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Essays von Claude Lanzmann : Wie man das Schweigen bricht

Die meisten kennen ihn als Dokumentarfilmer und Regisseur von „Shoah“: Claude Lanzmann hat aber auch zwanzig Jahre lang als Journalist gearbeitet. Und sich nicht nur zu Gelegenheiten wie dem Kinostart von „Schindlers Liste“ geäußert. Bild: Kai Nedden

Der französische Filmemacher Claude Lanzmann zeigt uns sein journalistisches Frühwerk, das voller Überraschungen steckt. Sogar den Pantomimen Marcel Marceau brachte er zum Reden.

          Kann ein Artikel über Steven Spielberg ätzender beginnen als mit dem Satz: „Ich schätze Steven Spielberg. Ich habe ,Indiana Jones‘ gesehen, ich habe ,Jäger des verlorenen Schatzes‘ und ,E.T. - Der Außerirdische‘ gesehen, ich glaube, ich habe auch seinen Film ,Der weiße Hai‘ gesehen, und ich mag seine Filme sehr.“ „Ich glaube, ich habe auch den ,Weißen Hai‘ gesehen“: „Ich glaube“ - das ist ein starkes Stück Beleidigung, und vermutlich war es genauso gemeint. Denn im Folgenden geht es darum, wie Spielbergs Film „Schindlers Liste“ die historische Wahrheit über den Holocaust verzerrt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Lanzmanns Polemik gegen Spielbergs Film gilt bis heute. Angesichts der anschwellenden Zahl von Fiktionen und Dokufiktionen über die Judenvernichtung in Büchern, im Kino und Fernsehen, die mit immer weiterem historischen Abstand immer schamloser mit Bildern aus den Lagern und Phantasien über das Innere der Tötungsmaschinerie umgehen, kann ein Wiederlesen nicht schaden.

          Vergnügliches Wiedersehen

          Claude Lanzmann, den die meisten Menschen als Filmemacher und Regisseur von „Shoah“ kennen, hat nicht nur zu Gelegenheiten wie dem Kinostart von „Schindlers Liste“ geschrieben. Vielmehr hat er, bevor er begann, Filme zu drehen, zwanzig Jahre lang (von 1950 bis 1970) als Journalist, als „Schreiber“, wie er es nennt, sein Geld verdient. Er veröffentlichte seine Stücke in Zeitschriften verschiedener Art, etwa in der von Jean-Paul Sartre gegründeten „Les Temps Modernes“ (deren Herausgeber Lanzmann heute immer noch ist), aber auch (fast immer Auftragswerke) im Magazin „Elle“ und manchmal in Tageszeitungen. Er publizierte unter eigenem Namen oder unter dem Pseudonym „Jean-Jacques Delacroix“, wenn ihm der Gegenstand eines Artikels - Filmschauspieler, Chansoniers - des eigenen Namens nicht würdig erschienen.

          Um diese Artikel sowie um seine politischen und polemischen Interviews und Einwürfe, zum Beispiel eben zu Spielbergs „Schindlers Liste“ oder zu Fassbinders „Schatten der Engel“, zu Israel und zum Kosovo-Krieg, geht es hier. Im Vorwort erzählt Lanzmann ganz unbefangen von dem großen Vergnügen, das ihm das Wiederlesen seiner eigenen Texte bereitet habe, weshalb er sie an verstreuten Orten aufgesammelt hat, um sie in diesem dicken Buch vereint der Öffentlichkeit zu präsentieren. Überschätzt er sich?

          Lanzman stellt sein Buch „Der patagonische Hase“ vor. Er ist Herausgeber von „Les Temps Moderne“, dem Magazin, das von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründet wurde.

          Lanzmann hatte, als vor fünf Jahren sein großes Erinnerungsbuch („Der patagonische Hase“) auf Deutsch erschien, bereits angekündigt, seine alten Artikel gesammelt herauszubringen, und ein bisschen angegeben damit, dass in keinen Schubladen irgendwo unveröffentlichte Texte von ihm herumlägen. Was aus seiner Feder floss, hatte schon immer den Weg zum Leser gefunden. Das ist, was die meisten der hier versammelten Stücke angeht, sehr lange her. Ist also auch unser Vergnügen an ihnen groß? Fast ausnahmslos: ja und unbedingt.

          Wobei sich die Einschränkung auf einige allzu eitle Passagen bezieht, die ihm etwa in seinem brillant beobachteten Porträt des Pantomimen Marcel Marceau unterlaufen. Hatte Lanzmann je von Nehru, von Buñuel gehört?, fragt Marceau. „Rascher als er; ohne den Kopf zu heben oder meinen Stift wegzulegen, warf ich ein: ,Ein andalusischer Hund, Robinson Crusoe, Die Vergessenen, Viridiana‘. Er sagte, ganz aus der Fassung gebracht: ,Ach, Sie wissen Bescheid.‘ Ich nutzte diesen Durchbruch, baute ihn aus und schlug eine Brücke; so kam es schließlich zu einem Dialog.“

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