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Carl Schmitt / Hans-Dietrich Sander: Werkstatt-Discorsi : Ich warne Sie ernstlich

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Bild: Edition Antaios

Der Briefwechsel zwischen Carl Schmitt und Hans-Dietrich Sander zeigt zwei Autoren, die eine tief gehende Aversion gegen den Liberalismus verband. Aber Sanders kritisierte Schmitt-Schüler immer heftiger und attestierte ihnen zu große Nähe zu den westdeutschen staatlichen Verhältnissen.

          Wenn die kaum abreißende Fülle der Editionen von Briefwechseln Carl Schmitts ein diesen Texten zugrundeliegendes Muster hervortreten lässt, dann ist es die bis ins höchste Alter anhaltende intellektuelle Neugier. Dieser unermüdliche Leser war ebenso unermüdlich darin, mit den verschiedensten Briefpartnern Austausch zu pflegen. Ein solcher Partner war Hans-Dietrich Sander, dessen Biographie in der Tat Interesse erwecken konnte. 1928 in Mecklenburg geboren und dort zur Schule gegangen, studierte er 1948 bis 1952 in West-Berlin, siedelte nach Ost-Berlin über und arbeitete bei Bertolt Brecht und im Henschel-Verlag. 1957 ging er wieder in den Westen und wurde publizistisch tätig, mit der Zeit an immer entlegeneren Stellen.

          Beide Briefpartner verband eine tiefe Aversion gegen den Liberalismus, und die Briefe sind erfüllt von diesbezüglichen bissigen Bemerkungen. Sander kultiviert darüber hinaus seine Rolle als Verfolgter, zieht dabei gerne die Parallele zu Schmitt und schreibt sie dem zu, was er im Nachwort „meine aufrechte Haltung und mein gradliniges Denken“ nennt. Diese Haltung, von der auch als von einem Hang zur Polemik oder gar zum Treten vor Schienbeine die Rede ist, verwickelt Sander in etliche Kleinkriege auch im rechtsintellektuellen Milieu. Sie hat womöglich auch damit zu tun, dass er „zu viel“ den großen Polemiker Karl Marx und dessen Dioskuren Friedrich Engels gelesen hat. Diese marxistische Prägung führte dazu, dass Schmitt intensiven Anteil am Entstehen der Dissertation und an deren zweiter Auflage nahm, die durch drei Anhänge - „Corollarien“ - erweitert wurde.

          Nachsicht für den Tyrannen

          Besonders interessierte sich Schmitt für das Corollarium, in dem von der Rolle Stalins im Herrschaftsgefüge der Sowjetunion die Rede ist, weil hier Schmitts Problem des „Zugangs zum Machthaber“ behandelt wird; er findet es „brillant“. Freilich neigte Sander dazu, dem Tyrannen allzu viel zugutezuhalten. Aufgrund von Memoiren, auch von Stalins Tochter Swetlana, vertrat er etwa die These, dass Stalin den um ihn getriebenen Kult eher widerwillig und ohne sein Zutun ertragen habe. Die Belege dafür sind ironische Bemerkungen Stalins selbst über seine angeblich das Göttliche streifende Größe - als ob nicht auch zahlreiche andere Alleinherrscher in der Geschichte, von Alexander dem Großen bis zu Adolf Hitler, über dieses Herrschaftsmittel genau Bescheid wussten und sich intern mit demselben Zynismus geäußert hätten.

          Und man muss sich schon wundern, wenn gelegentliche huldvoll gewährte Sondererlaubnisse etwa durch ein Telefongespräch mit Michail Bulgakow oder gar Texte aus den in der DDR erschienenen Werken als Beleg dafür dienen müssen, dass Stalin in künstlerischen Dingen viel offener gedacht habe als seine vernagelte Umgebung, gegen die er sich nicht habe durchsetzen können. Punktuelle Gunstbeweise sind ebenfalls ein uraltes Herrschaftsmittel und unterstreichen nur den allgegenwärtigen Terror.

          Schmitts Warnungen

          Von beklemmender Ambivalenz sind Sanders Äußerungen über Juden im westdeutschen Geistesleben. Hans-Joachim Schoeps und Edgar Salin hatten ihn als Doktorvater und als Vermittler des Druckes der Dissertation gefördert, Karl Löwith und Oskar Lange wird zudem im Vorwort gedankt. Trotzdem kennt er eine „Judenfrage“, unter die er die Frankfurter Schule subsumiert, und fatalerweise glaubt, sie mit dem Begriff „ortlos“ erklären zu können; das wird in einem Corollarium näher ausgeführt.

          Carl Schmitt allerdings begegnete dem Vorhaben mit großer Reserve und warnte ihn ernstlich davor, dieses komplexe Thema zu behandeln. Es müsse dann der riesige Bereich der Emigration überhaupt mit einbezogen werden, und Sander gerate in die Gefahr des Zauberlehrlings, der sich vor den entfesselten Wassermassen nicht mehr retten konnte. Diese Warnung war inhaltlich und nicht taktisch gemeint; das ergibt sich aus einer anderen Warnung Schmitts. Sander hatte ihm ein Manuskript geschickt, das Schmitt Veranlassung gab, ihn vor einer Arbeitsweise zu warnen, die zu viel zu schnell ins Auge fasste.

          Unbegründete Ausritte

          Zunächst riet Schmitt lediglich zur Vorsicht bei der „Behandlung innerfachlicher Fragen der deutschen Staatsrechtswissenschaft“. Er wurde später deutlicher: „Ich warne Sie jedoch ernstlich, sich um solche spezifisch verfassungstheoretische Kontroversen zu bemühen. Schnellinformationen nützen da nichts“, oder dann noch unmissverständlicher: „In die sehr spezifische verfassungsjuristische Literatur kann man sich nicht en passant einlesen.“ Es war aber nicht nur das Missbehagen an der Arbeitsweise, das Schmitt zu immer schärferen Äußerungen veranlasste.

          Der sich immer mehr radikalisierende Sander ging dazu über, Kritik an den Schmitt-Schülern Ernst Forsthoff, Roman Schnur und Werner Weber sowie an anderen Schmitt Nahestehenden zu üben, an denen er zu große Nähe zu den westdeutschen staatlichen Verhältnissen entdeckte. Darauf Schmitt: „Ihre Angriffe auf E. R. Huber und auf Koselleck . . . halte ich, angesichts der vorliegenden Leistungen jedes dieser Gelehrten, für unbegründet und inopportun.“ Dass es danach nur noch drei kurze Sendungen Schmitts an Sander gab - wohl aber zahlreiche von Sander an Schmitt -, kann nicht verwundern.

          Der Briefwechsel ist ein abermaliges Beispiel dafür, wie Schmitt sich auf seine jeweiligen Briefpartner einstellte und sich in deren jeweiligen Sichtweisen bewegte. Querverbindungen gibt es nicht; so erfährt Sander, der die Neufassung von Blumenbergs „Legitimität der Neuzeit“ kritisierte, nicht, dass darüber ein Briefwechsel Blumenbergs mit Schmitt stattgefunden hatte. Weitere Briefwechsel aus dem langen Leben Carl Schmitts werden ein immer größeres Panorama der geistigen Landschaft des 20. Jahrhunderts sichtbar machen.

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