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Bücher zum Lutherjahr : Ein Gespenst namens Protestantismus

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Leppins Luther wird zugunsten der ihm vorangegangenen Frömmigkeitstradition geschrumpft. Konzeptionell unbefriedigend, eine Folge der methodischen Engführung auf Frömmigkeits- und Theologiegeschichte, bleibt, dass die Rekonstruktion des theologischen Werdens Luthers schon gleich „die Reformation“ sein soll. Leppin kämpft unablässig gegen das offenbar namen- und gesichtslose Gespenst „des Protestantismus“, der sich der Erkenntnis seiner Prägung durch „das Mittelalter“ entzieht und die fälligen Konsequenzen für die Ökumene, die Angebetete des tragischen Tübinger Ritters, verweigert. Keine Angst, Jubiläumsfreude kommt so nicht auf!

Der Beginn einer Unheilsgeschichte

Dass diese Gefahr auch bei „Der deutsche Glaubenskrieg. Martin Luther, der Papst und die Folgen“ von Tillman Bendikowski, einem Neuzeit-Historiker und Journalisten, nicht besteht, ist klar. Bendikowski zeigt die deutsche Geschichte im Bann tiefer religiöser Verwerfungen, die unendliches Leid – kulminierend im Dreißigjährigen Krieg – über die Deutschen gebracht, im Kulturkampf fröhliche Urständ gefeiert habe und in der „neuen Konjunktur“ der Religion in unserer Gegenwart bedrohlich zurückkehre. Luther und die Reformation – der Anfang einer Unheilsgeschichte, deren lange Schatten bis zu den „Privilegien“ der Amtskirchen unserer Tage reichten, die in der „deutschen Religionspolitik“ „etwa dem Islam gegenüber“ noch immer „bessergestellt“ würden.

Das Alarmierend-Bemerkenswerte dieses Buches besteht in dreierlei: in der völligen Ignoranz gegenüber religiös induzierten Konflikten vor Luther, deren Kenntnis eine Voraussetzung für die in der Reformation auftretenden Konfliktlagen wäre; in der Fixierung auf die deutsche Geschichte, das heißt der Unkenntnis der etwa in Frankreich tobenden Religionskriege; schließlich im Unwillen oder in der Unfähigkeit, den mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 beziehungsweise dem Westfälischen Frieden von 1648 mit großem Erfolg eingeschlagenen Weg der Pazifizierung der Religionsfrage mittels ihrer staatlichen Verrechtlichung angemessen zu würdigen.

Zivilisierung der Religion mit Mitteln des Staats

Das deutsche Staatskirchenrecht, in der Tat die Blut-und-Tränen-Saat eines mörderischen Religionskonflikts, repräsentiert ein Modell der Entschärfung religiöser Gewaltpotentiale durch staatlich verbürgte und durchgesetzte Toleranz – um des förderlichen Interesses an der Religion willen. Ein Modell, das von protestantischen Juristen propagiert und von evangelischen Theologen bereits verteidigt wurde, als Katholiken noch darüber stritten, ob man mit Ketzern überhaupt Frieden schließen dürfe!

Der 31. Oktober 2017 wird in der Bundesrepublik Deutschland als außerordentlicher Feiertag begangen werden. Die hier besprochenen Bücher liefern keinen Grund, dies zu tun. Doch einen solchen Grund gibt es: Die Antwort unserer Rechtskultur auf die Gretchenfrage lautet nicht, dass die Religion überwunden oder ignoriert werden kann und soll; der Königsweg der Moderne ist der der Zivilisierung der Religion mit den Mitteln des staatlichen Rechts.

Die Legitimität dieses Weges hat übrigens kein Theologe des sechzehnten Jahrhunderts nachdrücklicher verfochten als Luther; die weltliche Gewalt habe nicht zum Glauben zu erziehen, sondern dem Bösen zu wehren und den äußeren Frieden zu sichern. Neben vielem anderen war Luther ein genialer Publizist, ein virtuoser Sprachkünstler, ein Kämpfer für den Sinn und die Freiheit des Glaubens. Jenseits des abstoßenden Heroismus des neunzehnten Jahrhunderts kommt ihm historische Größe zu; zum Schrumpfgermanen taugt er nicht.

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