Home
http://www.faz.net/-gr6-yv1x
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Barney Hoskyns: Tom Waits - Ein Leben am Straßenrand In der Gammler-Gastrolle seines Lebens

07.12.2009 ·  Sein Verlierer-Blues lässt uns das Herz aufgehen, seine Extravaganz bewies er auch im Film, als Komiker wird er zu wenig gewürdigt: Zum sechzigsten Geburtstag von Tom Waits nähert sich Barney Hoskyns' Biographie dem rätselhaften Sänger.

Von Jan Wiele
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Bei Tom Waits findet man noch in den übelsten Geschichten Erlösung durch Lachen: „Never drive a car when you're dead.“ Gelegentlich hat es aber auch andere Wirkung, etwa bei dem frühen Stück „Christmas Card from a Hooker in Minneapolis“, das Waits seinerzeit oft eingerahmt von einem trunkenen „Silent Night, Holy Night“ zum Besten gab. Der Weihnachtsgruß dieses Strichmädchens beginnt hoffnungsvoll, endet aber mit dem Eingeständnis, dass alles zuvor Erzählte erfunden war - von wegen Ehemann, von wegen Geld. Unmittelbar nachdem die Dame die Finanzen erwähnt, folgt jenes herrliche „By the way, Charlie . . .“, welches ihr Schreiben in neues Licht rückt.

Wie kaum ein anderer Lieddichter hat Tom Waits Menschen auf der Verliererstraße porträtiert oder sich selbst dazu stilisiert, und zwar so erfolgreich, dass viele geneigt waren, die Pose für wahr zu nehmen. Man könnte das, mit Bezug auf sein legendäres Dauerlogis im heruntergekommensten Motel Hollywoods in den siebziger Jahren, als die Tropicana-Falle bezeichnen. Wenn nun eine Biographie mit dem Titel „Tom Waits - Ein Leben am Straßenrand“ erscheint, steht zu befürchten, dass wieder einer hineingetappt ist.

Der erfahrene Musikjournalist Barney Hoskyns beschwört die Gefahr gleich selbst und schreibt dann doch: „Der Alkohol forderte von ihm zunehmend den gleichen Tribut, den er schon von seinem Vater gefordert hatte, indem er eine gewisse Griesgrämigkeit hervorbrachte.“ Das Image des Dichter-Trinkers hat Waits tatsächlich eine Zeitlang kultiviert: in seinem von atemloser Beat-Lyrik durchdrungenen Frühwerk vor allem, das zumeist von Nachtgestalten handelt. Spätestens mit seinen epochalen Alben „Swordfishtrombones“ (1983) und „Rain Dogs“ (1985), die mit der Wende zu Vaudeville und Weill auch die Ausprägung der unverkennbar ruiniert klingenden Kunststimme demonstrieren, war jedoch klar, dass es sich dabei um eine Inszenierung handelt.

Noch immer Konfetti im lichter gewordenen Haar

Ließ die Beatnik-Attitüde Waits in den Siebzigern wie aus der Zeit gefallen scheinen, so markiert seine Weiterentwicklung, wie Hoskyns treffend beschreibt, eine geradezu „heroische Absage an die synthetischen Banalitäten des Achtziger-Poprocks“. Dass die Zirkusphase in Ausdruck und Inhalt weiter anhält, wird nirgendwo deutlicher als auf dem jüngst erschienenen Livealbum „Glitter and Doom“ (Anti): Noch immer wirft sich Waits gern etwas Konfetti ins lichter gewordene Haar. Folgerichtig in der Weill-Tradition zählen seine Arbeiten für den Regisseur Robert Wilson, insbesondere jene heillosen Lieder zu dessen Woyzeck-Inszenierung („Blood Money“, 2002), zum Besten, was zeitgenössische Theatermusik zu leisten vermag. Hoskyns hat aus der Wilson-Zeit jede überlieferte Probenanekdote ausgegraben, wie denn sein Buch gelegentlich zur Trivia-Sammlung gerät. Das Namensregister lässt allerdings erkennen, wie vielfältig die Einflüsse, wie groß die Anziehungs- und Ausstrahlungskraft des Künstlers in seiner fast vier Dekaden umspannenden Karriere geworden sind: Zwischen Alban Berg und Warren Zevon haben Gott und die Welt Platz, also etwa die Flying Burrito Brothers oder ein Cellist namens Edgar Lustgarten. Waits' Wirkungsmacht kann man leicht auch an der Zahl der ihm gewidmeten Alben und Coverversionen ablesen; seit neuerem sind erstaunlich viele von weiblichen Stimmen wie Anne-Sofie von Otter oder Joan Baez darunter. Nicht immer gelingt es allerdings, die eigenartigen Werke in eine andere Sphäre oder auch nur in ein anderes Timbre zu überführen. Dass Bob Dylan auch für Waits ein Vorbild war, ließ der einmal anerkennend verlauten. Umgekehrt fällt jedoch auf, dass Dylans Altersstimme immer mehr an Waits-Charakter gewinnt. Das ist für beide eine Ehre.

Seine Extravaganz hat der Sänger auch als Schauspieler bewiesen, in zahlreichen Gammler-Gastrollen, aber auch bei bedeutenderen Auftritten etwa für Robert Altman. Zu wenig gewürdigt indessen hat man bislang Waits' Qualitäten als Komiker. Ein amüsantes Talkshowthema über Jahre hinweg war etwa seine Wohnsituation: Hier entfaltete die Tropicana-Falle ihr spielerisches Potential. Als David Letterman ihn einmal fragte, ob es stimme, dass er eine Weile in seinem Auto gelebt habe, antwortete der, das habe ja wohl jeder Mensch. Der Komiker Waits kommt auch bei Hoskyns zu kurz. Immerhin ist dessen Buch selbst unterhaltsamer, detaillierter und besser übersetzt als die bisherigen Versuche, sich Waits biographisch zu nähern. Wirklich einholen kann aber auch er die lebende Legende nicht, die, so viel scheint gesichert, an diesem Montag ihren sechzigsten Geburtstag feiert.

Barney Hoskyns: „Tom Waits - Ein Leben am Straßenrand“. Aus dem Englischen von Stephan Glietsch. Wilhelm Heyne Verlag, München 2009. 701 S., 70 Abb., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen