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Christa Müller (Hrsg.): Urban Gardening : Der Stadtbewohner als Ackerbürger

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Bild: Verlag

Wenn heute erstmals mehr als die Hälfte der Menschen in Städten lebt, zieht die Landwirtschaft hinterher: Ein neues Buch über den Trend zum urbanen Gärtnern versammelt Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen.

          Gärtnern ist hip. Michelle Obamas Gemüsegarten beim Weißen Haus ist ein ernstes Thema in den Vereinigten Staaten, wo der Begriff Urban Gardening in den siebziger Jahren geprägt worden ist. Nach den ökologischen Supermärkten boomen dort jetzt die Bauernmärkte. Auf dem Union Square in New York wird eine Fülle vergessen geglaubter Apfelsorten angeboten, oft von städtischen Kleinerzeugern, die den Gartenbau zurück in die Städte tragen. „Lebensmittel mitten in der Stadt anzubauen, sie mit anderen zu teilen, zu tauschen oder gemeinsam zu verzehren erscheint in der globalisierten Welt auf den ersten Blick als ein ungewöhnlicher Trend“, erklärt Christa Müller. Der von ihr herausgegebene Band „Urban Gardening - über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ ordnet das Phänomen in den Urbanisierungsprozess ein und richtet einen neuen Blick auf die Stadt als Lebens- und Handlungsraum. Wenn heute erstmals mehr als die Hälfte der Menschen in Städten leben, tragen sie doch ihre ländlichen Wurzeln mit sich.

          Eine Fülle von Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen geht den vielfältigen Aspekten des städtischen Gartenbaus nach, die bei allen Unterschieden zumindest eines deutlich machen: Der Garten ist eine Domäne der Frauen. Nicht nur „arbeiten weitaus mehr Frauen als Männer in den Gärten“ (AutorInnenkollektiv), es schreiben auch mehr darüber. Der Garten ist in unser kollektives Gedächtnis tief eingesenkt als ein weltabgewandter Schutz- und Gegenort, ein Abglanz des Paradieses, der bis in die klösterlichen Kräutergärten reicht. Und viele der Motive, die im Zusammenhang mit dem Urban Gardening aufgerufen werden, haben eine alte Affinität zum Weiblichen. Der Garten dient nicht mehr nur dem Schmuck und der Erholung, sondern vielmehr der Erdung, der Begegnung mit der Natur. Und er erscheint hier als ein Ort der sozialen Kontakte, der solidarischen Hilfe und Gemeinschaftlichkeit und nicht zuletzt der gesunden Ernährung, die ein pflanzenkundiges Heilen einschließen kann.

          Nie ganz verschwunden

          Im ersten Teil des Bandes, den zeitdiagnostischen Beobachtungen, interpretiert Karin Werner die städtischen Gärten als „Eigensinnige Beheimatungen“, die mit Werten wie Gemeinschaft und Fürsorge der neoliberalen Ordnung Widerstand leisten. Niko Paech ordnet die urbanen Nutzgärten ein als Phänomene einer Postwachstumsökonomie, als sozial wie ökonomisch notwendige neue Formen von Subsistenzwirtschaft, die ein ausbalanciertes Verhältnis von Fremd- und Selbstversorgung ermöglichen. Die Trendforscherin Silke Borgstedt untersucht die Sehnsüchte nach dem „Paradies vor der Haustür“ und findet als Triebfedern der Bewegung Re-Grounding, Autonomie und Sinnlichkeit, als Reaktion auf den gefühlten Verlust an Gestaltungsmöglichkeiten. Der Agrarwirt Frieder Thomas hingegen zeigt die enge Verflechtung von Stadt und Landwirtschaft auf und folgert, dass Urban Gardening auch im Zusammenhang mit den Umbruchprozessen der Landwirtschaft gesehen werden müsse. Sein Plädoyer für die Wiederaneignung der Nahrungsmittelerzeugung in der Stadt zeigt indessen in aller Deutlichkeit, dass Landwirtschaft nicht nur das friedliche Sähen und Ernten ist. Die Nutztierhaltung, bis weit in das zwanzigste Jahrhundert selbstverständlicher Bestandteil urbaner Praxis, wird in der heutigen Bewegung vollständig ausgeblendet.

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