http://www.faz.net/-gr3-8yyga

Die Freiheit zur Blasphemie : Beleidigte religiöse Gefühle als Tatbestand?

  • -Aktualisiert am

Für den Propheten: Proteste in Islamabad gegen Karikaturen in „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, zwei Wochen nach dem Anschlag auf die Pariser Redaktion Bild: Picture-Alliance

Bloß keine Sonderregeln für den Islam: Der Pariser Rechtshistoriker Jacques de Saint Victor warnt vor einer Restauration des Delikts Blasphemie.

          Zu den beliebtesten Kampfmitteln heutiger Identitätspolitik gehört der Kunstgriff, Sachkritik dadurch zu diskreditieren, dass ihr rassistische Motive untergeschoben werden. So wird die Befürchtung, der Islam enthalte ein ungezähmtes und womöglich auch unzähmbares Gewaltpotential, gern zum Ausdruck einer rassistischen Gesinnung erklärt. Derartige Vorwürfe werden nicht nur von islamischen Funktionären erhoben, die sich wortreicher über das Leiden ihrer Glaubensgenossen im Westen als über das der Opfer islamistischer Anschläge auszulassen pflegen. Sie werden auch von hyperkritischen westlichen Intellektuellen nachgesprochen, die den Kapitalismus für die Wurzel allen Übels halten und nach dem Kollaps des Kommunismus in islamischen Vorstadtbewohnern ihr Ersatzproletariat gefunden haben.

          Wie wirksam diese Strategie ist, hat sich zum ersten Mal in der Auseinandersetzung um die Mohammed-Karikaturen gezeigt. Zwar wird das angebliche „Recht auf Blasphemie“ erbittert verteidigt, solange seine Ausübung sich gegen das Christentum, namentlich in dessen katholischer Variante, richtet. Im Hinblick auf den Islam sollen hingegen ganz andere Maßstäbe gelten. Antiislamische Karikaturen seien verwerflich, denn sie schürten den Hass auf sozial Schwache, womit man Gefahr liefe, diese, wie Hans Magnus Enzensberger es formuliert hat, in „radikale Verlierer“ zu verwandeln. Wenn zum Selbstzweifel dann noch die Angst tritt, ist die vielbeschworene „Schere in den Köpfen“ kaum mehr zu vermeiden.

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          Gegen die leider nicht unbegründete Angst vor Racheakten islamistischer Fanatiker lässt sich schwer anschreiben, gegen die Furcht vor Schlägen mit der Rassismuskeule allerdings schon. Wie der Pariser Rechtshistoriker und Politiktheoretiker Jacques de Saint Victor darlegt, bleiben derartige Vorwürfe den Nachweis schuldig, dass eine Religion mit einer Rasse oder einem Volk gleichzusetzen sei. Mehr noch, die Behauptung, dass ein richtiger Türke, Araber oder Pakistani Muslim sein müsse, gehört zu den unheilvollsten Diskriminierungsparolen überhaupt und hat schon zahllose Andersgläubige, vor allem Christen, in Leid und Tod gestürzt.

          Die Rhetorik der feuilletonistischen Identitätsstreiter ist aber nicht nur politisch brandgefährlich, sie wird auch dem Achtungsanspruch der Muslime nicht gerecht, die sie zu beschützen vorgibt. „Denjenigen helfen, denen man nicht zutraut, zwischen Ironie und Intoleranz zu unterscheiden: Wenn das keine neue Form eines sich selbst verkennenden Paternalismus ist ... Der nichts Gutes für den Kampf gegen den Fanatismus verheißt.“

          In seinem Befund, dass ein faktisches Sonderrecht zum Schutz muslimischer Empfindlichkeiten weder politisch noch juristisch akzeptabel ist, verdient de Saint Victor uneingeschränkte Zustimmung. Das eigentliche Anliegen des Autors reicht jedoch weiter. Auf der Basis eines ausgedehnten Rückblicks auf die Geschichte des Umgangs mit der Blasphemie in Frankreich vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart sucht er nachzuweisen, dass Gotteslästerung mangels greifbaren Schutzguts nichts anderes sei als ein, wie er es mit einer Formulierung aus dem achtzehnten Jahrhundert nennt, „imaginäres Verbrechen“. Daher dürfe sie keinen rechtlichen Einschränkungen unterliegen. Immerhin sei Frankreich 1791 das erste europäische Land gewesen, welches das Delikt der Blasphemie abgeschafft habe. Als Verletzungen der „religiösen Moral“ im Gefolge der Restauration erneut unter Strafe gestellt worden seien, habe sich zudem erwiesen, dass ein derartiger Gummiparagraph fast beliebig erweiterbar sei. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts seien es hauptsächlich noch ultrakatholische Hardliner gewesen, die sich unter Berufung auf die Gefühle der Gläubigen, die nicht verletzt werden dürften, für die Beibehaltung jenes Verbots ausgesprochen hätten. Die Blasphemie erneut mit rechtlichen Sanktionen zu belegen bedeute, den erbitterten Feinden der Umwandlung Frankreichs zu einem laizistischen Staat einen späten Triumph zu verschaffen und eines der Grundprinzipien französischer Staatlichkeit zu verraten. Statt die laizistische Botschaft zugunsten religiöser Überzeugungen zurückzunehmen, sei sie im Gegenteil zu intensivieren.

          Weitere Themen

          Erinnerungen an meinen Vater Video-Seite öffnen

          Hans Magnus Enzensberger : Erinnerungen an meinen Vater

          Wie sein Vater als Fernmeldetechniker im „Dritten Reich“ den eigenen Überzeugungen treu blieb, hat Hans Magnus Enzensberger immer fasziniert. Für die Familie hat er seine Erinnerungen an ihn aufgeschrieben. Zum ersten Mal kann sie jetzt auch ein großes Publikum lesen.

          Türkische Winzer haben es schwer Video-Seite öffnen

          Weinbau : Türkische Winzer haben es schwer

          In vielen Regionen der Türkei herrschen ideale Bedingungen für den Weinanbau, doch die zunehmend strengere Auslegung des Islams im Land macht es den Winzern schwer ihren Wein herzustellen und zu verkaufen.

          Topmeldungen

          Telekom-Aktien verkaufen, um den Breitbandausbau zu finanzieren? Das fordern zumindest FDP und Grüne.

          Jamaika sucht Geldquellen : Verkauft der Bund die Telekom-Aktien?

          Um neue Ausgaben und Steuersenkungen zu finanzieren, suchen Politiker einer künftigen Jamaika-Koalition nach Geldquellen. Alleine mit Telekom- und Post-Anteilen ließen sich Milliarden generieren.

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.
          Für mehr Recht und Ordnung im eigenen Land: Macron will härter gegen kriminelle Ausländer vorgehen.

          Macrons Abschiebekurs : Mit harter Hand

          Der brutale Mord an zwei jungen Frauen durch einen illegalen Einwanderer erschüttert Frankreich. Nun plant Präsident Macron konsequenter bei der Abschiebung krimineller Ausländer durchzugreifen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwerer als gedacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.