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Veröffentlicht: 11.06.2017, 14:40 Uhr

Buch über Dandys Wenn Männer stundenlang vor dem Spiegel stehen

Eleganz muss mühelos erscheinen, aber umsonst ist diese Kunst nicht zu haben: Günter Erbe heftet sich auf die Spur des modernen Dandys.

von Erwin Seitz
© Horst Friedrichs / Anzenberger Weniger Marken, mehr Bildung: Der „Chap“ als moderne Fortführung des Dandy.

Ein Leben in Muße und Eleganz – wie soll das gehen im Zeitalter der Beschleunigung und Flüchtigkeit? Günter Erbe beschäftigt diese Frage schon lange. Er sucht nach Lebensformen, in der sich ältere Muster und Fragmente der europäischen Hochkultur bewahren, Anklänge der aristokratisch-großbürgerlichen Lebensweise, einst ausgeprägt in Figuren wie dem Ritter oder dem Kavalier, der höfischen Dame, dem Gentilhomme und dem Gentleman. Als aber die ständische Ordnung im Zug der Französischen Revolution sowie der beginnenden Industrialisierung brüchig wurde, als Begriffe wie Freiheit und Demokratie fruchtbar wurden und eine moderne Konsumgesellschaft entstand, trat ein neuer Typus auf den Plan: der Dandy, der die Idee vom schönen Leben nicht fahrenlassen wollte und der seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert für Furore sorgte.

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Erbe hat ihm mit „Dandys. Virtuosen der Lebenskunst“ (2002) bereits eine Studie gewidmet. Ließ er in seinem ersten Dandy-Buch das Zeitalter der extravaganten Helden noch im Ersten Weltkrieg untergehen, so erkennt er jetzt in „Der moderne Dandy“, dass der Traum vom Leben in Muße und Eleganz eine anthropologische Konstante zu sein scheint – selbst in einer Periode, die sich Erwerbsleben, Geschwindigkeit und Massenkonsum auf die Fahne schreibt. Das Spielfeld des Dandys ist heute nicht mehr die große Welt der Aristokraten und Großbürger, die gibt es nicht mehr. Das Pendant heißt nun Jetset, die Welt der Berühmtheiten aus Film, Sport und Politik, vermischt mit altem Adel. Über den Rang entscheidet nicht mehr die Geburt, selbst der Reichtum ist nicht unbedingt entscheidend, sondern Talent, Schönheit und Geschmack sowie die häufige Nennung in den Medien. Modeschöpfer, Berater und Journalisten machen Leute.

Es geht auch um Haltung und Witz

Der Autor entfaltet eine Phänomenologie des Dandytums, um den wahren Dandy vom Möchtegern-Dandy zu unterscheiden. Als Urvater der Dandys gilt der britische Gentleman George Brummell, der zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts für Aufsehen sorgte. Seiner Herkunft nach gehörte er nicht der großen Welt an, aber er erhielt eine gute Ausbildung in Eton und Oxford und gewann die Freundschaft des Prince of Wales, der ihm Zutritt zur feinen Gesellschaft in London verschaffte. Er tat von da an nichts anderes, als sich selbst ästhetisch durchzuformen, Stunden vor dem Spiegel zu stehen, bis alle Accessoires perfekt zum Anzug passten. Oder er sprach lange mit seinem Schneider über den besten Schnitt.

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Auch Aristokraten hatten sich von jeher mit der Mode beschäftigt, aber Brummell machte die Eleganz zur Berufung. Er intensivierte, mit Tristan Garcia zu reden, die Idee des Schönen, teils als Snob, der in die vornehmen Kreise aufsteigen will, teils als Revolutionär, der sein eigenes Spiel im Sinn hat und der feinen Gesellschaft die Mode diktiert. Brummell prägte die neue europäische Herrenkleidung, die den höfischen Pomp hinter sich ließ und praktikabler, sportlicher, eleganter wurde. Es ging aber nicht nur um die Kleidung selbst, sondern auch um Haltung, Konversation, Witz, Ironie. Erst die Art und Weise, wie man die Kleidung trug und wie man sich benahm, schuf vollendete Eleganz.

Mehr Wert auf innere Durchformung

Der Dandy treibt in Maßen Sport, pflegt sich, bildet sich literarisch, frönt kultiviertem Dilettantismus auf verschiedenen Gebieten und benötigt viel Zeit zum Ankleiden – ohne je die Mühen, die dahinterstecken, zu verraten. Eleganz muss mühelos erscheinen. Der Dandy unterwirft sich einer inneren Askese, gibt sich stoisch und lässt sich nicht von Leidenschaften der Liebe hinreißen, weil unkontrollierte Bewegungen die Eleganz gefährden.

46889817 © Böhlau Verlag Vergrößern Günter Erbe: „Der moderne Dandy“. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2017. 351 S., Abb., geb., 29,99 Euro

Wenngleich sich das Dandytum hauptsächlich in England und Frankreich herausbildete, findet der Autor auch deutsche Vertreter, die der jüngeren Geschichte des Dandytums angehörten oder zumindest damit in Verbindung standen, von Harry Graf Kessler bis zu Fritz J. Raddatz. Ausführlich geht Erbe auf Edward Herzog von Windsor ein, der gar den englischen Thron für ein freies Dandytum eintauschte. Umsonst, so lautet die Botschaft, ist diese Kunst nicht zu haben. Man kann viel verlieren, Krone, Rang, Vermögen – und viel gewinnen, Unabhängigkeit, freie Zeit, Schönheit.

Schließlich geht Erbe auf zeitgenössische Spielformen des eleganten Lebens ein, etwa auf den Pop-Dandy, den Popper und Hipster. Diese Varianten drohen die innere Askese des Dandytums zu untergraben. Denn der Pop-Dandy erfindet die Mode nicht selbst, sondern ist in der Regel ein raffinierter Konsument, ein „Dandy von der Stange“. Eher schon würdigt der Autor die neue Figur des „Chap“, der stärker auf seine innere Durchformung achtet und bei der Kleidung bekannte Marken vermeidet. Erbe trägt seinen Stoff in geschmeidiger Sprache vor, ist aber selbst gegenüber dem wahren Dandy nicht bloß neugieriger Dilettant, sondern passionierter Wissenschaftler, der mit beeindruckender analytischer Kraft das Thema durchdringt.

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