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Bernard Stiegler: Technik und Zeit Worauf Prometheus nie gekommen wäre

11.08.2009 ·  Was zeigte deutlicher als die Technik, dass menschliche Hervorbringungen ihre eigene Dynamik entwickeln? Bernard Stiegler sucht ihr mit einer Philosophie der Maschinen auf die Spur zu kommen, hätte seine Analyse im Aufbau aber etwas straffer anlegen können.

Von Joseph Hanimann
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Sein philosophischer Rang ist in Deutschland noch nicht ganz abschätzbar. Nachdem dieser Denker in den letzten Jahren hierzulande als Medienkritiker, Analytiker der technischen Vernunft und als ehemaliger Gefängnishäftling publizistisch eher disparat in Erscheinung trat, liegt hier erstmals ein systematisches Werk vor: der erste Band von Stieglers dreiteiliger Skizze zu einer Philosophie der Technik. Im Original ist dieser Band 1994 erschienen, als der Autor zweiundvierzig Jahre alt war und noch wenig veröffentlicht hatte. Entsprechend liest sich das Buch heute, als Anlauf zu einem Werk, das sich langwierig anbahnte, seither aber umso üppiger, vielfältiger, manchmal auch wirrer sprudelt.

Es gehört zur Eigenheit der jüngeren Geistesgeschichte, dass die vorab von Heidegger angestoßene philosophische Auseinandersetzung mit der Technik vor allem in Frankreich aufgegriffen wurde. In dieser Linie steht Bernard Stiegler, der heute Programmdirektor am Pariser Centre Pompidou ist und von dem bei Diaphanes gerade auch der Gesprächsband „Denken bis an die Grenze der Maschine“ mit dem Wissenschaftsphilosophen Elie During erschienen ist.

Die technische Dynamik

Heideggerisch klingt im vorliegenden Buch schon der Einstieg, wonach die Philosophie durch die Entgegensetzung von „episteme“ und „tekhne“ – Letztere wurde gern den Sophisten überlassen – seit der Antike sich selbst um die Möglichkeit einer tieferen Einsicht ins Wesen der Technik gebracht habe. Auf Grund dieser Technik-Vergessenheit, die über den Schatten einer bloß instrumentalen Vernunft nie wirklich hinauskam, habe die moderne Technik sich unbemerkt verselbständigen und nach dem Dienst am Menschen diesen selbst in Dienst nehmen können, wie nach Heidegger auf ganz andere Weise auch Habermas feststellte. Gegen deren Sicht sucht Stiegler eine andere Position zu entwickeln, die den technischen Fortschritt nicht mehr zwischen Anfang und Ende spannt, sondern diesen Horizont durchstößt.

Die wachsende Kluft zwischen unserer technologisch bestimmten Alltagsrealität und unserem Kulturbewusstsein wird oft damit erklärt, dass dieses die industriellen Objekte nur noch zögernd integriert. Zwei unterschiedliche Systeme reiben sich aneinander. Stiegler verspricht sich Entspannung, indem den Objekten der Technik über ihren bloßen Werkzeugcharakter hinaus eine eigene Entwicklungsdynamik zugestanden wird, die sich nicht in den jeweiligen gesellschaftlichen Bedürfnissen erschöpft.

Das Erbteil des Epimetheus

Technologie sei zu betreiben, wie man Soziologie oder Psychologie betreibt: mit dem Blick auf die technischen Objekte und deren Eigendynamik, die weder Produkt der menschlichen Seele noch der menschlichen Gesellschaft seien. „Diese Dynamik der Objekte als industrielle Technologie ist eine Wissenschaft der Maschinen“, schreibt der Autor: Maschinen zwar als menschliche, in konkreten Funktionsstrukturen verdinglichte Gesten, jedoch mit einer eigenen „genetischen Logik“, die man vielleicht dem Adornoschen Begriff einer Tendenz des Materials annähern könnte. Der Autor nennt jene Wissenschaft von den Maschinen, die über das Detailwissen des Arbeiters wie über das Systemwissen des Ingenieurs hinausgeht, die „Mechanologie“.

Fragt sich jedoch, wie eine so vom zweckgerichteten Willen des Menschen abgekoppelte Realität der Maschinen mit der Menschengeschichte zusammenhängt. Stiegler greift zur Beantwortung dieser Frage besonders auf die Arbeiten des Anthropologen Leroi-Gourhan und dessen „Technomorphologie“ zurück. Nicht alle herangezogenen Autoren – neben Heidegger vor allem Rousseau, Freud, Husserl, Derrida, Gilbert Simondon – sind für den Argumentationsverlauf ergiebig, manchmal führen sie auch in die Irre. Der nach dem Muster von Leroi-Gourhans Paläoanthropologie unternommene Entwurf einer Paläotechnologie „als Wissenschaft vom Ursprung und von der Evolution technischer Objekte“ ist vor allem dort interessant, wo er in die Sackgasse gerät. Nicht ganz überzeugend sucht Stiegler ihr durch die These eines „zweiten Ursprungs“ der Menschheit im Sinne Rousseaus zu entkommen: eines Ursprungs aus der technischen Vernunft, die mit dem primitivsten Handwerkzeug schon im Horizont der Vorausschau steht.

Eigentlich kein Grund zur Zuversicht

„Prometheia“ nannten die Griechen jene vorausblickende Welteinstellung, nach dem Namen des göttlichen Feuerräubers Prometheus. Wie kommt es aber, so wundert sich Stiegler, dass dessen Zwillingsbruder Epimetheus vergessen wurde, jener immer zu spät schaltende Idiot, der bei der Gabenverteilung an die Sterblichen bei all den Tieren den Menschen übersah und Prometheus erst zu seinem Raub veranlasste?

Nur im Zwiespalt von „prometheia“ und „epimetheia“, dem zupackenden Vorweg und dem leichtsinnigen oder nachdenklichen Hinterher, sei die Technik verstehbar: eine Welteinstellung, die immer schon beim Nächsten ist und im Nachhinein sich wundert, wie sie dazu kam. Das klingt nicht sehr zuversichtlich für eine Sache, die als Bio- und Nanotechnologie schon unseren Alltag bestimmt und laut Stiegler für uns „den Horizont jeder künftigen Möglichkeit und jeder Möglichkeit der Zukunft“ ausmacht.

Hätte er seine Analyse im Aufbau etwas straffer angelegt, könnten wir sein Buch mit geordnetem Geist und vielleicht etwas gelöster aus der Hand legen. Am überzeugendsten ist es aber im Durcheinander der Einzelanalysen. Lob verdient die in Wortpräzision und Sinnzusammenhang vorbildliche Arbeit der Übersetzer.

Bernard Stiegler: „Technik und Zeit“. Der Fehler des Epimetheus. Aus dem Französischen von Gabriele Ricke und Ronald Voullié. Diaphanes Verlag, Berlin, Zürich 2009. 358 S., br., 29,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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