09.12.2009 · Carl Heinrich Merck erforschte die Natur zwischen Sibirien und Alaska. Heute ist er vergessen. Die Edition seines Reisetagebuchs sollte das ändern, auch wenn hin und wieder etwas unerklärt bleiben muss.
Von Tilman SpreckelsenAls der junge Arzt Carl Heinrich Merck, geboren 1761 in Darmstadt und seit kurzem Hospitalarzt in Irkutsk, 1786 überraschend zum Teilnehmer einer großangelegten Expedition ins östlichste Sibirien und darüber hinaus ernannt wurde, erhielt er klare Anweisungen: Er sollte unterwegs Flora und Fauna beschreiben und, wo möglich, präparieren und nach Sankt Petersburg schicken. Ferner sollte er notieren, was ihm aus dem Bereich der Geographie und Mineralogie bemerkenswert erscheine. Angaben zu Sprache, Kultur und Lebensweise der indigenen Gruppen wurden selbstverständlich ebenfalls von ihm erwartet – und er solle doch auch bitte darauf achten, wie und mit welchen Hilfsmitteln die Schamanen ihre Kranken heilen.
Natürlich war das viel, natürlich musste das den jungen Mediziner immer wieder überfordern, vor allem dort, wo er zuvor keine großen Kenntnisse hatte erwerben können. Aber Merck wird sich nicht groß über die Anforderungen gewundert haben, denn sie entsprachen dem, was damals von expeditionsbegleitenden Naturforschern erwartet wurde, die sich zudem nicht selten erst während der jeweiligen Reise die nötigen systematischen Fähigkeiten aneigneten. Im Übrigen scheint Merck die reiche, ständig wachsende Fachbibliothek des Unternehmens eifrig konsultiert zu haben.
800 Rubel Jahreslohn
Der junge Arzt also schloss sich gegen einen Jahreslohn von 800 Rubeln der Expedition unter der Leitung von Joseph Billings an, gelangte im Mai 1786 nach Jakutsk und zwei Monate später zur Hafenstadt Ochotsk an der sibirischen Ostküste. Das war der eigentliche Ausgangspunkt einer Reise, die man für Merck grob in drei Etappen einteilen kann: Die erste führte ihn, während man noch auf das Fertigstellen zweier größerer Expeditionsschiffe wartete, Richtung Norden, ins Mündungsdelta des Flusses Kolyma – ihr nicht realisiertes Ziel war die Entdeckung eines Seewegs entlang der Tschuktschen-Halbinsel zur Beringstraße und damit die Kartierung eines Teils der so sehnlich gesuchten Nordostpassage.
Zurückgekehrt nach Ochotsk, begann für Merck die zweite Etappe im Sommer 1789, als Billings Mannschaft Richtung Kamtschatka aufbrach, dort überwinterte und im folgenden Jahr über die Aleuten bis nach Alaska gelangte, 1791 dann bis zur Beringstraße segelte und im Osten der Tschuktschen-Halbinsel an Land ging. Dort beginnt Mercks dritte Etappe: Zusammen mit einem Teil der Reisenden und geführt von Einheimischen durchquerte er die Halbinsel bis zum Mündungsgebiet des Kolyma. Im April 1792 erreichte man neuerlich Jakutsk, wo man die übrigen Expeditionsteilnehmer erwartete und dann den Weg zurück nach Westen einschlug.
Nüchterner Ton
Eine ungeheure Reise war das, ein Abenteuer voller Exotik, ein Feuerwerk von Sinneseindrücken im arktischen Winter ebenso wie im nebligen Aleutensommer. In Mercks Notizen, die jetzt erstmals ediert vorliegen, findet man kaum einmal ein Zeichen von Überwältigung. Sein Ton ist nüchtern, immerhin schreibt er für die Akademie im fernen Sankt Petersburg, und die will er nicht im Übermaß mit Naturschönheiten belästigen.
Immer wieder zieht er los, begleitet von ein paar Helfern, unter denen in der Regel auch ein „Ausstopfer“ für die anfallenden Vogelbälge ist. Er reist durch die Ödnis und notiert, was er sieht: „Die stämigten Birken aufstehend, schraglich zu einer Seite geneigt. An Dicke komen sie den Lärchen nach, sehr selten an Höhe. Die Äste abstehend, selten gerade, meist mit Beug oder Krümmungen. Die Zweige klein, meist aufstehend. In selben zeigten sich trupweis der rotplätige Stemfling.“
Unter Wilden
Wer derlei heute ediert, muss eine Vielzahl von Spezialkenntnissen besitzen oder sie sich erwerben; er muss aus Mercks mitunter schwer lesbaren Orts-, Pflanzen- oder Tiernamen die heute gebräuchlichen ermitteln, Maßeinheiten entschlüsseln und fremdsprachliche Ausdrücke übersetzen, um nur das Offensichtliche zu nennen. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes leisten in dieser Hinsicht Hervorragendes, auch wenn es unausweichlich ist, dass hin und wieder etwas unerklärt bleiben muss – der erwähnte „rotplätige Stemfling“ ist so ein Fall. Ganz ungekürzt lassen sie den Text nicht und greifen gern in längliche Beschreibungen einzelner Spezies ein, ohne dass die Kriterien, nach denen das eine wegfällt und das andere stehen bleibt, ganz klar würden. Und schließlich vermisst man auch Mercks gesondert festgehaltene Beschreibung jener Reise durch die Tschuktschenhalbinsel im engen Kontakt mit den Nomaden, die im hier vorliegenden eigentlichen Tagebuch nur sehr knapp summiert wird. Immerhin bilanziert Merck: „Schwer genug blieb es uns, diese sechs Monate durch unter einem Schwarm von Wilden zu leben, wo selbst der Vattermörder nie fremden Vorwurf zu erwarten hat, und deren Gebräuche jeden nur zum unumschränkten Herrn zu bilden sich bemühen, die fremdes Eigenthum zu rauben für eine Fertigkeit halten, und bei denen der Wechsel von Freundschaft zu tötendem Haß kaum den schwächsten Übergang leidet.“ Davon, wie genau Merck zu diesem Eindruck kam, läse man gern mehr.
Merck starb 1799 in Sankt Petersburg, mit 37 Jahren. Offenbar hat er sich von der Expedition nicht mehr recht erholt.
Die wichtigsten Sachbücher in Rezensionen der F.A.Z.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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