10.08.2009 · Graswurzeldemokratie, Schwarmintelligenz - das sind Prinzipien, mit denen Wikipedia seinen rasanten Aufstieg nahm. Denkt man. Doch ein neues Buch zeigt, dass sich im Inneren der freien Enzyklopädie längst ein Elitensystem etabliert hat.
Von Thomas ThielRichtlinien für Lesermeinungen
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Das war die feine Art. Ihre Vorschreiberin bezeichnet sich als Rechts, schon bekommt sie Ausländerfeindlichkeit, gesundes Volksempfinde, NPD und ähnliche Unappetitlichkeiten vor den Latz geknallt. Schon mal darüber nachgedacht, dass rechts ohne Braun möglich ist und eine ganz legitime Lebensform ist? Dass diese Form des Lebens auch in Deutschland eine Berechtigung (psst, psst, bloss keinem Sagen dass man Rechts ist) hat, und früher von der CDU, heute noch von der CSU und den Republikanern vertreten wird? Vorsicht bbitte mit Ihren anwürfen.
Ich bin schwer begeistert, dass Frau Piesel als bekennende Rechte die Methoden der ihrer Ansicht nach Linksradikalen beklagt, um die Meinungshoheit zu erlangen.
Selbstverständlich weiß ich dies nicht sicher, aber meine Vermutung ist, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.
Da sie sich als bekennende Rechte durch diese Methoden eingeschüchtert fühlt, liegt es für mich nahe, dass die gegenwärtige Aktion der NPD, möglichst viele Schöffen an die Gerichte zu bekommen, um dem "gesunden Volksempfinden" mehr Gehör zu verschaffen, indem kriminelle Ausländer und Linksradikale mit höheren Strafen belegt werden (so das publizierte Anliegen der NPD), lediglich als legitime Gegenmaßnahme empfunden wird.
Frau Piesel, was haben politisch motivierte Deutungen von Gegebenheiten überhaupt in einem Lexikon zu suchen? Wäre es nicht im Fall eines Lexikons allein richtig zu beklagen, dass Artikel überhaupt eine politische Färbung aufweisen, anstatt zu beklagen, dass sie nicht auch rechts eingefärbt sein dürfen?
Ein ganz wesentlicher Antrieb, bei Wikipedia mitzumachen, erscheint leider nur in einem Nebensatz: Die "Elite" der Wikipedia bestimme auch die Tendenz des Lexikons. Sehen Sie sich einmal die Diskussionsseiten zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen an. Es wird sofort deutlich: Entscheidender Antrieb des Mitmachens ist die Lust daran, Macht auszuüben und Diskurshoheit zu erlangen. Das Niederhalten anderer Meinungen ist, so, wie es bei Wikipedia geschieht, im Grunde ein Akt der Gewalt - dem Lustgewinn schadet es hierbei überhaupt nicht, anonym zu sein.
Was einen als Rechten hierbei regelrecht beängstigen kann, ist das enorme Mobilisierungspotential der Linksradikalen. Es ist kaum erklärlich, daß wirklich rund um die Uhr, in regelrechten Schichten, Leute da sitzen, die innerhalb von Minuten jede kritische Anmerkung zevertieren. Als Andersdenkender kann man bei Wikipedia mittlerweile keinen Fuß mehr vor den anderen setzen. Wikipedia zeigt par excellence, daß die Meinungshoheit fest in linksradikaler Hand ist, und daß alles andere schlicht und ergreifend nicht mehr wahrgenommenw wird.
Elite, die sich für eine solche hält,
neigt dazu, sich abzuschotten, was in Dogmatik abgleiten und (politische) Isolierung zur Folge haben mag. Dann hätte sie sich ad absurdum geführt. Wie weit man bei Wikipedia damit gediehen ist, entzieht sich allerdings persönlicher Erfahrung, wenn man dort nicht selbst aktiv ist.
Trotz übermotivierter "Streifenpolizisten" eine interessante Erfahrung
Dem 1. Kommentar stimme ich zu. Als FH-Professor hatte ich die Idee, wichtige Begriffe aus meiner Vorlesung zum Innovationsmanagement bei Wikipedia - gewissermaßen als Glossar - zu hinterlegen. Trotz Tausender, die mitwirken, gibt es auch weiterhin Wissengebiete, bei denen Wikipedia einer fachlich recht öden Steppe gleicht (Innovationsmanagement gehört zu dieser Gruppe). Die "Streifenpolizisten" gibt es wirklich. Kein Neueintrag bleibt unbeobachtet. Ganz schnell hat ein "Mentor" namens Minderbinder meinen ersten Neueintrag in die Qualitätskontrolle, eine Art Quarantänestation, verfrachtet. Es gehört eine gehörige Portion "Jetzt erst recht"-Enthusiasmus dazu, sich dann auf Diskussionen im Wikipedia-Nutzerkreis einzulassen, um die eigene Ergänzung der Online-Enzyklopädie durchzusetzen. Einerseits zwingt das einen Autor zu sorgfältigem Arbeiten und sinnvollen Überarbeitungen, andererseits hatte ich das Gefühl, dass sich die Mitglieder der Wikipedia-Elite (langjährige Nutzer mit vertrauensvollen Nutzernamen à la "weissbier") teilweise zu kritisch auf die Beiträge von Neumitgliedern stürzen. Gleiche Beobachtung wie bei Herrn Peters: erst einmal etablierte Einträge zu speziellen Themen bleiben monate-/jahrelang unverändert.
Kein PARS PRO TOTO aber trotzdem mal 'ne eigene Erfahrung:
Ich bin von der IDEE Wikipedia begeistert und habe selbst mal vor ca. 2 Jahren einen kleinen Beitrag (in der engl. Version) über den Hitlerattentäter v. Gersdorff geschrieben. Er steht dort heute noch so, wie ich ihn hinterlassen hatte; es gab hier und da eine sprachliche oder stilistische Verbesserung, ein Portrait wurde zugefügt, das war’s. Das liegt allerdings wohl auch daran (ich habe mich da erst heute nach über 15 Monaten mal wieder eingeloggt), dass einfach nicht mehr jeder Schmierfink und Randaletreibender dort ungezügelt sein Unwesen treiben kann, da einige Leute sich dazu berufen fühlen, quasi "Streife zu gehen". In vielen Fällen sind das durchaus Menschen, die Ahnung von der jeweiligen Materie haben. Ganz anders sieht es aber z.B. dort aus, wohin ich meinen Beitrag "verlinkt" hatte, beim Thema "Sowjetische Kriegsverbrechen" (v. Gersdorff hatte Katyn entdeckt): Dieser Beitrag ist ein Schlachtfeld, weil es z.B. für Putinanhänger überhaupt keine Kriegsverbrechen der roten Armee gegeben hat. ... Für heikle oder heiße Themen ist ein Wiki.-Artikel daher unbrauchbar. Wer aber z.B. mal was über korinthische Säulen in Erfahrung bringen möchte oder über die Relativitätstheorie, ist dort meiner Meinung nach sehr gut aufgehoben.