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Bis endlich der Groschen fiel

 ·  Wie Honecker den DDR-Sozialismus in den Bankrott führte / Von Andreas Rödder

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Die Unfähigkeit des Sozialismus, mit Geld umzugehen, ist das Thema dieses Buches: die tiefsitzende Abneigung des SED-Regimes gegen Geld und Geldwirtschaft. Demgegenüber zielte die Vision des Sozialismus auf einen Zustand sozialer Gleichheit und Harmonie, in dem Geld, jenes zentrale Element des verhassten Kapitalismus, überflüssig sei. Für den vorderhand jedoch unumgänglichen Umgang mit Geld fand der Sozialismus allerdings, so die These, keine konstruktive Konzeption. Vielmehr griff die DDR, von der hier die Rede ist, zu einer irrationalen Geldpolitik und einem disfunktionalen Gebrauch von Geld, und zwar sowohl im engeren ökonomischen als auch in einem allgemeinen kulturellen Sinne. Geld fand eine eingeschränkte Verwendung als Mittel für staatlich vorgegebene Transaktionen, nicht aber als ein eigenständiges ökonomisches Regulativ. Die Folge waren Ineffizienz der Produktion samt mangelndem Kostenbewusstsein - einschließlich der völlig uneffektiven Beschäftigtenstruktur - sowie ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, das auch darauf zurückging, dass die Machthaber zwischen "richtigen" und "falschen" Konsumbedürfnissen unterschieden und dementsprechend die Produktion lenkten.

Ein zusätzliches Problem der DDR lag in den Interferenzen mit der westlichen Marktwirtschaft, in erster Linie natürlich der Bundesrepublik, dem allgegenwärtigen Systemkonkurrenten. Auf diese Weise nämlich kursierten Westwaren und die Deutsche Mark als Zweitwährung, die das Regime durch Intershops abzuschöpfen suchte, zumal es aufgrund der wachsenden Verschuldung im Westen in zunehmendem Maße und schließlich um beinahe jeden Preis gezwungen war, Devisen zu beschaffen. Was der DDR kurzfristig Erleichterungen verschaffte, um die "Einheit von Wirtschaftsund Sozialpolitik" zu finanzieren, fragmentierte die DDR-Wirtschaft in unterschiedliche Währungszonen, in denen die Mark der DDR zum zweitklassigen Zahlungsmittel degradiert wurde. Permanente einzelne Aushilfen verfestigten sich zu einem immer disfunktionaleren und kontraproduktiveren System von Widersprüchen, das den Sozialismus à la longue in den Bankrott führte.

Zatlins Studie entfaltet breite empirische Befunde über die Finanz- und Wirtschaftspolitik in der Ära Honecker, in der ökonomische Vernunft systematisch politischem Kalkül untergeordnet wurde, sowie über die Disfunktionalitäten, ja Absurditäten von Produktion und Konsum: etwa über die gescheiterte Produktion und Vermarktung von Pepsi Cola in der DDR in den achtziger Jahren; oder über die Verwendung von Tomatenmark, das mangels Verarbeitungs- und Kühlungskapazitäten verrottet war, für die Herstellung von Ketchup, dem zur Neutralisierung des säuerlichen Beigeschmacks Zucker zugesetzt wurde (und das anschließend nur in Gaststätten, aber nicht für den Verkauf an Privathaushalte zugelassen wurde). Anhand der Autoproduktion werden die kontraproduktiven Folgen der ideologischen Vorgaben von "falschen" und "richtigen" Bedürfnissen deutlich. Sie führten zu Produktionsengpässen und somit zu sozialen Ungleichheiten, die den ideologischen Anspruch wiederum unterminierten und zur Delegitimierung des Systems beitrugen. Ebenso wie die Intershops vermittelten sie die Erfahrung, dass Geld "eine Substanz von eingeschränktem Tauschwert und dass westdeutsches Geld für den Erwerb beliebter Konsumgüter effektiver war". Vor diesem Hintergrund wird auch die Bedeutung der Einführung der D-Mark im Wiedervereinigungsprozess 1990 besonders deutlich, stieß sie doch in das ökonomische und politisch-kulturelle Vakuum, das der Vertrauensverlust in die Währung der DDR eröffnet hatte.

Dass freilich die Mängel in "key commodities" und sozialer Gleichheit hauptverantwortlich für den Untergang des DDR-Sozialismus waren, so die zentrale These des Buches, dass "money unmade the GDR and then unified Germany", ist in dieser Zuspitzung arg überzogen. Sie lässt nämlich nicht nur die Frage außer Acht, warum auch in anderen Ostblockländern (ohne die DDR-spezifischen ökonomischen Interferenzen mit dem Westen) die sozialistischen Regime ebenfalls zusammenbrachen, sondern sie lässt auch die in den Raum gestellte Frage unbeantwortet, ob eine funktionierende Geldtheorie das Scheitern der DDR hätte verhindern können, womit wiederum die Umstände angesprochen sind, ohne die ein Vorgang nicht gedacht werden kann, kurzum: die Ursachen.

Sosehr die Versorgungsmängel zur Delegitimierung des Systems beitrugen, erschöpfen sich die Ursachen des DDR-Untergangs aber nicht in einer funktionsschwachen Ökonomie. Es waren vielmehr die Ziele der bürgerlichen Moderne in einem umfassenderen Sinne, mit denen die Bürgerbewegung 1989 ein Regime herausforderte, das sich in der Krise als völlig handlungsunfähig erwies - nicht zuletzt weil ihm die Bestandsgarantie seitens der Sowjetführung entzogen worden war. Sie hatte ihren Machtbereich zuvor - den nötigen, aber verlorengegangenen Machtwillen vorausgesetzt - auch wider ökonomische Vernunft zu beherrschen vermocht; ein Staat, eine Diktatur zumal, ist eben kein mittelständisches Unternehmen in einer Marktwirtschaft. Und die Gründe seines Untergangs erschöpfen sich nicht in Fragen des Geldes.

Obgleich in ihrem empirischen Teil durchaus differenziert, folgt diese Dissertation einem verbreiteten Muster amerikanischer Monographien: Ein richtiger Gedanke wird verabsolutiert, zu einer steilen These stilisiert und durch "testimonials" auf dem Cover als bahnbrechend zelebriert. Die klassische deutsche Geschichtswissenschaft folgt hingegen tendenziell dem - weniger publikumsträchtigen - Anspruch der Differenzierung und der Einordnung in den historischen Kontext, mehr den Schattierungen und Zwischentönen als dem scharfen Schwarz und Weiß. Diese Qualitäten aber stehen - dies jenseits des hier zu besprechenden Buches - angesichts einer bramarbasierenden Exzellenz und statistikfähigen Hochglanzpolitur, die der deutschen Wissenschaft verordnet werden, zunehmend auf dem Spiel. Mit Blick nicht auf Zahlen, sondern auf ganz konkrete Erfahrung, so wenig sie in zahlenverrückten Zeiten zählen mag: Wann hören die deutschen Geisteswissenschaften auf, sich von sachlich Unbefugten ständig ihre vermeintliche internationale Rückständigkeit vorhalten zu lassen?

Jonathan B. Zatlin: "The Currency of Socialism". Money and Political Culture in East Germany. Cambridge University Press, Cambridge 2007. 377 S., 45,- £.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2007, Nr. 279 / Seite L23
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