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Charles Duhigg: Die Macht der Gewohnheit : Schluss mit dem Kantinengang!

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Routinen sind nur Sparprogramme des Gehirns: Der Reporter Charles Duhigg hat herausgefunden, wie man der Macht der Gewohnheit ein Schnippchen schlägt.

          Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - und das ist zunächst gar nicht mal so schlecht. Denn erledigten wir nicht gut vierzig Prozent unseres Alltags gewohnheitsmäßig und damit automatisch, hätten wir den Kopf nicht frei für wichtigere Dinge. Dummerweise aber sind viele unserer Gewohnheiten schlechte, irrationale oder ungesunde Gewohnheiten, von der Hetzerei beim Frühstück über den zu voll geschaufelten Schreibtisch und das ständige Unterbrechen der Arbeit zum Lesen von E-Mails bis zum abendlichen Griff in die Kartoffelchipstüte. Und wer wüsste nicht, dass die Veränderung von Gewohnheiten wenn überhaupt, nur sehr schwer gelingt? Gewohnheiten sind unser Schicksal, zitiert „New York Times“-Reporter Charles Duhigg den Philosophen William James. Und fügt hinzu: Nur wenn wir verstehen, wie sie funktionieren, haben wir eine Chance, sie zu verändern.

          Duhiggs neues Buch ist teils Ratgeber für alle, die ihre schlechten Gewohnheiten nachhaltig verändern wollen, teils Bericht über den Stand der psychologischen, neurologischen und ökonomischen Forschung über Gewohnheiten und ihre Macht, vom individuellen Kampf gegen überschüssige Pfunde über die Umstrukturierung von Unternehmen bis zu den Entscheidungen von Politkern. Dabei arbeitet Duhigg mit einem sehr weiten Begriff von Gewohnheit. So hat in seinem Buch die Psychologie des Glücksspiels ebenso Platz wie die Entstehung von Bürgerrechtsbewegungen. Alles gut lesbar verpackt in spannende Geschichten über ungewöhnliche Schicksale.

          Eine neue Routine als Ersatz

          Wer sich einfach nur vornimmt, ab morgen das Rauchen dranzugeben, gesund zu essen und täglich zu joggen, so Duhigg, wird höchstwahrscheinlich nach ein paar Tagen mit seiner Willenskraft hadern und weiterleben wie bisher. Wer Gewohnheiten verändern will, brauche erst einmal einen Plan. Im Zentrum dieses Plans steht die Veränderung einer Abfolge aus Auslösereiz, Routine und Belohnung, die Duhigg die Gewohnheitsschleife nennt: Jeden Tag um 15 Uhr vom Schreibtisch aufstehen, in der Kantine ein Stück Kuchen kaufen, ein wenig mit Kollegen schwatzen und dann entspannt zurück an den Arbeitsplatz.

          Eine solche Gewohnheit lässt sich nicht komplett aus der Welt schaffen, betont Duhigg. Der Trick bestehe vielmehr darin, Auslösereiz und Belohnungsempfinden beizubehalten, dazwischen aber eine neue Routine, sprich: eine neue Gewohnheit, einzufügen. Wie man sich selbst für Auslösereize sensibilisiert und herausbekommt, ob es einem wirklich um den Kuchen oder vielleicht nur einem eine kleine Pause geht, erläutert der Autor im Anhang.

          Zum Zähneputzen animiert

          Im Hauptteil geht es ihm um die größere Perspektive. Denn auch der Staat, Unternehmensführungen und die Werbewirtschaft interessieren sich brennend für unsere Gewohnheiten und die Möglichkeiten, sie zu beeinflussen. Die Gewohnheitsschleife zieht sich dabei als roter Faden durch das Buch: Menschen lassen sich nur auf neue Gewohnheiten ein, wenn diese an bestehende Auslösereize und Belohnungserlebnisse gekoppelt werden, so Duhigg. Als die amerikanische Regierung die Bürger im Zweiten Weltkrieg dazu bringen wollte, Innereien zu essen, weil das Fleisch für die Front gebraucht wurde, knüpfte die Kampagne deshalb gezielt an die bestehenden Gewohnheiten an und vermittelte: Ob nun Steak oder Leber in der Pfanne brutzelt, ein schmackhaftes Essen wird es auf jeden Fall.

          Fast alles kann ein Auslösereiz sein, ein Werbespot, ein Ort, eine Tageszeit, eine Emotion. Dem Werbefachmann Claude Hopkins gelang es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit einem einfachen Auslösereiz eine mächtige neue Gewohnheitsschleife in die Welt zu setzen: das Zähneputzen. „Lassen Sie Ihre Zunge über Ihre Zähne gleiten. Sie spüren einen Film - dieser lässt Ihre Zähne ungesund erscheinen und fördert die Fäulnis.“ Dazu eine Zahnpasta, die schön schäumt - was den Kunden Wirksamkeit signalisiert - und als Belohnung ein frisches Gefühl im Mund. In den dreißiger Jahren war das Zähneputzen für mehr als die Hälfte der Amerikaner zur Gewohnheit geworden.

          Gewohnheiten sind kein Schicksal

          Was dem Individuum seine Gewohnheiten, sind dem Unternehmen seine Routinen, so Duhigg. Und ähnlich wie das Individuum sollte sich auch der Manager nicht zu viel auf einmal vornehmen, sondern sich Teilziele setzen und abwarten, ob sich nicht infolge lokaler Veränderungen das ganze Gewohnheitsgefüge verschiebt. Paul O’Neill wollte erst einmal nur die Zahl der Arbeitsunfälle beim Aluminium-Konzern Alcoa senken. Als alle nötigen Maßnahmen umgesetzt waren, war der Konzern komplett umstrukturiert. Und ebenfalls für Individuen wie für Unternehmen gilt: Krisen sind eine gute Chance, Gewohnheiten zu verändern, denn sie machen Menschen bereit, Neues zu akzeptieren. Erst ein Großbrand schaffte genug Druck, um die verkrusteten Strukturen der Londoner U-Bahn-Gesellschaft aufzubrechen und ein effizientes Sicherheitskonzept umzusetzen.

          Gewohnheiten machen Menschen berechenbar. Eindrücklich schildert der Autor, wie wenig Informationen ein Supermarkt benötigt, um uns gezielt die Angebote zu machen, denen wir am wenigsten widerstehen werden. Wenn Sie einmal in der Woche gegen 18.30 Uhr Eis kaufen und im Juli und Oktober große Müllbeutel, folgern Statistiker, dass Sie Kinder und einen Garten haben und schicken zu den passenden Zeiten Werbung für Rasenmäher und Schulzeug. Sie entnehmen dem Kaufverhalten, egal ob gewohnheitsbedingt oder rational durchdacht, im wievielten Monat eine Frau schwanger ist und können sie dann fristgerecht mit Werbung für Babybetten und Windeln eindecken. Wer Gewohnheiten versteht, so die Botschaft des vielseitigen Buches, kann sie auch verändern. Gewohnheiten, so Duhigg, sind am Ende doch kein Schicksal. Es sind nur Sparprogramme des Gehirns. Wer sie verändern will, muss seinen Kopf dafür frei machen.

          Charles Duhigg: „Die Macht der Gewohnheit“. Warum wir tun, was wir tun. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. Berlin Verlag, Berlin 2012. 416 S., geb., 22,99 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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