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Ayaan Hirsi Ali : Der Islam befindet sich in einer furchtbaren Krise

Will die religiösen Reformkräfte stärken: Ayaan Hirsi Ali Bild: AP

Sie ist die bekannteste Islam-Kritikerin und zugleich die gefährdetste Person Hollands. In ihrem neuen Buch, das in der nächsten Woche vorgezogen erscheint, erklärt Ayaan Hirsi Ali, wie wir über den Islam sprechen sollten: frei. Von Christian Geyer.

          Auch Ayaan Hirsi Ali ist dagegen, die muslimische Bevölkerung unter Generalverdacht zu stellen. Auch sie hält nichts davon, mit der Vokabel „Kampf der Kulturen“ zu fuchteln. Auch sie gehört zu denjenigen, die nicht der Meinung sind, daß der Islam nur Schlechtes und Inhumanes in die Welt gebracht hätte („Der Prophet lehrte uns natürlich auch viel Gutes“). Auch sie verwirft die Ansicht, daß alles, was erlaubt sein muß zu sagen, deshalb auch schon geboten sei zu sagen. Auch Frau Ali sieht die Lösung der Weltkonflikte nicht darin, nun ganz einfach die Regeln des Anstands und des Taktgefühls über Bord zu werfen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Warum aber, wenn doch Ayaan Hirsi Ali so zivile Selbstverständlichkeiten vertritt, steht sie seit Jahren unter Personenschutz, macht keinen Schritt mehr ohne Bodyguards? Warum war sie zuletzt die gefährdetste Person Hollands? Warum rissen die Morddrohungen gegen sie nicht ab?

          Ein Vermächtnis für Europa

          Weil Ayaan Hirsi Ali, die bekannteste Frauenrechtlerin und Islam-Kritikerin Hollands, noch etwas anderes vertritt als nur die genannten Dinge. Weil sie offen, hart und schneidend davor warnt, zivile Selbstverständlichkeiten als Diskursmaske zu gebrauchen, hinter der eine andere, ganz grundlegende zivile Selbstverständlichkeit verstummt. Ayaan Hirsi Ali meint die Selbstverständlichkeit, daß sich der Islam an den Menschenrechten zu messen habe und nicht etwa umgekehrt die Menschenrechte sich am Islam zu messen hätten. Ihre These, für die sie ihr Leben riskiert, ist sehr einfach. Sie lautet, kurz zusammengefaßt: Wie soll man über den Islam sprechen dürfen? Antwort: Frei.

          Man sollte frei über den Islam sprechen dürfen

          Diese Freiheit nimmt sie sich auch in ihrem neuen Buch, das nächste Woche mit vorgezogenem Erscheinungstermin in die Buchhandlungen kommt - geschrieben gleichsam als Vermächtnis für Europa, bevor sie in die Vereinigten Staaten übersiedeln, dort für das American Enterprise Institute arbeiten wird. Das Buch heißt „Mein Leben, meine Freiheit“ und erzählt noch einmal, wie alles kam: wie sie als Muslime von Somalia über Kenia Anfang der neunziger Jahre in die Niederlande floh, wie sie der Zwangsverheiratung entkam, wie sie, um nicht aufgespürt zu werden, unter anderem Namen Asyl beantragte, in Leiden Politik studierte, sodann bei der Parteistiftung der Sozialdemokraten arbeitete und schließlich als Abgeordnete für die liberale Partei VVD.

          Wie eine Kampfmaschine gerüstet

          Zusammen mit dem später ermordeten Theo van Gogh hatte sie einen islamkritischen Kurzfilm gemacht. Wir kennen ihre Geschichte in groben Zügen schon aus dem Bestseller „Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen“. Ihr neues Buch ist mit mehr Ruhe geschrieben, es reflektiert ihre Erfahrungen mit mehr Abstand, haut aber ganz bewußt noch einmal in dieselbe Kerbe hinein. Nur so, durch das beharrliche Bestehen auf den Freiheitsrechten gegenüber dem Islam, läßt sich ihrer Meinung nach die blockierte Kommunikationssituation aufbrechen. Eine muß die Bresche schlagen, sagte sie sich, und so „beschloß“ sie, wie es im Buch ganz unnachahmlich heißt, „eine monothematische Politikerin zu werden“. Wie ein Panzer rollt sie durch das im Wortsinn verminte Gelände hindurch - in der Hoffnung, auf diese Weise die Reformkräfte im Islam zu stärken und dem Westen Illusionen auszureden.

          Eine zierliche, zerbrechlich wirkende Frau - gerüstet wie eine Kampfmaschine, entschlossen, sich durch nichts von ihrem Thema abbringen zu lassen. „Alle diese persönlichen Angriffe sollten im Grunde vom eigentlichen Thema ablenken - es ging nicht um mich; meine Person spielt keine Rolle. Es geht um Mißhandlung und wie sie in einer Religion verankert ist, die Frauen ihre Rechte als Menschen abspricht. Es geht darum, daß diese Mißhandlungen an Frauen und Kindern in Europa stattfinden. Es geht darum, daß sich Regierungen und Gesellschaften nicht mehr hinter dem hohlen Vorwand der Toleranz verstecken dürfen, sondern das Problem erkennen und sich ihm stellen müssen.“

          Das zentrale Thema des 21. Jahrhunderts

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