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Opfer des IS erzählen : Helles Haar steigert den Preis

Opfer des vorrückenden „Islamischen Staates“: Jesiden auf der Flucht aus ihrer nordirakischen Heimatregion Richtung syrische Grenze im Sommer 2014 Bild: Reuters

Erst Vergewaltigung und Folter, dann Weiterverkauf: Was die Berichte dreier junger Jesidinnen verraten, die vom „Islamischen Staat“ versklavt wurden und den Gotteskriegern entkommen konnten.

          Wer einmal in Gefangenschaft des „Islamischen Staates“ gerät, kehrt lebend nicht mehr zurück – so machen es die Videos glauben, welche die Terrororganisation immer wieder von ihren Geiseln und deren Hinrichtungen veröffentlicht. Nun sind drei Bücher erschienen, die andere Geschichten erzählen – von Sklaverei, Vergewaltigung und Folter, aber auch von Fluchthelfern und politischem Asyl.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie erzählen von drei jungen Jesidinnen, deren Schicksale einander so ähnlich sind, dass man wohl annehmen muss, der IS verfolgt in seinem Krieg besonders gegenüber den Frauen derer, die er als ungläubig erachtet, eine perfide, auf äußerste Demütigung zielende Strategie. Alle drei Mädchen sind im Sommer 2014 gefangen genommen worden. Alle drei wohnten in Dörfern am Fuß des Sindschar-Gebirges im Norden des Iraks, einem Gebiet, das der IS in jenem Sommer in wenigen Tagen überrannt hatte.

          Die drei sorgen sich vor allem um ihre Ehre

          Von denen, die diesem Angriff entkamen, war in der Folgezeit in den Nachrichten zu hören: Die meisten waren auf die Berge geflohen, wo sie in der Falle saßen, tagelang ausharrten und viele von ihnen starben, bevor es den Amerikanern gelang, aus der Luft einen Fluchtkorridor freizubomben, auf dem die Überlebenden in sicheres kurdisches Gebiet gelangen konnten. Was mit denen geschah, denen diese Flucht nicht glückte, weil sie zu spät aufbrachen oder falsche Entscheidungen trafen, konnte man nur vermuten. Präzise Beispiele liefern nun die Bücher von Mädchen – geschrieben mit Ko-Autoren –, die in jenem Sommer zwischen siebzehn und achtzehn Jahre alt waren und von ihren Peinigern geschlagen, teils schwer gefoltert und – mit Ausnahme von Shirin – immer wieder vergewaltigt worden sind.

          Farida Khalaf, die Einzige, deren Buch unter echtem Namen erscheint, hat zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen, um vor allem der Schande der Vergewaltigung zu entgehen. Jenseits ihrer körperlichen und seelischen Unversehrtheit ist es vor allem die Ehre, um die sich die drei Gefangenen sorgen. Genauso wie die anderen beiden berichtet Farida Khalaf, sie habe gar keine genaue Vorstellung davon gehabt, was Vergewaltigung bedeutet. „Über solche Dinge redet man in unserer Gesellschaft nicht mit unverheirateten Mädchen. Wir wussten nur, dass wir dadurch geschändet würden – und dass wir auf gar keinen Fall zulassen durften, dass sie unsere Körper berührten. Unsere ganze Familie würde dadurch entehrt, wenn es uns nicht gelänge, das zu verhindern.“

          Noch immer befinden sich Tausende Jesidinnen in der Sklaverei

          Im Fall von Shirin, die es von den dreien am schlimmsten traf, weil sie von insgesamt sechs IS-Männern immer wieder gekauft und weiterverkauft worden ist (wobei ihr in amerikanischen Dollar sich bemessender Wert stetig sank), führte dieses Tabu dazu, dass sie nach ihrer Rettung sogar dem eigenen Vater gegenüber schwieg. „Bis heute weiß mein Vater nicht, dass ich keine Jungfrau mehr bin – oder er will es nicht wissen.“

          Immerhin erzählen zwei der drei Mädchen auch, dass der oberste religiöse Führer der Jesiden, Baba Sheik, diese abermalige Welle der Gewalt, die über die seit jeher verfolgten Jesiden rollt, zum Anlass für einen Wandel des tradierten Wertesystems nahm. Mehrfach hat er öffentlich erklärt, dass die aus der Gefangenschaft geflohenen Mädchen Opfer seien, die man wiederaufnehmen müsse.

          Sogar in Einzelaudienzen hat er diesen Mädchen versichert, dass sie weiterhin zu den Jesiden gehörten und man sie weder aus der Familien – noch der Religionsgemeinschaft ausstoßen würde. Aus Furcht genau davor – so schreiben die Ko-Autoren in eingeschobenen kurzen Zwischentexten oder ihren Nachworten –  haben sich andere jesidische Frauen erst im Anschluss an ihre geglückten Fluchten das Leben genommen. Bisher soll es etwa zweitausend Frauen gelungen seien, zu fliehen. Nach Schätzungen der UN befinden sich aber noch immer 3000 bis 5000, nach Angaben der kurdischen Regierung sogar 7000 Jesidinnen in der Sklaverei.

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