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„Die geheime Welt der Bauwerke“ : Aus der Welt der Traumverwirklicher

Roma Agrawal war an der faszinierenden Crystal Palace Station in London beteiligt. Bild: Picture-Alliance

Roma Agrawal ist Bauingenieurin und als solche die Ausnahme in einer Männerwelt. Nun gibt sie Einblick in Geschichte und Gegenwart ihres Berufes. Zug- und Druckspannung garantiert.

          Am Morgen des 16. Mai 1968 will sich die Londonerin Ivy Hodge einen Tee machen. Als sie den Gasherd mit einem Streichholz anzündet, kommt es zu einer Explosion, die die Außenwände ihrer Wohnung absprengt und die Ecke des zweiundzwanzigstöckigen Wohnturms Ronan Point, in dem Hodge in der achtzehnten Etage wohnt, zum Einsturz bringt. Vier Menschen bezahlen mit dem Leben, weil ein Gasboiler defekt war. Am Einsturz dieses windigen Nachkriegsplattenbaus, dessen tragende Elemente fahrlässig notdürftig miteinander verbunden waren, erklärt Roma Agrawal eindrücklich, warum heute ein umfassender Sicherheitsanspruch zum Tragen kommt, wenn es um die Statik von Gebäuden geht. In Zeiten, in denen Häuser mit mehr als achthundert Meter Höhe gebaut werden, ist die korrekte Berechnung von Winddruck und Schwingungen überlebenswichtig.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Autorin, 1983 in Indien geboren, ist vom Fach. Sie hat eine makellose Laufbahn hingelegt. Kindheit in New York, Jugend in Mumbai, Spitzname an der Schule „Professorin“, Lieblingsfächer Mathematik und Physik, Berufswunsch Astronautin oder Architektin. Mit fünfzehn von ehrgeizigen Eltern nach London zum Schulabschluss geschickt, Studium in Oxford, im Alter von zweiundzwanzig Jahren die erste Anstellung als Bauingenieurin.

          Roma Agrawal: „Die Geheime Welt der Bauwerke“.

          Ihr erstes Projekt: eine Fußgängerbrücke über die Autobahn in Newcastle. So gut wie immer ist sie die einzige Frau in einer Männerwelt. Ihren bislang größten Auftrag erledigte sie als Mitglied im Konstruktionsteam des Londoner Hochhauses The Shard, mit 310 Metern das derzeit höchste Haus in der Europäischen Union.

          Agrawal ist eine Vertreterin der unbedingten Machbarkeit – für sie gibt es nichts, was ein Ingenieur nicht bauen kann. Als Lehrerin wäre sie eine Traumbesetzung. Sie hat ein Händchen dafür, anhand von einfachen Modellen und Zeichnungen die Grundprinzipien der Bauphysik und der Konstruktion zu erklären. Sie macht das in einem Ton, den amerikanische Bedienungen haben, wenn sie die Speisekarte erläutern, also niedrigschwellig. Das dürfte der Mehrheit der Leser zugutekommen, die nicht täglich mit Druck- und Zugspannung, Reibung, Platten- und Pfahlgründungen, Katenoiden und Tragwerksplanung zu tun haben.

          Von Japan über Mexiko und Berlin nach Istanbul und von den Ägyptern bis in die Gegenwart führt das schlanke Buch zu wichtigen Bauwerken und Erfindungen der Baukunst. Wir lernen, dass die Ziegel der Indus-Zeit schon die gleichen Proportionen wie die heute verwendeten hatten und dass die Kuppel des Taj Mahal durch Chuna zusammengehalten wird, eine Mischung aus Branntkalk, zermahlenen Muscheln, Marmorstaub, Gummi, Zucker, Fruchtsaft und Eiweiß.

          Roma Agrawal, Bauingenieurin

          Hier, wie an vielen anderen Beispielen, zeigt sich das Ingenium der meist namenlosen Baumeister über die Jahrhunderte. Nach den Pyramiden und den griechischen Tempeln brachten es die Römer mit der Erfindung des Betons – opus caementicium – zu neuer Meisterschaft, die mit ihnen für Jahrhunderte verschwand.

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