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Christa Müller (Hrsg.): Urban Gardening Der Stadtbewohner als Ackerbürger

04.05.2011 ·  Wenn heute erstmals mehr als die Hälfte der Menschen in Städten lebt, zieht die Landwirtschaft hinterher: Ein neues Buch über den Trend zum urbanen Gärtnern versammelt Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen.

Von Gerhard Vinken
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Gärtnern ist hip. Michelle Obamas Gemüsegarten beim Weißen Haus ist ein ernstes Thema in den Vereinigten Staaten, wo der Begriff Urban Gardening in den siebziger Jahren geprägt worden ist. Nach den ökologischen Supermärkten boomen dort jetzt die Bauernmärkte. Auf dem Union Square in New York wird eine Fülle vergessen geglaubter Apfelsorten angeboten, oft von städtischen Kleinerzeugern, die den Gartenbau zurück in die Städte tragen. „Lebensmittel mitten in der Stadt anzubauen, sie mit anderen zu teilen, zu tauschen oder gemeinsam zu verzehren erscheint in der globalisierten Welt auf den ersten Blick als ein ungewöhnlicher Trend“, erklärt Christa Müller. Der von ihr herausgegebene Band „Urban Gardening - über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ ordnet das Phänomen in den Urbanisierungsprozess ein und richtet einen neuen Blick auf die Stadt als Lebens- und Handlungsraum. Wenn heute erstmals mehr als die Hälfte der Menschen in Städten leben, tragen sie doch ihre ländlichen Wurzeln mit sich.

Eine Fülle von Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen geht den vielfältigen Aspekten des städtischen Gartenbaus nach, die bei allen Unterschieden zumindest eines deutlich machen: Der Garten ist eine Domäne der Frauen. Nicht nur „arbeiten weitaus mehr Frauen als Männer in den Gärten“ (AutorInnenkollektiv), es schreiben auch mehr darüber. Der Garten ist in unser kollektives Gedächtnis tief eingesenkt als ein weltabgewandter Schutz- und Gegenort, ein Abglanz des Paradieses, der bis in die klösterlichen Kräutergärten reicht. Und viele der Motive, die im Zusammenhang mit dem Urban Gardening aufgerufen werden, haben eine alte Affinität zum Weiblichen. Der Garten dient nicht mehr nur dem Schmuck und der Erholung, sondern vielmehr der Erdung, der Begegnung mit der Natur. Und er erscheint hier als ein Ort der sozialen Kontakte, der solidarischen Hilfe und Gemeinschaftlichkeit und nicht zuletzt der gesunden Ernährung, die ein pflanzenkundiges Heilen einschließen kann.

Nie ganz verschwunden

Im ersten Teil des Bandes, den zeitdiagnostischen Beobachtungen, interpretiert Karin Werner die städtischen Gärten als „Eigensinnige Beheimatungen“, die mit Werten wie Gemeinschaft und Fürsorge der neoliberalen Ordnung Widerstand leisten. Niko Paech ordnet die urbanen Nutzgärten ein als Phänomene einer Postwachstumsökonomie, als sozial wie ökonomisch notwendige neue Formen von Subsistenzwirtschaft, die ein ausbalanciertes Verhältnis von Fremd- und Selbstversorgung ermöglichen. Die Trendforscherin Silke Borgstedt untersucht die Sehnsüchte nach dem „Paradies vor der Haustür“ und findet als Triebfedern der Bewegung Re-Grounding, Autonomie und Sinnlichkeit, als Reaktion auf den gefühlten Verlust an Gestaltungsmöglichkeiten. Der Agrarwirt Frieder Thomas hingegen zeigt die enge Verflechtung von Stadt und Landwirtschaft auf und folgert, dass Urban Gardening auch im Zusammenhang mit den Umbruchprozessen der Landwirtschaft gesehen werden müsse. Sein Plädoyer für die Wiederaneignung der Nahrungsmittelerzeugung in der Stadt zeigt indessen in aller Deutlichkeit, dass Landwirtschaft nicht nur das friedliche Sähen und Ernten ist. Die Nutztierhaltung, bis weit in das zwanzigste Jahrhundert selbstverständlicher Bestandteil urbaner Praxis, wird in der heutigen Bewegung vollständig ausgeblendet.

Inwieweit handelt es sich überhaupt, wie der Untertitel anzeigt, um eine „Rückkehr“ der Gärten in die Stadt? Stadtkarten aus der Zeit vor der Industrialisierung erstaunen immer wieder durch den hohen Anteil an Gartenland innerhalb der Stadtmauern, der in der Regel den der bebauten Fläche übertraf. Als Ackerbürger waren auch Stadtbewohner viel häufiger landwirtschaftlich tätig, als das gemeinhin angenommen wird. Erst Industrialisierung und Landflucht haben seit dem 19. Jahrhundert jene extremen innerstädtischen Verdichtungen erzeugt, für die emblematisch die Berliner Mietskaserne steht. Doch ist der Nutzgarten, wie Elisabeth Meyer-Renschhausen am Beispiel von Berlin zeigen kann, nie ganz aus den Städten verschwunden. Zu den neu entstehenden Arbeitersiedlungen etwa gehörten wie selbstverständlich Gemüseanbau und Kleinviehhaltung. Während des Ersten Weltkriegs entstanden zahlreiche Kleingartenkolonien, auch zur Abwendung der Hungerkrise. Und der Bogen sozialpolitisch gefärbter Gartenprojekte reicht von den gemeinschaftlich bewirtschafteten Obstbau-Kolonien der Lebensreformbewegung bis zu den begrünten Hinterhöfen der alternativ bewegten Hausbesetzer-Szene.

Neue Perspektiven für die Stadtplanung

Der städtischen Gartenbewegung, das lässt sich mehreren Beiträgen eher zwischen den Zeilen entnehmen, eignet aber auch ein antistädtischer Impuls. Die Großstadtkritik setzte die Verderbtheit und Unsittlichkeit der urbanen Gebilde von Anfang an in ein kausales Verhältnis zu deren Unnatürlichkeit und Naturferne. Entsprechend sind die meisten Stadtutopien darauf angelegt, den steinernen Moloch Großstadt zu überwinden. Sie sind im Kern stadtskeptisch, von Ebenezer Howards Gartenstadt der vorletzten Jahrhundertwende bis zum organischen Leitbild der aufgelockerten und durchgrünten Stadt der Nachkriegszeit.

Diese durchgrünte Stadt scheint nunmehr eine Renaissance unter veränderten Vorzeichen zu erleben, sei es unter dem Label der Nachhaltigkeit wie bei dem Landschaftsarchitekten Frank Lohrberg, sei es als vernetzte, produktive Stadtlandschaft mit landwirtschaftlichen Flächen auf Parkplätzen, Einkaufszentren, Flachdächern oder Bahndämmen, wie sie die Londoner Architekten Katrin Bohn & André Viljoen imaginieren. Einen wichtigen Beitrag könnte das Urban Gardening gerade dort leisten, wo durch Schrumpfung der Städte wachsende innerstädtische Brachen entstehen. Dies zeigen Andrea Baier am Beispiel von Nachbarschaftsgärten in Leipzig und Heike Brückner für Dessau, wo sich, in der Tradition der gemeinschaftlich genutzten Allmende, mit Selbsterntegärten und Ähnlichem neue Perspektiven für eine kreative Stadtplanung ergeben.

Kuba als Vorreiter

Andere Autoren weiten den Blick und suchen das Urban Gardening als ein globales politisches Phänomen zu beschreiben. Gern mehr erfahren würde man etwa über die Nutzgärten in den Favelas von Rio de Janeiro oder die Gemeinschaftsgärten in Buenos Aires oder Südafrika, denen hier unvermittelt die New Yorker Stadtgärten gegenübergestellt werden. Die spürbaren Unterschiede in der Organisationsform und im sozialen Umfeld lassen hier jedoch kaum einen ernsthaften Vergleich zu. Zwischen Subsistenzwirtschaft als Armutsfolge oder als Lifestyle-Phänomen klaffen Welten. Den beschriebenen Projekten scheint kaum mehr gemeinsam, als dass sie sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen.

Das wiederum ist in Kuba, einem der Vorreiter der urbanen Landwirtschaft, ganz anders. Dort sind die Nutzung privater Landressourcen und Selbstversorgungsstrategien staatlich gelenkt. Daniela Kälber beschreibt, wie die Kleinlandwirtschaft und der Übergang zu kollektiven Bewirtschaftungsformen zusammen mit der Etablierung sozialer Märkte die tiefe Krise der Planwirtschaft und industriellen Landwirtschaft überwinden helfen sollten. Ob die ganz unterschiedlichen städtischen Nutzgärten tatsächlich als starker Indikator für soziale Veränderungen und ein neues politisches Bewusstsein taugen, bleibt abzuwarten. Aber darin sind sich wohl die meisten Autorinnen und Autoren des informativen Bandes mit der Agrarwissenschaftlerin Andrea Heistinger einig: Urbane Gärten sind wichtig für „Ernährungssouveränität, Eigenmacht und Sortenvielfalt“.

Christa Müller (Hrsg.): „Urban Gardening“. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. oekom verlag, München 2011. 352 S., geb., 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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