Buchkritik: Navid Kermani „Entlang den Gräben“
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Navid Kermanis neues Buch : Die Saat für neue Konflikte ist ausgebracht

Zeugnis eines Nationalitätenkonflikts: Die zerstörte und verlassene Stadt Aghdam in Nagornyj Karabach auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2012, im Vordergrund die Moschee. Bild: Picture-Alliance

Ein Plädoyer für Europa im Angesicht der blutigen Verwüstungen seiner Geschichte: Navid Kermani berichtet von einer Reise, die ihn von Köln bis nach Isfahan führte.

          Die Geschichte bestehe seit Kain und Abel aus Krieg, Massakern und Vertreibungen, schreibt Navid Kermani resigniert. So erblickt er entlang der Autobahnen und Landstraßen in Weißrussland und der Ukraine einen Friedhof nach dem anderen, und wo es kein Dorf mehr gibt, steht ein einzelnes Denkmal ohne einen Friedhof auf dem Feld. „Bloodlands“ hat der amerikanische Historiker Timothy Snyder das von Krieg gezeichnete Gebiet zwischen Polen und der Ukraine genannt. Von 1930 bis 1945 wurden dort vierzehn Millionen Zivilisten Opfer der Sowjets und der Nationalsozialisten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In Osteuropa ist die Geschichte mit ihren Kriegen und Katastrophen allgegenwärtig. Aber auch in der Gegenwart könne man im Kaukasus, so der Autor, in nur zwei Stunden durch drei verschiedene Kriege fahren – auf einer Fläche, die kaum größer ist als Deutschland, leben mehr als fünfzig Völker mit eigenen Sprachen. Fassungslos erlebt der Autor in der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyi, wie das Nationalmuseum nicht an die beiden Kriege mit Russland erinnert, obwohl durch diese jeder vierte Tschetschene getötet und mehr als die Hälfte der Bevölkerung vertrieben wurde.

          Protzige moderne Phantasiegebäude, die in den letzten Jahren hochgezogen wurden, verdrängen das Elend, mit dem Grosnyi nach den beiden Russland-Kriegen als die am meisten zerstörte Stadt der Welt bekannt wurde. Weiter südlich im Kaukasus schweigen die Waffen noch heute nicht. In Göygöl an der Waffenstillstandslinie zwischen Aserbaidschan und Armenien lässt ihn eine alte Frau wissen, es habe doch mit ihren armenischen Nachbarn keine Probleme gegeben: „Das kam alles über uns wie eine Naturkatastrophe.“ Dabei sind Kriege und Vertreibungen allein von Menschen gemacht.

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          Der Autor setzt diesen Abgründen das Europa von heute als Hoffnung gegenüber. Kermani gelingt dabei, ein flammendes Plädoyer für Europa, das seinen Platz im überschaubaren Kreis der einflussreichen Intellektuellen Deutschlands festigt. Bei ihm steht nicht die bekannte Erzählung im Vordergrund, dass es sieben Jahrzehnte keinen Krieg gegeben habe, auch nicht die Begehrlichkeiten auf die Brüsseler Fleischtöpfe. Europa bedeutet für ihn vielmehr, dass das friedliche Nebeneinander von Unterschieden gelingt, dass Vielfalt ausgehalten werden kann. Immer wieder hört er auf seiner Reise, wie die Völker, die sich gegen Russland behaupten wollen, ihre Hoffnung auf Europa richten.

          Eindrucksvoller erster Höhepunkt des Reiseberichts ist sein Besuch in Auschwitz. Dort musste er sich für eine Sprache entscheiden, und so klebte an seiner Brust der Schriftzug „deutsch“. In diesem Augenblick habe er sich den Tätern zugehörig gefühlt und nicht den Opfern, schreibt er. Nicht durch die Herkunft gehöre er dazu, sondern durch die Sprache und damit die Kultur. Da wird ihm bewusst, dass nicht die Menschenrechte und der Säkularismus das Spezifische an der deutschen Leitkultur sind. Diese Werte seien europäisch, wenn nicht universal. Für spezifisch deutsch hält er vielmehr „das Bewusstsein seiner Schuld, das Deutschland nach und nach gelernt und auch rituell eingeübt hat“.

          Wie brutal und unwiderruflich die Auslöschung ist, die von 1930 bis 1950 gewütet und eine breite Schneise hinterlassen hat, wird an Kermanis Stationen in Litauen deutlich. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg stellten Juden ein Drittel der litauischen Bevölkerung. Fünfundneunzig Prozent von ihnen wurden im Holocaust getötet. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Litauen noch polnische, litauische, russische, jiddische und weißrussische Zeitungen. Diese gelebte Vielfalt ist Geschichte. Kermani trifft aber noch auf Einzelne, die Jiddisch sprechen, und in Odessa, einer einst von Juden geprägten kosmopolitischen Stadt, beobachtet er, wie jüdisches Leben wieder aufblüht: „Vielleicht gibt es keinen besseren Maßstab, um zu erkennen, ob Europa doch noch gelingt.“

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