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Bernd Stiegler: Tat ohne Täter : Auf diese blutige Tat wussten sich auch die Psychologen keinen Reim zu machen

  • -Aktualisiert am

Bild: Konstanz University Press

Ein Verbrechen, das die Öffentlichkeit und die Wissenschaft der Weimarer Republik beschäftigte: Bernd Stiegler dokumentiert und kommentiert den Mordfall Fritz Angerstein.

          A. betrat seine Villa, wo er auf dem Flur in der Dunkelheit von mehreren Männern niedergeschlagen wurde mit den Worten: Da haben wir ja den Schuft! Nach dem Beilhieb über den Kopf erhielt er noch einen Stich in den Magen. Es gelang ihm jedoch, seinen Mördern zu entkommen, durch den Garten zu laufen und bis zu der etwa 50 Meter entfernten Villa zu flüchten, wo er laut um Hilfe schrie.“ Die „Frankfurter Zeitung“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 3. Dezember 1924 von einem Raubüberfall auf den Unternehmer Fritz Angerstein, bei dem dessen Familie und vier Hausangestellte bestialisch ermordet worden waren. Eine räuberische Bande habe sich Zugang zum Angersteinschen Anwesen verschafft und dort gewütet, bis alle in ihrem Blut gelegen hätten. Angerstein selbst, der Besorgungen in der nahen Stadt Haiger zu machen hatte, war quasi mit Verspätung in das Gemetzel hineingelaufen, wurde dabei mit einem Hirschfänger in der Magengegend verletzt, in ein Krankenhaus verbracht und dort notoperiert.

          Bereits am 4. Dezember wird dieser vom einzigen Überlebenden geschilderte Tathergang in der Presse revidiert. „Wie wir schon im Abendblatt andeuteten, ist neuerdings der Verdacht aufgetaucht, dass die Bluttat nicht durch eine Bande verübt worden, sondern Angerstein selbst der Täter sei, der den Überfall fingiert habe“, schreibt die „Frankfurter Zeitung“. Kurz darauf wird der Verdächtige geständig. Neben dem Fall Fritz Haarmann, der in Hannover über zwanzig Jungen vermutlich missbraucht, anschließend zerstückelt und in der Leine versenkt hatte, wird das Verbrechen des braven Bürgers Angerstein zum paradigmatischen Kriminalfall der Weimarer Republik. Anders als Haarmanns Taten, offensichtlich von einer denaturierten Seele verübt, blieb das Wüten Angersteins ein psychologisches Rätsel. Siegfried Kracauer prägte das Wort von der „Tat ohne Täter“, denn Angerstein gab nach seiner Festnahme an, weder sich selbst zu kennen noch von den Menschen erkannt worden zu sein. Als Grund für die Tat nannte er die Liebe zu seiner kränklichen Frau. Die Schwiegermutter habe sich ihr gegenüber oft boshaft benommen und mehrfach die Suppe anbrennen lassen. Er habe seine Frau innig geliebt. Die psychiatrischen Gutachten kommen aber zu dem Schluss, dass Angerstein sie wohl innerlich satthatte: „Sie stand ihm am Halse“, heißt es im Plädoyer des Staatsanwaltassessors Dr. Hofmann.

          Angersteins Wüten bleibt rätselhaft

          Eine wichtige Spur führte die Ermittler gleich zu Beginn des Prozesses zu einer Serie von Unterschlagungen in Angersteins Firma, die der Prokurist Nix entdeckt und zur Sprache gebracht hatte. Doch auch diese Unregelmäßigkeit lieferte den Beobachtern keine befriedigende Erklärung für das Blutbad. Angerstein selbst bat während der Verhandlungen darum, ihn nicht für schuldunfähig zu erklären. Er ließ sämtliche psychiatrischen, psychologischen und sonstigen Gutachten über sich ergehen und konnte selbst wenig zur Aufklärung seiner Motive beitragen. Richard Schlesinger, der damalige Sonderberichterstatter der „Frankfurter Zeitung“, schrieb: „Ist die Tat in dem Täter von je gewesen und in ihm geblieben, ist sie eine Steigerung seines noch so schlechten Gefühls, ist sie eine Missgeburt seiner intellektuellen Phantasie, plötzlich, wie ein Geschwür aus ihm herausgebrochen - und nun zu etwas geworden, was ganz außer ihm steht? Diese Frage hat mit seiner Schuld nichts zu tun, aber es ist nicht zu leugnen, dass ihre Beantwortung ebenso wesentlich ist, man wird vergeblich auf sie warten.“

          Die Prozessakten und Presseberichte zum Fall Angerstein, die jetzt von Bernd Stiegler gebündelt herausgegeben und kommentiert worden sind, können auch heute das damals Unerklärliche nicht erklärbar machen. Aber sie sind mentalitätsgeschichtlich von Interesse. Im Versuch, den Widerspruch zwischen Bestialität und Zivilisiertheit, von Planung und Affekt aufzulösen, wurden alle damals zur Verfügung stehenden Rationalisierungsverfahren bemüht. Doch keine einzige kriminologische Methode, von der Psychiatrie über die Hirnvermessung bis hin zur schon damals aus der Mode gekommenen Optographie, bei der man glaubte, das Bild des Täters sei auf der Netzhaut seines Opfers nachzuweisen, konnten den Fall zu einer Klärung bringen. „Je mehr sich die Wissenschaft irrt, umso angenehmer für mich“, gab Angerstein zu Protokoll. Die Tat blieb ihrem Täter äußerlich. Einzig die neu zugelassene Herangehensweise des Gutachters Herbertz konnte Erklärungsansätze liefern. Die Tat habe Angerstein nicht begangen, sie sei ihm passiert. Ein außerhalb seiner Bewusstseinszonen operierendes, unverbundenes „Es“ kommt ins Spiel - der Beginn einer Implementierung psychoanalytischer Begriffe in die deutsche Gerichtspraxis.

          Wie sehr eine Gesellschaft, zudem in historisch instabiler Lage, auf Wertekonsolidierung angewiesen ist und wie wenig Urteilssprüche gegebenenfalls zur Klärung des Dysfunktionalen beitragen (Angerstein wurde am 13. Juli 1925 zum Tode verurteilt), hat Helmut Lethen in seiner 1994 erschienenen Mentalitätsstudie zur Weimarer Republik gezeigt. Ein Kapitel aus „Verhaltenslehren der Kälte“ nimmt den Fall Angerstein zum Anlass, um zu zeigen, wie groß das Bemühen damals war, das Bestialische der menschlichen Natur durch einen differenzierenden, kalten, kurz: durch einen diagnostischen Blick zu bannen.

          Der Fall Angerstein blieb den Zeitgenossen zwar unergründlich. Die Kriminalpolizeiliche Sammlung in Frankfurt am Main, in der unter anderem Angersteins Hirschfänger aufbewahrt wird, versah ihre Asservaten dennoch mit folgender Notiz: „Ein vorzügliches Material zu Lehr- und Unterrichtszwecken“.

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