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Byung-Chul Han: „Transparenzgesellschaft“ : Durchsicht ist nicht mit Einsicht zu verwechseln

Bild: verlag

Piraten mag er gar nicht: Byung-Chul Han findet Transparenz pornographisch und überhaupt alles schrecklich.

          Die in Politik wie Gesellschaft vielbeschworene Transparenz zum Gegenstand einer Streitschrift zu machen war überfällig. Die Wulff-Affäre hatte zuletzt wieder gezeigt, dass sich mit dem Versprechen der Durchsichtigkeit auch der gesunde Menschenverstand verspotten und wertvolle Zeit im politischen Überlebenskampf gewinnen lässt. Dabei kehrt sich die Transparenz ohnehin meist gegen den, der sie als Devise ausgibt. Ist das Vertrauen in einen Politiker erst einmal erschüttert, findet sich für die Öffentlichkeit immer neuer Klärungsbedarf. Streng betrieben ist die Herstellung von Transparenz in politischen Belangen ein geradezu unendlicher Prozess, den es zur rechten Zeit abzubrechen gilt. Dass dieser Prozess auch echte Euphoriker der Transparenz verschleißt, bewies in den letzten Wochen die Piratenpartei, in der immer wieder exponierte Vertreter wegen Überlastung ihr Amt aufgaben.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Transparenz abträgliche Befunde wie diese - und weitere werden hinzukommen - kann der Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han nach Vorlage seiner Streitschrift „Transparenzgesellschaft“ künftig auf der Habenseite verbuchen. Eine „totale Ausleuchtung“ führe zu einer „besonderen Art seelischen Burnouts“, schreibt er gleich auf den ersten Seiten seiner schmalen Schrift und setzt wenig später hinzu, eine radikal vertretene Transparenz lähme das politische Leben einer Gesellschaft nachhaltig.

          „Ausleuchtung ist Ausbeutung“

          Die Piraten bezeichnet Han als „farblose Meinungspartei“, die lediglich das vorhandene System stabilisiere und der es ohne die „durchschlagende Negativität“ einer Ideologie nicht gelingen werde, „neue gesellschaftliche Koordinaten herzustellen“. Man merkt es schon: An der sogenannten Transparenzgesellschaft lässt Han kein gutes Haar. Ein halbes Dutzend Mal bezeichnet er sie als pornographisch und (mindestens zweimal) als totalitär. Wobei seine letztlich kapitalismuskritische Grundannahme lautet: „Das gesellschaftliche System setzt heute all seine Prozesse einem Transparenzzwang aus, um sie zu operationalisieren und zu beschleunigen.“

          Als Beispiele führt Han die Hyperkommunikation in den sozialen Netzwerken an, in der alles Widerständige nur störe und sich das Individuum als Ware ausstelle, ohne zu merken, wie es dadurch ökonomisch ausgebeutet und letztlich seiner Freiheit beraubt werde. „Ausleuchtung ist Ausbeutung“, so Hans Credo, welchem jüngst von dem Musiker Sven Regener in einer vielzitierten Brandrede für das Urheberrecht sekundiert wurde.

          An der Seite Heinrich Heines

          Doch liegen die Vorzüge von Hans Schrift nicht in seinen wirtschaftlichen oder politischen Analysen. Man fragt sich sogar wiederholt, welchem Politikverständnis der Karlsruher Philosoph wohl anhängen mag, wenn er das „Arcane“ bei Carl Schmitt hofiert oder die Hinterzimmer-List ungerührt und dürftig begründet dem kategorischen Imperativ vorzieht. Nur um gegen Ende seiner Schrift ganz unvermittelt eine Kehrtwende zu vollziehen und das Verschwinden einer kritischen Öffentlichkeit zu bedauern, die als „Gemeinschaft im emphatischen Sinne“ auftrete - wobei er Arabellion und Occupy-Bewegung übersieht, in denen sich die Forderung nach Transparenz ganz vorzüglich mit der Facebook-Verabredung und einem vielleicht sogar übersteigerten Wir-Gefühl verbunden hat.

          In seinen politischen Überlegungen tritt Byung-Chul Han an die Seite Heinrich Heines, der in seiner Börne-Schrift dem Frankfurter Radikaldemokraten mit Aussagen wie „Die Könige gehen fort, und mit ihnen gehen die letzten Dichter“ trotzig einen ästhetisch motivierten Monarchismus entgegenhielt. Überflüssig zu betonen, dass Poesie und Politik die Demokratisierung der Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert überlebt haben, wenn beiden seither auch eine spezifische „Größe“ fehlen mag, zu der man unterschiedlich stehen kann.

          Von der „pornographischen“ Transparenz

          Die Frage ist nur, ob angesichts der zunehmenden Komplexität politischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge Undurchsichtigkeit die geeignete Alternative zur Transparenzforderung darstellt. Verhält sich nicht derjenige, der das annimmt, ebenso affirmativ gegenüber den Verhältnissen wie die zuvor kritisierte Piratenpartei?

          Hans eigentliches Motiv scheint die Verteidigung des Ästhetischen und des Nachdenkens im Wortsinn zu sein. „Die Transparenz ist nicht das Medium des Schönen“, bedauert er und setzt der oberflächlichen Transparenzgesellschaft eine seit jeher mit dem Bereich des Ästhetischen verbundene Inkommensurabilität entgegen. Er plädiert für ein Aushalten der „Andersheit“, für eine „Negativität der Unterscheidung“, die ein Nachdenken überhaupt erst ermögliche - und wer wollte ihm da widersprechen?

          Problematisch wird Hans Argumentation jedoch immer dann, wenn er der „pornographischen“ Transparenz ohne jeglichen Versuch einer Vermittlung oder Dialektik eine Erotik der Intransparenz und der „semantischen Unschärfe“ entgegenstellt. Womit er auch den angestrebten Stil seiner eigenen Schrift beschreibt, die nicht argumentiert, sondern behauptet und alles Mögliche - Suchmaschinen, Überwachungstechnik, Pornos, Facebook, Märkte - zu einer Zeitdiagnose zusammenrührt. „Heute entwickelt sich der ganze Globus zu einem Panoptikum“ - von wo aus sieht der Philosoph so etwas? „Im Gegensatz zum Rechnen ist das Denken sich nicht transparent“ - aber ein bisschen mehr Klarheit wäre nicht nur möglich, sondern höflich.

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