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Bücher Mein Mann bedroht mich, bitte kommen Sie!

22.10.2007 ·  Warum die Integration auf sich warten lässt: Seyran Ates hat gleichermaßen die türkische Community wie die deutsche Politik im Visier. Ihr Buch „Der Multikulti-Irrtum“ zeigt die Autorin auf der Höhe ihrer Form.

Von Nils Minkmar
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Schon als kleinem Mädchen fiel Seyran Ates die Mittlerrolle zu: Ihre hart arbeitenden, türkisch-kurdischen Eltern und die Deutschen auf Ämtern und Behörden hatten keine gemeinsame Sprache, die Erwachsenen waren ziemlich schnell am Ende, und zwar ganz ohne Latein. Man kann sich die Szene vorstellen: Der spröde Charme der Berliner Bürokraten der siebziger Jahre, die sofort in „Tarzandeutsch“ - alle Verben nur im Infinitiv - verfallen, die Unsicherheit und Unzulänglichkeit der Eltern, die dann allesamt auf das Mädchen blicken, von dem die Erleuchtung, und zwar in verständlichen Worten, zu kommen hat. Für die Erwachsenen war es eine kostenlose Hilfe, für das Kind eine Erziehung zu lebenslanger Skepsis: Gegenüber der Weisheit der Erwachsenen, der Borniertheit der Bürokratie, aber auch der selbstverschuldeten Unmündigkeit der türkischen Community in Deutschland.

Heute steht die Intelligenz und Energie von Seyran Ates im Dienste des ganzen Landes. Sie hat sich als eine jener Deutschen aus zugewanderter Familie etabliert, ohne die diese Republik vollends im Dämmerschlaf der Einfallslosigkeit versinken würde. Es sind immer wieder die Migranten - Fatih Akin, Emine Sevgi Özdamar, Navid Kermani, Feridun Zaimoglu -, die die Republik in Zeiten der großen Koalition vor dem kollektiven Winterschlaf bewahren, die die brenzligen Themen angehen und einfach eine ziemliche Ahnung vom deutschen Leben heute haben.

Fundiert und inspiriert

Seyran Ates kann sich für ihr hervorragendes Buch nicht bloß auf ihre Fähigkeit zur nuancierten Reflexion verlassen, sie verfügt aus ihrer Rechtsanwaltspraxis über einen beeindruckenden und bedrückenden Erfahrungsschatz mit den patriarchalischen und gewalttätigen Zuständen in der allzu abgeschlossenen türkisch-kurdischen Community in Berlin. Das Buch „Der Multikulti-Irrtum“ zeigt die Autorin auf der Höhe ihrer Form; es hat die theoretische Brisanz der Suhrkamp-Taschenbücher der siebziger und frühen achtziger Jahre und ist wesentlich fundierter und inspirierender als die kalkulierten Bestseller unserer politischen Hauptdarsteller.

Dieses Buch verblüfft durch eine ungeheure, kaum zu bändigende lebensgesättigte kommunikative Energie, denn es handelt sich nicht bloß um die Abhandlung der titelgebenden These, sondern um das Produkt von Erfahrungen, die die Autorin machen musste, lange bevor irgendjemand die Sprengkraft der Migrations- und Religionsfragen in Deutschland, ja in ganz Europa realisiert hatte. Es kümmerte in der alten Bundesrepublik kaum jemanden, wie die Verhältnisse unter den hier wohnenden Ausländern waren, die auf dem Weg waren, keine mehr zu sein, so lange es in das jeweilige ideologische Verständnis der Sache passte.

Kampf im Namen der Türken

Die Konservativen sahen das Problem gar nicht, denn die Gastarbeiter würden ja irgendwann zurückkehren. Die Linken kämpften unaufgefordert im Namen der Türken gegen die Rechten und waren vor allem an der Entwicklung dieser innerdeutschen Frontlinie interessiert, nicht an den Lebensverhältnissen der von ihnen angeblich protegierten Menschen. Seyran Ates kommt selbst politisch eher aus einer linken Tradition und äußert sich darum mit besonderer Bitterkeit über die Versäumnisse dieser politischen Richtung, über die sture Naivität, mit der die folkloristische Autonomie von Migranten bejubelt wird, ohne zu bemerken, dass dort Phänomene wie häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch und Unterdrückung von Frauen und Mädchen zu beklagen und zu bekämpfen sind.

Seyran Ates macht auch ganz klar, welcher fatale Mix aus ökonomischer und pädagogischer Vernachlässigung, falsch verstandenem Familiensinn und tendenziöser Koranauslegung an diesen Verhältnissen schuld sind. Es liegt natürlich nicht an der Ethnie, der Religion, den Bedingungen allein, nein, es geht auch anders, sie hat Beispiele für Männer, die einen aufgeklärten Islam leben, und Frauen, die ihre Ehe gleichberechtigt führen, und für Paare, die ihre Söhne und Töchter bildungsnah erziehen - aber es ist die Minderheit.

Weniger Mittel für Frauenhäuser

Man liest mit hellem Entsetzen, dass etwa die lebensrettenden Frauenhäuser und Mädchenzufluchtsstellen - oft der einzige Schutz für Frauen, die vor der Gewalt ihrer Familie flüchten müssen - weniger statt mehr Mittel bekommen. In Zeiten einer Ursula von der Leyen und bei tagender Islamkonferenz muss man hier den wohlfundierten Vorschlag der Autorin lesen, die Behörden sollten doch Vordrucke auflegen und verteilen, auf denen für unterdrückte Frauen ausländischer Herkunft die elementaren Hilfesätze zum Ablesen am Telefon stehen: Mein Mann bedroht mich, bitte kommen Sie schnell!

Denn immer noch würden die Opfer häuslicher Gewalt nicht genügend Deutsch können und die Polizistinnen selbstverständlich kein Türkisch. Die Sprache ist für Seyran Ates, die selbst ein kühles, nahezu altmodisches Deutsch schreibt, einer der wesentlichen Indikatoren für einen Wechsel von der von ihr abgelehnten Multikultigesellschaft (in der jede Community chinatownartig im eigenen Viertel lebt) zur transkulturellen Gesellschaft, in der man stolz ist auf die Mischung aus eigenen und fremden Elementen in der eigenen Identität.

Türkisch für deutsche Schüler

Doch das ist keine einseitige Sache: Manch konservativer Bewunderer von Frau Ates wird mit ihrer Forderung nach Türkischunterricht in der deutschen Regelschule für alle Schüler seine Probleme haben. Dieses Buch behandelt nicht nur die politischen und sozialen Themen, die sich rund um die Zuwanderung ergeben, es ist vor allem ein warmes und eindringliches Plädoyer für eine sexuelle Befreiung der Frauen in islamischen Gemeinschaften, für eine islamische Reformation im Zeichen von Sinnlichkeit und Common Sense und liegt insoweit ganz auf der Linie der aufklärerischen Bücher Ayaan Hirsi Alis.

Die Zuwanderung nach Europa, die eben nie als eine echte Einwanderung begriffen und gesetzlich geregelt wurde, erweist sich längst als eines der zentralen und brisantesten Politikfelder der Gegenwart. Experten aus aller Welt, etwa die Terrorforscherin Louise Richardson und der Globalisierungsexperte Tomas Friedman, beklagen das Versäumnis der europäischen Eliten, Fortschritte zur Integration zu erreichen.

Man kommt heute nicht umhin, festzustellen, dass es nicht die Funktionseliten aus Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft waren, die zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts den Prozess der Integration zugleich kritisierten und damit dynamisierten, sondern Frauen wie Ayaan Hirsi Ali und eben Seyran Ates, die allein, gegen jede Wahrscheinlichkeit, aus eigener Leistung und nach bitterer erlittener Gewalt von überforderten kleinen Mädchen zu eindrucksvollen aufklärerischen Intellektuellen wurden.

Seyran Ates: „Der Multikulti-Irrtum“. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können. Ullstein Verlag, Berlin 2007. 282 S., geb., 18,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 22.10.2007, Nr. 245 / Seite 41
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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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