Geschichte der Kirchenmusik zu schreiben.

          Getan hat solches Johann Hinrich Claussen, Hauptpastor an St. Nikolai in Hamburg. In zehn Kapiteln samt Einstimmung und Ausklang werden wir von ihm vom Alten Israel über den gregorianischen Choral, Palestrina, Heinrich Schütz, Mozart, Mendelssohn und viele mehr bis zum afroamerikanischen Gospel geführt. Nicht gerade wenig für dreihundertfünfzig Seiten, manche thematische Engführung muss da erlaubt sein. So weist uns Pastor Claussen gleich in der Einstimmung darauf hin, was sein Buch möchte: „Die Freude an der Kirchenmusik vertiefen und erweitern, in ausgewählten Beispielen der Geschichte christlicher Musik.“

          Wissenswertes zum Schmökern

          Denn das Christentum gehört zu Deutschland. Dies sollte vorausgesetzt werden dürfen, wenn wir den Buchtitel „Gottes Klänge“ auf uns wirken lassen. Rauschen diese doch vermehrt durch leere Gotteshäuser, was nicht nur eine Frage der Akustik ist (einbehaltene Kirchen- bei der Abgeltungsteuer!). Da beruhigt es, wenn wir lesen, wie es schon damals war, bei Luther. Als „musikalische Guerrillabewegung“ müssen wir uns die Reformation vorstellen.

          In Göttingen - wo sonst? - soll sie gar mit einer frühneuzeitlichen Gesangsblockade begonnen haben. „Aus tiefster Not schrei ich zu dir“ schallte es aus evangelischen Kehlen einer altgläubigen Prozession entgegen, bis diese sich auflöste. Denn trotz Erfindung des Buchdrucks: Das Alphabet war für viele Menschen in Deutschland Neuland. Lieder aber konnte jeder hören, lernen und singen. Die beliebteste Form war das Contrafaktum: Ein bekanntes Lied wurde umgedichtet.

          Der alte Luther soll davon sehr angetan gewesen sein, wenn es etwa hieß: „Der liebe Sommer geht herzu / Verleih uns Christen Fried und Ruh / Bescher uns Herr ein fruchtbar Jahr / Vorm Papst und Türken uns bewahr.“ Und wie starb eigentlich Georg Friedrich Händel? - Gut, die Frage mag abrupt erscheinen, aber sie steht doch für die Art, wie der interessierte Laie das Buch zur Hand nehmen mag: schmökernd. Natürlich wird auch das Kapitel über „Die verlorenen Ursprünge im Alten Israel und in der Alten Kirche“ viel Wissenswertes enthalten, aber mal ehrlich: Wann haben sich selbst kluge Köpfe, die wieder Zeitung lesen, zum letzten Mal was von einem alten Israeliten downgeloaded (geschweige denn „aufgelegt“)?

          Kleine Mängel

          Beim Blättern im Kapitel „Handelomania“ erfahren wir also, wie der große Landsmann von Hans-Dietrich Genscher starb: „erschöpft und erblindet“. Nicht, ohne ein beträchtliches Vermögen zu hinterlassen, nach heutigen Maßstäben etwa zwei Millionen Pfund. „Viel gab er den Armen“, ist über ihn zu lesen, dessen Musik wir ja auch heute noch im Gasprom-Spot vor den Übertragungen der Champions League zu schätzen wissen.

          Beim Orgelspiel werden alle Register gezogen: Die Silbermannorgel im Dom St. Marien

          Und damit zu Bach. Natürlich, er war ein ganz großer Geist und würde es vermutlich in einem ZDF-Ranking zu „unsrem größten Kirchenmusiker aller Zeiten schaffen“. Aber wie und was schreibt man noch Neues über ihn? Hier zeigt sich die Stärke und - durch pastorale Qualitäten gemilderte - Schwäche des Buches. Wer noch nie die Matthäus-Passion gehört hat, für den bietet das Kapitel über Bach eine gut nachvollziehbare Einführung. Angefangen von der Aufführungspraxis der damaligen Zeit (fünf Stunden im regulären Vespergottesdienst inklusive einstündiger Predigt), über die Bedeutung von Paul Gerhardts Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“, die Funktion der Doppelchöre bis zur Instrumentierung der Rezitative und Arien - alles gewissenhaft zusammengetragen. Gleiches gilt für Generalbass und Kontrapunkt und die Rolle der Kantaten, von denen Bach für jeden Sonntag eine zu komponieren hatte.

          Wie bei einem guten jungen Lehrer: viel Arbeit am Anfang, dann hat man’s. Ob aber wirklich „die rechte Balance zu finden, einerseits die Gewaltsamkeit der Geschichte nicht zu verharmlosen, aber andererseits jede einseitige Schuldzuweisung und jeden Anschein von Judenfeindlichkeit zu vermeiden (...) nicht die geringste Aufgabe einer heutigen Interpretation der Matthäus-Passion“ darstellt, könnte doch eher Thema für eine Talkrunde mit Betroffenen sein.

          Wo ist Bach?

          Dass allerdings das Orgelwerk Bachs und dessen Bedeutung als Virtuose mit keiner Silbe erwähnt werden, stellt für einen katholischen Hilfsorganisten ein schweres Hindernis auf dem Weg zur gelebten Ökumene dar. Nichts. Kein Wort. Auch nicht im gesonderten Orgelkapitel. Die heilige Cäcilie, Kleist, Buxtehude, Britten, W. H. Auden, Lichtenberg, Albert Schweitzer, Ligeti, Reger, Hans Henny Jahnn - alle kommen darin vor, aber der Größte nur als 450-Kilometer-Wanderer zu Buxtehude.

          Auch dass im Zusammenhang mit dem Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll die französischen Orgelgötter Charles Marie Widor und Louis Vierne keine Erwähnung finden, schmerzt den beflissenen Streber aus der schwäbischen Diaspora. Hat er doch selbst zu Schülerzeiten die Musikwünsche bei Trauungen je nach Hochzeitspaar zu erfüllen versucht: d-Moll-Toccata Bach (Fußballer, mit Komponistenangabe „Ekseption“) sowie F-Dur-Toccata Widor (Lehrer).

          Das Buch macht Lust auf Kirchenmusik

          Sollten wir also die Käßmann in uns von der Leine lassen und fordern, das Werk einzustampfen? Nein, nun ist’s genug. Denn auch wenn wir manch liebevoll-kritische Anmerkung hätten - insgesamt durchweht das Buch von Pastor Claussen der Geist der Liebe, zum Nächsten ebenso wie zur Kirchenmusik. Wer durch das irdische Jammertal geschritten ist, darf auf Erlösung hoffen. Sogar dann, wenn „von falschen Menschen vor falschen Menschen aus falschen Gründen im falschen Stil gesungen“ wird. Etwa „O happy Day“ oder „Go tell it on the mountain“. Nein, das hat nichts mit echter Gospelmusik zu tun, wo wir mit „dem wilden Schrei des ,shouting‘, dem inbrünstigen Stöhnen des ,moaning‘ oder dem zarten Säuseln des ,crooning‘“ von richtigen Menschen als richtige Menschen erreicht werden.

          Demnächst vielleicht auch auf Kirchentagen, wo die Lieder bisher ja eher Titel hatten wie „Wenn das Rote Meer grüne Wellen hat“? Nun aber Schluss mit der Schwärmerei in höchsten Tönen. Nehmen wir „Gottes Klänge“ als Anleitung, um möglichst viele dieser Werke in den kommenden Monaten live zu erleben. Dafür ist das Buch nämlich hervorragend geeignet. Es macht Lust auf Kirchenmusik, und die, so Pastor Claussen zum Ausklang, ist immer dann vital, eine kulturelle und religiöse Kraft, wenn sie Grenzen überwindet - „Grenzen zwischen Völkern und Nationen, zwischen Konfessionen und Religionen, zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Kirche und Kultur, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Glaube und Zweifel“. Es kann so einfach sein.

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