14.04.2008 · Wer den Mund zu voll nimmt mit Worten wie universale Werte oder allgemeine Menschenrechte, kann daran ersticken. Die Rede vom Dialog der Kulturen, dieser süßliche Nachtrag zum "Krieg der Kulturen", gerät zum Wortbrei auf internationalen Symposien. Den Pfeffer, bitte! - möchte man über den Tisch rufen.
Wer den Mund zu voll nimmt mit Worten wie universale Werte oder allgemeine Menschenrechte, kann daran ersticken. Die Rede vom Dialog der Kulturen, dieser süßliche Nachtrag zum "Krieg der Kulturen", gerät zum Wortbrei auf internationalen Symposien. Den Pfeffer, bitte! - möchte man über den Tisch rufen. Doch wird dieser gerade an der französischen Tischecke herumgereicht, wo die Universalien im Kreis der Neuen Philosophen lange Zeit besonders beliebt waren.
Wird, nachdem die Formel von der Religion als "Opium fürs Volk" sich überlebt hat, die zivile Theologie des Kulturdialogs nun zum neuen Opium für die Eliten? - fragte Régis Debray auf der Tagung "Kulturwerkstatt Europa-Mittelmeer-Golf" im vergangenen Juni in Sevilla. Debrays Eröffnungsvortrag war ein Rundumschlag gegen alles (nur) gut Gemeinte in der Kulturverständigung. Unter dem Titel "Un mythe contemporain: le dialogue des civilisations" ist er unlängst als Bändchen erschienen (CNRS Editions, Paris 2007. 61 S., br., 4,- [Euro]). Im Stil vielleicht weniger scharf, in der Substanz aber noch prägnanter antwortet das Buch "De l'universel, de l'uniforme, du commun et du dialogue entre les cultures" vom Philosophen und Sinologen François Jullien (Fayard, Paris 2008. 263 S., br., 18,- [Euro]). Der universale Mensch trägt in der Darstellung dieser Publikationen plötzlich Pickel im Gesicht, die offenbar von einer Kinderkrankheit der abendländischen Philosophie herrühren.
Das - induktive wie das deduktive - Allgemeine habe in unserer westlichen Denktradition wie in keiner anderen sonst sich vom konkreten Hier und Jetzt abgehoben, schreibt Jullien, und habe deshalb stets die Schwierigkeit gehabt, in Beziehung zu diesem zu treten. Sollte ein so verstandenes Allgemeines angesichts all der übrigen Denktraditionen in der Welt also nicht eher als eine Ausnahme betrachtet werden? - fragt der Autor. Sollte das nach dem Vorbild von Naturgesetzen bei uns verabsolutierte Attribut des "Universalen", wenn es nicht mehr bloß um Naturbetrachtung geht, nicht zurückgestuft werden auf das, was Attribute halt so an sich haben, nämlich unessentiell, sekundär, beigefügt, vorläufig zu sein?
Das Problem ist laut Jullien schon in der unter europäisch-amerikanischer Federführung verfassten Allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1948 zu erkennen. Die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte wird dort offensichtlich nicht im Sinne eines "schlechten", nur induktiven, sondern eines kategorischen Allgemeinen verstanden: a priori für alle gültig. Dennoch ist schon in der Präambel des Texts von den Menschenrechten als einem "gemeinsamen Ideal" die Rede. Wie kann man vom Prinzip der strikten Allgemeingültigkeit übergangslos zum bloßen Postulat der angestrebten Allgemeinverbindlichkeit übergehen? - fragt Jullien. Theorie und Praxis, wird man antworten. Im Spielraum dieser logischen Wackelstelle findet heute die Debatte über Kulturverständigung statt. Julliens Versuch einer Begriffsklärung im Dreieck zwischen logischer Universalität, wirtschaftlicher Uniformität und politisch ausgehandelter Gemeinschaft ist ein nützlicher Beitrag dazu. Das Gemeinsame ist dabei nicht bloß als ein minderwertiges Allgemeines zu verstehen. Es ist eine eigene Größe. Von einer kategorisch gesetzten Allgemeingültigkeit habe die Menschenrechtsdebatte den Akzent - so Julliens These - in Richtung einer konkret angestrebten Gemeinschaft verschoben: Wo das Universelle stockt, macht der Gemeinschaftssinn weiter.
Solange dieser aber einfach vom philosophisch zum rhetorisch Allgemeinen springt und Differenzen kleinredet, hilft er auch nicht weiter. Kulturdialog unter Gleichgesinnten am oberen Tischende, während am unteren die Messer klirren, erübrigt sich.
Die Differenzen müssen offen zutage treten, fordert Régis Debray. Dass Mohammed-Karikaturen neben Hasspredigern auch Tausende von Normalgläubigen südlich des Mittelmeers ärgern, sei für uns vielleicht schwer nachvollziehbar, aber dennoch ein Faktum und also debattierwürdig. Wie einst die Christenheit ist der Islam noch heute zugleich eine Gesellschaftsverfassung, eine Religion, eine Lebensform, ein Gemeinschaftsgefühl - und dass wir diese Bereiche getrennt haben, macht uns noch nicht zu Musterschülern des Dialogs.
Weder von der Ehrenloge der Geschichte herab noch aus dem obsessiven Bewusstsein heraus, für alles Unheil in der Welt verantwortlich zu sein, ergibt sich ein Kulturdialog. Die Kultur ist für Debray heute mehr Infrastruktur als "Überbau": In einer Welt, wo die kollektive Identitätssuche sich massiv wieder meldet, sei sie das, was für manche die Wirtschaft im neunzehnten, die Politik im zwanzigsten Jahrhundert war: ein letztendlich bestimmender Faktor. Wie viele Opfer wären in Afghanistan und im Irak zu vermeiden gewesen, wenn neben den westlichen Militärexperten auch ein paar Kenner der Religionsgeschichte, der Anthropologie, der Volkswirtschaft das Sagen gehabt hätten? - fragt Debray. Dialog und Krieg der Kulturen liegen vielleicht gar nicht so weit auseinander. Der Unterschied liegt in den Waffen.
JOSEPH HANIMANN