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Boris Vildé: Trost der Philosophie : Verbeugung vor einem entschlossenen Mann

Bild: Verlag

Er war Mitbegründer und Kopf einer der ersten Widerstandsgruppen im besetzten Paris des Jahres 1940: Ein Band erinnert an den Résistance-Aktivisten Boris Vildé.

          Am 23. März 1942 wurden im Fort Mont Valérien westlich von Paris sieben Männer füsiliert. Sie waren wenige Wochen zuvor von einem Kriegsgericht der deutschen Besatzungsarmee zum Tod verurteilt worden. Die Anklage hatte auf Spionage für englische und gaullistische Stellen, Fluchthilfe und Feindbegünstigung durch eine zum Widerstand gegen die Besatzer aufrufende Zeitschrift gelautet. Der Prozess gegen die insgesamt siebzehn Angeklagten, der mit zehn Todesurteilen endete - jene von drei Frauen wurden in Haftstrafen und Deportation umgewandelt -, war außergewöhnlich verlaufen. Der Vorsitzende des Militärgerichts hatte den Angeklagten Hochachtung für ihren patriotischen Einsatz gezollt, und nach der Verkündung des Urteils war es sogar zum Handschlag zwischen ihm und der zentralen Figur der zerschlagenen Aktionsgruppe gekommen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Boris Vildé war damals knapp vierunddreißig Jahre alt. Er galt unter seinen Förderern am Pariser Ethnologischen Museum als große Nachwuchshoffnung, obwohl er nicht den üblichen akademischen Weg in die wissenschaftliche Zunft genommen hatte. Nahe St. Petersburg in kleinen Verhältnissen geboren, nach der Revolution in Estland aufgewachsen, kam er nach einem - vermutlich wegen einer illegalen Reise in die Sowjetunion - abgebrochenen Studium zuerst nach Deutschland und lernte in Berlin 1932 André Gide kennen, der von dem jungen Mann so angetan war, dass er ihm Aufnahme in Paris anbot und ihn an Paul Rivet empfahl, den Direktor des Musée d’Ethnographie.

          Von einem Verräter infiltriert

          Bis dahin hatte Vildé sich eher in literarischen Zirkeln bewegt, auch über Rilke und George geschrieben, nun kamen volkskundliche Studien hinzu. Seine baltische Herkunft und Mehrsprachigkeit erwiesen sich als Vorteil für einige Projekte Rivets. Strahlend intelligent und attraktiv, unter Intellektuellen ebenso erfolgreich wie in den Salons und bei Frauen, bald naturalisierter Franzose und Ehemann einer Tochter aus respektablem akademischem Haus, schien seiner Karriere nichts im Weg zu stehen. 1937 wurde das Musée d’Ethnographie als Musée de l’Homme wiedereröffnet, was keine bloß kosmetische Operation war, sondern mit Paul Rivets entschiedenem politischem Engagement für die Volksfrontregierung verknüpft war. Politisch war die Institution damit eindeutig links markiert.

          Nach Kriegsausbruch leistet Boris Vildé seinen Dienst in Lothringen, wird beim Vorstoß der Deutschen verhaftet, flieht aus der Gefangenschaft und beginnt, zurück in Paris, bereits im Herbst 1940 gemeinsam mit Mitarbeitern des Musée de l’Homme den Aufbau eines Netzwerks. „Libération“ sollte der Titel der in den Kellern des Museums hergestellten Zeitschrift zuerst lauten, doch dann fällt die Entscheidung für „Résistance“. Am 15. Dezember erscheint die erste Nummer, sechs kleinformatige Seiten in einer Auflage von etwa fünfhundert Stück.

          Auf vier Nummern bringt es die Untergrundzeitschrift bis Mitte März 1941. Aber da sind einige ihrer Hersteller schon in deutscher Haft. Eine Denunziation hatte die Besatzer auf das politisch ohnehin verdächtige Museum aufmerksam gemacht, dann gelang ihnen die Infiltration mit einem Verräter. Gegen Ende März geht auch Boris Vildé, der bei einer Rückkehr aus der unbesetzten Zone alle Warnungen in den Wind geschlagen hatte, in Paris in die Falle. Es beginnt das Jahr in Kerkerhaft bis zum Beginn des Prozesses, zuerst im Pariser Gefängnis Cherche-Midi, dann in Fresnes.

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