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Briefe von Marcel Proust : Wer hat bloß diesen Dada an mein Buch gelassen?

Für Marcel Proust verhieß die Fotografie Ewigkeit. Ganz wie in seinem literarischen Werk sollte darin kein Leiden dokumentiert werden. Proust wirkte häufig gelöst, obwohl er lange ausschließlich für sein Werk lebte. Bild: Picture-Alliance

Verwoben und verliebt ins eigene Werk: Die bislang umfangreichste deutschsprachige Auswahl der Briefe von Marcel Proust erweist sich als ein Buchwunderwerk.

          Es ging ihm nicht gut in seinen letzten Jahren, obwohl er erst um die fünfzig war. Doch auf den Fotos der frühen zwanziger Jahre sehen wir einen fröhlichen Marcel Proust. Er hielt auf Etikette, und Fotografie bedeutete für ihn Verheißung von Ewigkeit, also das, was er auch literarisch anstrebte. Dementsprechend waren Porträtaufnahmen nicht der Ort für die Dokumentation von Leiden – wie es auch die Bücher nicht waren, in denen Proust das eigene Leben zur Folie einer Fiktion machte, die alles umstürzte, was man unter Literatur verstand. Darin tritt er selbst als Ich-Erzähler auf, aber nicht im Sinne einer Autobiographie, denn der Marcel der Bücher wird zwar alt, ist aber nicht krank. Hätte sich doch auch da bewahrheitet, was Proust im Oktober 1914 seinem Lebensfreund Reynaldo Hahn mitteilte: „Seit langem bietet mir das Leben nur noch Ereignisse, die ich schon beschrieben habe.“ Gesundheit jedoch war ihm nicht vergönnt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Gegenüber Korrespondenzpartnern beklagte Proust immer wieder Erschöpfung, Müdigkeit, Krankheit, und viele seiner Briefe brachen plötzlich mit dieser Floskel ab – zum Selbstschutz, denn er brauchte die verbleibende Kraft ja zur Vollendung seines Lebenswerks, des Romanzyklus „À la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Andere Schreiben, vor allem an ihm unbekannte Menschen, begannen gleich mit dieser Klage: „Monsieur, ein wahres Wunder hat bewirkt, dass ich Ihnen antworten kann. Seitdem ich krank bin, stapeln sich Tausende von ungeöffneten Briefen. Welcher Zufall dem Ihren ein anderes Schicksal beschieden und mir für eine kurze Zeit Kraft zum Antworten gegeben hat, ich weiß es nicht.“ Wir aber wissen es, denn der Adressat dieses Briefs vom 10. oder 11. Dezember 1920 (Proust datierte seine Schreiben fast nie; man muss den Zeitpunkt ihrer Abfassung also aus dem Inhalt oder, bei den seltenen Fällen, in denen sich der Umschlag erhalten hat, aus den Poststempeln folgern) hieß Harry Swann. „Swann“ wie einer der wichtigsten Protagonisten in der „Recherche“.

          Tausende undatierte Briefe

          Diese Namensgleichheit wird den Schriftsteller elektrisiert haben, der sich seinem Romanprojekt mit Haut und Haaren buchstäblich verschrieben hatte. Er arbeitete daran, wann immer es ging, obwohl er schon 1913, als der erste Band erschien, das übrige Werk für abgeschlossen hielt. Aber statt damals drei projektierten Teilen sollten es sieben werden, und Proust starb am 18. November 1922 über den ununterbrochen weiterbearbeiteten und ergänzten Druckfahnen. Die letzten drei Bände erschienen erst postum.

          Mit den gegenüber Monsieur Swann erwähnten „Tausenden ungeöffneter Briefe“ mag Proust nicht einmal drastisch übertrieben haben. Er hat selbst Tausende geschrieben – die bis 1993 von Philipp Kolb erstellte französische Ausgabe seiner Korrespondenz umfasst 24 Bände und mehr Seiten als sein sonstiges Gesamtwerk; zudem tauchen immer wieder bislang noch unbekannte Schreiben auf. Die schon an Kolbs Ausgabe beteiligte Françoise Leriche hat 2004 eine leserfreundliche Auswahl von immerhin auch noch 627 Briefen getroffen, die vor allem in Fragen der Datierung und Kommentierung Maßstabe setzte. Auf der Grundlage dieses Buchs erscheint nun als Doppelband die bislang umfassendste deutsche Ausgabe von Prousts Korrespondenz, wenn man auch vermuten muss, dass diese auf fast 1500 Seiten versammelten 572 Schreiben keine fünf Prozent dessen darstellen, was dieser rastlos schreibende Mensch an Briefen verfasst hat.

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