Home
http://www.faz.net/-gr6-14kop
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bartholomäus Grill: Laduuuuuma! Siegen mit dem verdorrten Arm des Pavians

02.12.2009 ·  Zur Einstimmung auf die bevorstehende Fußball-WM: Mit szenischem Reichtum und anschaulichen Porträts erzählen Bartholomäus Grills Reportagen vom Zauber des runden Leders in Afrika.

Von Jochen Hieber
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Am vergangenen Sonntag wurde in Durban, der größten Hafenstadt Afrikas, das von den Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner geplante Fußballstadion zur Weltmeisterschaft 2010 eingeweiht. Die Arena ähnelt einer Auster und zitiert mit ihrem das Areal überspannenden Bogen auf lustvolle Art Santiago Calatravas Athener Olympia-Emphase. Die vom gleichen Büro konzipierte Spielstätte am Greenpoint von Kapstadt, um deren Errichtung es lange Kämpfe gab, wird ebenfalls noch in diesem Jahr vollendet. Aber nicht nur mit diesen beiden Prestigebauten beweist die Republik Südafrika, dass sie für das größte Sportereignis des schwarzen Kontinents bereits jetzt passabel gerüstet ist. Im Italien des Jahres 1989 war man, die Wweltmeisterschaft 1990 betreffend, durchaus noch nicht so weit – von Athen im Vorfeld der Olympischen Spiele 2004 gar nicht erst zu reden.

Im Kongress-Zentrum von Kapstadt wird morgen die Auslosung der am 11. Juni 2010 beginnenden Endrunde über die Bühne gehen – gestern hat der Fußballweltverband auch das Prozedere des Losverfahrens veröffentlicht: Neben dem Gastgeberland und dem amtierenden Weltmeister Italien sind die Mannschaften aus Brasilien, Spanien, Holland, Deutschland, Argentinien und England für die acht ersten Gruppenplätze gesetzt. Der mächtige Fifa-Präsident Joseph S. Blatter kann sich zudem seiner Popularität in Afrika sicher sein – Schmähungen und Pfeifkonzerte wie 2006 in Deutschland wird er sich bei der kommenden Weltmeisterschaft jedenfalls nicht anhören müssen, auch wenn man dies, so der fußballenthusiastische Journalist und Autor Bartholomäus Grill, „in Europa kaum glauben mag“.

Der 1954 geborene Grill ist, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, seit 1993 Korrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“ in Johannesburg. Pünktlich zur Aufwärmphase für das Weltturnier legt er eine Sammlung seiner afrikanischen Fußball-Reportagen vor. Sie zeugen jenseits aller unverhohlenen Leidenschaft des Autors, der einst Halbstürmer beim oberbayerischen TSV Soyen war, auch von seiner reichen Kenntnis der Materie und zugleich von der kritischen Distanz zu den Ballgeschehnissen seines Berichtsgebiets. Wie bei derartigen Sammlungen wohl unvermeidbar, weisen auch die fünfzehn, innerhalb von gut anderthalb Jahrzehnten entstandenen und zunächst für die Zeitung geschriebenen Kapitel des Buchs eine ganze Reihe von Wiederholungen auf – immer wieder will in jedem Artikel das „Schwellenland Südafrika“ charakterisiert sein, als Gewährsleute des Reporters tauchen mehrfach dieselben Personen auf, müssen jedoch stets aufs Neue vorgestellt und kurz porträtiert werden.

Stolpersteine der Chronologie

Daten der Erstdrucke oder des Entstehens der einzelnen Kapitel werden nicht vermerkt. Das führt ab und an zu kleinen Konfusionen. Scheint in einem Bericht die deutschstämmige Helen Zille auf ewig Bürgermeisterin von Kapstadt zu sein, so ist sie in einem anderen plötzlich Premierministerin der Provinz Western Cape: Leser, die mit der Innenpolitik des Landes wenig vertraut sind, dürfen rätseln. Gravierender sind die Stolpersteine der Chronologie, wenn es um den Trainer der „Bafana, Bafana“, des südafrikanischen Nationalteams, geht. Sehr zu Recht beäugt Grill die Arbeit von Joel Santana mit Argwohn, setzt aber ganz selbstverständlich voraus, dass der Brasilianer im nächsten Jahr noch im Amt sein werde. Vor gut einem Monat aber wurde er entlassen – mit Carlos Alberto Parreira bestellte der Verband Santanas Vorgänger auch zu dessen Nachfolger. Ganz offenbar war das vor zwei Wochen erschienene Buch aber da schon nicht mehr zu aktualisieren.

Angesichts des szenischen Reichtums der Reportagen und der Erzählfreude des Autors bleiben solche Kümmernisse indes klein. Bei der Fußballreise durch den Kontinent spart Grill zwar die nordafrikanischen Fußballmächte aus. Desto intensiver spürt er in Senegal, in Nigeria, Sambia oder Kamerun etwa den magischen Ritualen des Fußballs nach – als Fetisch kann „der verdorrte Arm eines Pavians“ durchaus den Sieg bescheren. Noch einmal Revue passieren lässt er Togos Fußballmärchen von 2006, als sich dieses „mausarme“ Land für die Weltmeisterschaft qualifizierte.

Ein Schelmenroman in der Nussschale

Höchst anschaulich sind Grills Porträts von Spielern wie Anthony Yeboah oder Didier Drogba, denen es gelang, „sich aus der Armut herauszudribbeln“. Mit einer auch sich selbst gegenüber unbarmherzigen Genauigkeit schildert Grill, der von der versöhnenden und emanzipatorischen Kraft des Fußballs überzeugt, ja beseelt ist, jedoch auch die Greuel des Jahres 1994 in Ruanda, als aus eben noch völlig friedlichen Hutu-Spielern im Nu enthemmte „Totmacher“ ihrer Mannschaftskollegen vom Stamm der Tutsi wurden. Ein Glanzstück des Buchs ist schließlich die Geschichte des deutschen Trainers Burkhard Pape, der im Uganda des Idi Amin Karriere machte, dem Diktator gar widersprechen durfte, am Ende sein Fußballheil aber doch lieber in der Südsee suchte und heute, fast achtzig Jahre alt, bei München lebt – nicht weniger als ein Schelmenroman in der Nussschale ist da zu lesen.

Aber natürlich ist das kommende Afrika-Debüt der Fußballweltmeisterschaft vor allem Anlass, um die Situation des Gastgeberlandes zu beleuchten. Südafrika ist fünfzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid für Grill eine „fragile Nation“ und „ein Mikrokosmos globaler Ungleichheit“. Mögen die Chancen der Mannschaft bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land auch gering sein: Mit den Vuvuzelas, den unwiderstehlichen Plastiktröten, werden ihr die Fans schon Beine machen. Das, so Grill, „gewaltige Hintergrundsummen“ der Vuvuzelas hat darüber hinaus Aussicht, zur globalen Grundmelodie des Sommers 2010 zu werden.

Bartholomäus Grill: „Laduuuuuma!“. Wie der Fußball Afrika verzaubert. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. 256 S., geb., 20,- €.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge