11.11.2009 · Im Berliner Kunstgewerbemuseum zählte der Pommersche Kunstschrank zu den Publikumsmagneten. Zwar verbrannte das reich dekorierte Prunkmöbel im Zweiten Weltkrieg, aber sein Inhalt ließ sich annähernd komplett retten, wie Barbara Mundts Buch zeigt.
Von Camilla BlechenZu den Publikumsmagneten des Berliner Kunstgewerbemuseums, das ab 1921 die imposanten Räumlichkeiten im Hohenzollernschloss nutzen durfte, zählte neben Welfenschatz und Lüneburger Ratssilber ein reich dekoriertes Prunkmöbel aus Ebenholz, der Pommersche Kunstschrank. Zwischen 1610 und 1616 unter Anleitung des Kunstagenten Philipp Hainhofer von gut zwei Dutzend Augsburger Handwerkern hergestellt, wurde das Paradestück 1617 in Stettin seinem Auftraggeber, Herzog Philipp II. von Pommern, übergeben. Nach dem frühen Tod des hochmögenden Empfängers vermachte dessen Neffe Ernst Bogislaw von Croy das für 20 000 Reichstaler erworbene Kabinett seiner Tante, der Kurfürstin Dorothea.
Zweihundert Jahre lang Bestandteil der Brandenburgisch-Preußischen Kunstkammer, gelangte das Meisterwerk der Augsburger Tischler, Goldschmiede und Dekorateure 1876 durch Übereignung Kaiser Wilhelms I. in die Obhut des Kunstgewerbemuseums. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Tresor der Reichsmünze evakuiert, verbrannte das kostbare Schaumöbel am 13. März 1945 nach der Explosion einer Zeitbombe. Sein dreihundertteiliges Inventar ließ sich annähernd komplett retten, und Ende der fünfziger Jahre gelang seine Wiedereingliederung in den Bestand des Berliner Museums.
Tafelgerät, Schreibzeuge und ein kurioses Kissen
Vornehmlich diesem bisher unzureichend erforschten Inhalt des Kunstschranks widmet sich die ehemalige Direktorin des Museums Barbara Mundt in ihrem Buch. Als Spiritus Rector des zweigeschossig auf einem mechanisch beweglichen Sockel ruhenden Kabinetts hatte der hochgebildete Philipp Hainhofer den ausführenden Fachleuten nicht nur Vorschläge für den mythologischen Figurenschmuck des Gehäuses unterbreitet, sondern auch Einfluss auf seinen Inhalt genommen, der den weitgespannten Bedarf an Gebrauchsgegenständen für einen fürstlichen Haushalt opulent abdeckte, vom erlesen geformten silbernen Tafelgerät über Brett- und Kartenspiele, Schreibzeuge, eine Toilettengarnitur und astronomische Messgeräte bis zu einer vielteiligen Apotheke mit Präparaten gegen alle Arten von Gebresten und einem chirurgischen Besteck für den Notfall. Alle diese Gegenstände werden in farbigen Abbildungen vor Augen geführt. In den ausführlichen Beschreibungen findet auch das Kuriosum eines mit duftenden Kräutern gefüllten „Bisamkissens“ Erwähnung, das der Herzog als Armstütze nutzte, wenn er Einzelheiten des Spitzenstückes seiner wohlgefüllten Kunstkammer in aller Muße betrachten wollte.
Das Buch mit den mustergültig recherchierten Lebensläufen Philipp Hainhofers und Philipps II., deren gelehrter Briefwechsel erhalten blieb, kommt aktuellen kunsthistorischen wie sammlerischen Interessen an Prunkmöbeln der Renaissance und des Barock entgegen. Es lenkt den Blick zurück auf einen einzigartigen Zeugen für eine vor vierhundert Jahren programmatisch geglückte Symbiose von Kunst und Wissenschaft.