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Neues Buch von Remo H. Largo : Gegen den Trend zur Selbstoptimierung

  • -Aktualisiert am

Glücklich werden Menschen, wenn es ihnen gelingt, etwas zu tun, was sie fordert, aber nicht überfordert, etwas, das passt: Strandkorb nahe Westerland auf Sylt. Bild: Picture-Alliance

Mit Bildung allein wird man nicht unbedingt glücklich: Der Kinderarzt Remo H. Largo hat Vorschläge, wie Menschen ein Leben führen können, das ihr Begabungspotential ausschöpft.

          Die Gesellschaft muss also ein Interesse daran haben, dass nicht nur die Aufstiegschancen gewahrt bleiben, sondern auch der Abstieg nicht verhindert wird.“ – Entschiedener als der Schweizer Entwicklungsforscher und Kinderarzt Remo H. Largo in seinem neuen Buch kann man kaum gegen den Strom schwimmen. Schon in früheren Büchern wie „Babyjahre“ und „Kinderjahre“ hat er vor der Idee gewarnt, mit ausreichender Förderung könne jeder alles erreichen. Seine Erfahrungen, unter anderem als langjähriger Leiter der Zürcher Longitudinalstudie, die seit 1954 die Entwicklung von mehr als siebenhundert Kindern bis ins Erwachsenenalter untersucht hat, fasst er nun in seinem neuen Buch zusammen. Herausgekommen ist ein Durchgang von der Evolutionsgeschichte bis zur Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen.

          Im Mittelpunkt steht dabei das „Fit-Prinzip“. „Fit“ bedeutet hier – wie bei Charles Darwin – nicht Leistungsfähigkeit, sondern Passung. Alle Menschen, meint Largo, haben spezifische Begabungspotentiale. Die können sie ausschöpfen oder nicht, je nachdem, wie förderlich die Umwelt ist, in der sie leben. Glücklich würden Menschen nicht, wenn sie es gesellschaftlich nach ganz oben geschafft haben, sondern, wenn es ihnen gelingt, in Übereinstimmung mit diesem Potential zu leben, etwas zu tun, was sie fordert, aber nicht überfordert, etwas, das passt.

          Die Gesellschaft allerdings funktioniere derzeit ganz anders, meint Largo: Leistung, Optimierung, bloß kein Abweichen von der Norm, jeder ist seines Glückes Schmied, man muss eben an sich arbeiten, wer wirklich will, kann alles erreichen. Wer dann nicht viel erreicht, muss wohl selbst schuld sein. Rechenschwäche? Pech gehabt! Leseschwäche? Auch Pech! Und wenn die Maschinen in Zukunft immer mehr Arbeit für uns erledigen, heißt es: Die Bildung wird’s richten, wird alle zu Softwareingenieuren und Personal Coaches machen.

          Schnöde Biologie gegen vertraute Fortschrittsgeschichte

          Wird sie nicht. Dieser Anspruch wird die Menschen unglücklich machen, und er tut dies auch jetzt schon. Um das zu belegen, beginnt der Autor beim Urknall und arbeitet sich durch die gemeinsamen Baupläne der Körper von Mensch und Tier, Genetik und Epigenetik, Anlage und Umwelt, Hirnwachstum und die Wanderungen der Frühmenschen bis zur Entwicklung der Menschenkinder vor. Nach dieser wenig innovativen Vorarbeit geht es erst wirklich los: In viel größerem Maße als alle anderen Wesen suchen Menschen nach Wissen und haben damit die wissenschaftliche, technologische und wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht, die sie nun in einen Wettlauf um immer größere Leistungen und immer klügere Kinder zwinge, konstatiert Largo.

          Er stellt der vertrauten Fortschrittsgeschichte die schnöde Biologie entgegen: Es gebe ein Begabungsprofil, für den Einzelnen wie für die gesamte Gesellschaft, das sich, ebenso wie etwa die Körpergröße, nicht verändere. In Gesellschaften wie der in Kirgistan blieben viele Menschen hinter ihren Möglichkeiten zurück, weil Lebenssituation und Schulsystem dazu führen. Finnland hingegen schöpfe das Potential seiner Bevölkerung fast vollständig aus. Doch auch in einem in Sachen Bildung vorbildlichen Land gibt es, die Glockenkurve lässt grüßen, wenige extrem hoch und wenig sehr gering Begabte und viele in der Mitte des Leistungsspektrums.

          Die wichtigste Aufgabe einer Gesellschaft

          Und wie es eine Gesetzmäßigkeit namens „Rückentwicklung zur Mitte“ will, bleibt diese Mitte stabil, für die Körpergröße wie für die Intelligenz: Die Kinder sehr großer Eltern sind demnach eher ein bisschen kleiner, die Kinder kluger Eltern ein bisschen dümmer als diese, die Kinder wenig begabter Eltern ein bisschen klüger. Wenn erfolgreiche Eltern alles daransetzen, dass ihre Kinder mindestens ihr Ausbildungsniveau halten, mindestens ebenso anspruchsvolle Jobs haben, kann das ebenso wie die Bemühungen, einen Bildungsaufstieg zu erzwingen, dazu führen, dass es nicht mehr passt. Dann sehen sich Menschen mit Aufgaben konfrontiert, die sie kaum oder gar nicht bewältigen können und werden unglücklich. In diesem Sinne ist für Largo ein Abstieg eine Chance.

          Remo H. Largo: „Das passende Leben“. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2017. 480 S., geb., 24,– Euro.

          In Übereinstimmung mit sich selbst zu leben ist allerdings weder einfach noch ein Gleichgewichtszustand, der ein für allemal zu erreichen wäre, betont Largo. Letztlich geht es nach ihm darum, die eigenen Kompetenzen so zu akzeptieren, wie sie sind, und sich zu trauen, ein passendes Leben zu führen. Untermalt mit Geschichten von Menschen, denen der Autor in seiner langjährigen Praxis begegnet ist, erklärt Largo, dass man nicht irgendein Leben leben könne, sondern nur das eigene.

          Das Buch endet nicht ohne Vorschläge, wie der Einzelne aus „Misfit“-Konstellationen herausfinden könne und die Gesellschaft so einzurichten wäre, dass sie den Menschen besser gerecht wird, von einem Leitfaden zur Selbstanalyse bis zu Vorschlägen zur Einrichtung von Wohngenossenschaften oder anderen Formen freiwilliger Lebensgemeinschaften und ihrer staatlichen Förderung. Denn was für unsere Kompetenzen gelte, gelte ebenso für unsere Bedürfnisse, vor allem für das Bedürfnis nach Anerkennung und stabilen sozialen Beziehungen: wenn sie nicht befriedigt werden, macht das unglücklich. Die wichtigste Aufgabe einer Gesellschaft ist aus der Sicht des Fit-Prinzips, für Lebensräume zu sorgen, in denen Menschen ein passendes Leben führen können.

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