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Buch über „Bullshit Jobs“ : Sinn ist halt eine knappe Ressource

  • -Aktualisiert am

David Graeber Bild: Helmut Fricke

Pseudoarbeit, wohin er blickt: Der Autor David Graeber glaubt zu wissen, was wirklich nützliche lohnabhängige Beschäftigungen sind. Ein bisschen mehr Selbsterkenntnis täte da gut.

          David Graeber, das ist doch der von „Schulden“. Untertitel „Die ersten 5000 Jahre“. Witzig. Und ein wenig anmaßend. Aber gutes Buch. Gedacht, getan – Rezensionsangebot für das neue Buch angenommen. So ähnlich wird es wohl auch manchen im Buchladen gehen. „Vom Autor des Bestsellers Schulden“ steht groß auf dem Cover, gleich oben unter dem Autorennamen. Ach der. Und jetzt also „Bullshit Jobs“ – was er damit wohl meint? Gefragt, gekauft. Vielleicht eine Fehlentscheidung.

          Der Rezensent jedenfalls hat etwa fünfzig Seiten gebraucht, um sich davon zu überzeugen, dass er einen Bullshit-Job hat. Was das heißt? Nun, er wird dafür bezahlt, ein Buch zu lesen, das die Welt nicht braucht, um anderen Menschen, die sicher Besseres zu tun hätten, davon zu berichten, dass er soeben ein Buch gelesen hat, das die Welt nicht braucht. Was da für Mengen an sinnlos vergeudeter Arbeitskraft zusammenkommen: ja nicht nur bei den Lesenden und Berichtenden. Sondern selbstverständlich und zuallererst auch beim Schreibenden selbst, sodann bei Lektorierenden, Gestaltenden, Druckenden, Vermarktenden, Vertreibenden, Verkaufenden. Bis hin zur finalen Arbeit an der Altpapier-„Verwertung“. Ein Feuerwerk der Überflüssigkeit.

          Und ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Was aber das Buch selbst angeht: David Graeber hält unverkennbar ganz große Stücke auf sein Werk – und dieses für alles andere als überflüssig. Genau diese subjektive Selbsteinschätzung der Bedeutung (oder eben Bedeutungslosigkeit) des eigenen Tuns und Lassens aber ist nach Graeber das entscheidende Kriterium auch für den objektiven Urteilsspruch über die Qualität einer Beschäftigung: Daumen hoch oder runter, gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeit oder vollkommen überflüssiger „Bullshit Job“.

          Zentrale Widersprüche der Konstitution und Reproduktion

          Was diese objektivierende Beurteilung angeht, hält sich Graeber seine besondere Qualifikation als Anthropologe zugute: Für seinesgleichen sei es „eigentlich kein Problem“, die „unausgesprochene Theorie herauszukitzeln“, die hinter dem praktischen Alltagshandeln der Leute und also auch hinter ihrer konkreten Arbeitspraxis stecke. Mit diesem Selbstbewusstsein ausgestattet, betreibt er eine empirische Forschung, die dem Soziologen wiederum den Atem stocken lässt.

          Im Kern stützt sich sein Buch nämlich auf einige hundert E-Mail-Zuschriften, die ihn als Reaktion auf eine Erstveröffentlichung zum Thema erreichten, sowie auf Antworten seiner Twitter-Follower auf einen Aufruf zu persönlichen Erfahrungsberichten in Sachen „Bullshit Jobs“. Aus diesen Quellen kitzelt er die – häufig freilich von den Betroffenen selbst schon ausgesprochene – Theorie eines falschen Lebens in der real existierenden Arbeitsgesellschaft heraus. Und nicht zuletzt auch aus seiner ganz ungefilterten Privatempirie: Immer wieder kann er „aus persönlicher Erfahrung“ berichten, die er vor allem seinem universitären Arbeitsumfeld entnimmt. Nach der Methode des „Ich glaube, ich kenne niemanden, der nicht...“ werden weitreichende qualitative Befunde generiert, die der Autor dann gerne nach Pi-mal-Daumen-Regel hochrechnet, so dass am Ende herauskommt, dass gut und gerne die Hälfte aller Beschäftigungsverhältnisse Schwachsinns-Jobs sind. Oder womöglich auch noch deutlich mehr. Man muss sich ja nur mal in seiner eigenen Umgebung umschauen.

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