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: Berlin soll nicht nur horten, sondern forschen

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Erstmals ist 1997 in Deutschland eine Professur für "Islamische Kunstgeschichte und Archäologie" eingerichtet worden (an der Universität Bamberg). Nur am Seminar für Orientalische Kunstgeschichte der Universität Bonn konnte man davor, seit 1967, islamische Kunst studieren. Auch wenn überraschend seit ...

          Erstmals ist 1997 in Deutschland eine Professur für "Islamische Kunstgeschichte und Archäologie" eingerichtet worden (an der Universität Bamberg). Nur am Seminar für Orientalische Kunstgeschichte der Universität Bonn konnte man davor, seit 1967, islamische Kunst studieren. Auch wenn überraschend seit 2002 an der Universität München eine Professur für "Geschichte der islamischen Kunst" existiert, so ist es doch als ein Skandal und eine Erbärmlichkeit zu bezeichnen, daß es an den Universitäten der deutschen Hauptstadt Berlin keinen Lehrstuhl für dieses Fach gibt - und das trotz des einzigen deutschen "Museums für islamische Kunst" und seiner Fachbibliothek zur islamischen Kunstgeschichte in Berlin (1904 von Wilhelm von Bode eröffnet) und der 1919 gegründeten "Orientalischen Abteilung" der Staatsbibliothek zu Berlin. Für Berlin ist es nun an der Zeit, islamische Kunst nicht nur zu horten und zu zeigen, sondern auch zu erforschen und zu lehren.

          Neben dem Berliner Museum gibt es in Deutschland allerdings eine große Zahl von öffentlichen Sammlungen, in denen unter anderem auch Gegenstände islamischer Kunst aufgehoben, wenn auch nicht ständig gezeigt werden (wie zum Beispiel im Kestner-Museum Hannover oder im Ethnologischen Museum in Berlin).

          An dem von Joachim Gierlichs und Annette Hagedorn sorgfältig edierten Census der öffentlichen Sammlungen islamischer Kunst in Deutschland haben 62 Autoren mitgearbeitet. Neben sechs einleitenden Artikeln zur Geschichte der Sammlungen und zur Lehre islamischer Kunst im deutschsprachigen Raum seit Joseph von Hammer-Purgstall (Anfang des neunzehnten Jahrhunderts) werden in alphabetischer Reihung der Orte der Sammlungen 62 Institutionen kurz vorgestellt, und zwar mit weiterführenden Literaturangaben und Kontaktadressen. Diese Institutionen sind nicht nur Museen (wie zum Beispiel das Glasmuseum in Wertheim), sondern auch kleine Sammlungen in Universitäten oder auch Bibliotheken (wie zum Beispiel der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und der Forschungsbibliothek Gotha mit ihren dreitausendfünfhundert orientalischen Handschriften).

          Nicht vergessen wurden die reichen Domkammern (zum Beispiel in Quedlinburg und Osnabrück) und die Gesellschaften, die sich auch ohne eigene Sammlungen mit der islamischen Kunst beschäftigen: die 1845 gegründete "Deutsche Morgenländische Gesellschaft" (heute in Halle), die "Gesellschaft der Freunde Islamischer Kunst und Kultur e.V." in München (seit 1989) sowie Ali Rahbars "Gesellschaft für das Geistesleben Persiens" in Bonn (seit 1998). Das Buch referiert nicht nur, wo die Sammlungen islamischer Kunst in Deutschland liegen, sondern zeigt auch ihre Schwerpunkte und ihre Geschichte auf.

          Daß im Berliner Museum die Fassade des umaiyyadischen Palastes von Mschatta (743/744) zu sehen ist, weiß fast jeder Berlin-Tourist - aber wer hat schon von dem türkisgrünen Vorratsgefäß aus Raqqa in Syrien (siebtes bis achtes Jahrhundert) im Museum Folkwang in Essen gehört?

          Das Buch reizt zu orientalischen Reisen in Deutschland; nicht nur für die islamkundlichen Experten ist es ein großer Gewinn. Neben der deutschen Ausgabe ist zeitgleich auch eine englische Edition erschienen: "Islamic Art in Germany". Da die einzelnen Autoren ihre Artikel selbst ins Englische übersetzt haben (oder jeweils haben übersetzen lassen), brauchte auf dem Titelblatt ein Übersetzer zwar nicht genannt zu werden, doch mangelt es im Englischen an Einheitlichkeiten der Transkription und der Schreibweise. In beiden Ausgaben ist die Qualität der farbigen Abbildungen hervorragend. Kurz vor ihrem Tod hatte Annemarie Schimmel ein Vorwort zu dem Buch verfaßt. Auch sie bedauert darin das Fehlen der notwendigen Lehrstühle für islamische Kunst, denn trotz der zahlreicher Veranstaltungen zur islamischen Kunst im deutschsprachigen Raum würden diese doch "nicht einen wirklichen Lehrstuhl mit all seinen wichtigen Einflußnahmen" ersetzen.

          Zeit ist's - für einen Lehrstuhl für islamische Kunst in Berlin.

          FRIEDRICH NIEWÖHNER

          Joachim Gierlichs, Annette Hagedorn (Hrsg.): "Islamische Kunst in Deutschland". Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2004. X, 196 S., 11 S/W- u. 139 Farb-Abb., geb., 39,90 [Euro].

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