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Veröffentlicht: 30.07.2013, 16:00 Uhr

Christian Enzensberger: Nicht Eins und Doch Größerer Versuch über den Stein

Ewige Wiederkehr: In seinem nachgelassenen Buch „Nicht Eins und Doch“ erweist sich Christian Enzensberger im Zwiegespräch mit Steinen als redseliger Mystiker und magischer Materialist.

von Thomas Kapielski
© Die Andere Bibliothek

Müssen, da die Steine schweigen, Menschen redend davon zeugen? Nicht unbedingt. Was macht ein Mensch mit Kieseln? Wenn er sie nicht übersieht? Er schaut sie, wiegt und wendet sie in der Hand; er bedenkt und forscht, wo sie herkommen, wie sie sich formten, woraus sie bestehen, vielleicht, wie sie sich fühlen. Da fallen Betrachter, Ästhet, womöglich Geologe, Chemiker und Poet kurz und lautlos in eins. Einige aber rollen Gedanken daran ab und schreiben Bücher darüber. Der Philosoph Roger Caillois (“Steine“, 1983; „Die Schrift der Steine“, 2004) etwa sammelte in Scheiben geschnittene Steine; auf der diesjährigen Biennale sind sie ausgestellt, und er las daraus wie auf Seiten - dass einst aus flüssigem Werden Sein aushärtete. Dauer und Hinfälligkeit, ein ersprießliches Thema.

Christian Enzensberger hat ebenfalls jahrelang über Steine nachgesonnen; postum sind seine Notizen dazu unter dem Titel „Nicht Eins und Doch“ erschienen. Der 2009 verstorbene Anglist, Autor und Übersetzer war der Bruder von Hans Magnus und Ulrich Enzensberger. Was sagen die Steine Enzensberger - sie reden ja mit ihm, in bairischer Mundart? Schwer zu sagen. Es geht um irgendein naturtief Unmittelbares, an Stein, Welt und Wasser Erfahrbares, um eigentlich Unsagbares. Und darum müht, munkelt und dreht sich das Buch, wie redselige Mystik, fünfhundert verwickelte Seiten lang. Es bleibt trotz aller Mühen seiner- und meinerseits unklar.

Das Buch will missfallen oder genauer: sich erleiden lassen

Ohne der Schwierigkeiten zu achten, die eine Beurteilung solch magischen Materialismus abfordert, kann man sich zunächst der Begutachtung seiner Buchform zu seinem Vor-, aber auch Nachteil bedienen. Das stattliche Werk sei, so der Verlag, „in Samt mit Steinstruktur gebunden“, schaut aber aus und fühlt sich an wie mit Sofalederimitat bezogen. Der Buchleib steckt überdies in einem Schuber, der den Titel auf abgebildetem Magmagestein werbend wiederholt und unten Strichcode, Preis und sonstige Nummern versteckt. Das Buch wirkt, wie alle aus der Anderen Bibliothek, nobel; indes bleibt unklärbar, ob der Autor von „Größerer Versuch über den Schmutz“ (1968) sich sein Werk sauber wie Edelware (oder gar überhaupt?) gewünscht hätte.

Wäre Karton, kieselgrau und wacker, schicklicher gewesen? Nein, denn warum muss, wo Stein drinsteht, „Steinstruktur“ drum herum sein? Vielleicht aber irrt diese kleine buchbinderische Täuschung gar nicht. Denn das Buch will auch sonst missfallen oder genauer: sich erleiden lassen. Irgendetwas stimmt nicht. Der endlose Text deutet auf eine erhabene wie schlichte, rätselhafte wie simple Tiefe, die sich dem durchaus Wohlwollenden - im Buch wird er mit „günstiger Leser“ angesprochen - nicht erschließen will.

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