06.05.2010 · Dass sich Claude Shannons Theorie der Information wie eine Kriminalgeschichte mathematischer und technischer Denkbewegungen liest, liegt nicht auf der Hand. Wir verdanken diese fesselnde Lesart erst der fabelhaften Darstellung von Axel Roch.
Von Christoph AlbrechtDer Medienwissenschaftler Axel Roch hat dem Informationstheoretiker Claude E. Shannon eine exzellente Dissertation gewidmet. Jeder philosophisch und technikgeschichtlich Interessierte kann sie mit Gewinn und Vergnügen lesen. Wir können die Pointen dieser Kriminalgeschichte mathematischer und technischer Denkbewegungen hier nur andeuten. Rochs Dossier ist ohne zu viel akademische Wichtigtuerei geschrieben. Zahlreiche Skizzen, Fotos, Diagramme und Faksimiles erhöhen das Vergnügen, den typographisch liebevoll gestalteten Band aufzuschlagen.
Um die gesellschaftliche und geschichtliche Bedeutung Shannons zu vergegenwärtigen, stellen wir uns vor, wir seien ein Detektiv, der die Hintergründe zweier ungeheurer Verbrechen aufzuklären hat. Eine Verschwörung hat das Ziel, Millionen von Menschen auszuspionieren, indem sie deren Telefonverbindungsdaten auf Vorrat speichert. Der andere Fall: Hunderte von Millionen Menschen werden über Jahrzehnte mit der Drohung durch atomar bestückte Raketen terrorisiert. Diese Komplotte konnten durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts und das erneuerte Start-Abkommen zwischen den Präsidenten Obama und Medwedjew zumindest vorerst in Schach gehalten werden. Die Kollegen von der Spurensicherung geben uns den Hinweis, dass an beiden Tatorten der geistige Fingerabdruck eines unsichtbaren Dritten sichergestellt wurde. Er heißt Claude E. Shannon.
Übervater der Informationstheorie
Was verbindet jene finsteren Machenschaften miteinander und mit Shannon? Ein findiger Kollege hat zufällig das ostdeutsche „Wörterbuch der Kybernetik“ von 1976 zur Hand und macht uns mit der herkömmlichen Auffassung über Shannon vertraut. Danach war er der Erfinder einer mathematischen Informationstheorie, die „den Bedürfnissen der Nachrichtentechnik“ entsprang, Zeichen über einen Kanal mit vertretbarem Aufwand zuverlässig zu übermitteln.
Nachrichtentechnik - hilft uns das Stichwort beim Verständnis der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung? Mit den Verbindungs- und Ortsdaten, die wir mit unseren Mobiltelefonen erzeugen, können Staatsschützer ein gutes Stück weit vorausberechnen, wann wir uns wo mit wem treffen werden. Selbst wenn wir keine terroristischen Pläne hegen: Es geht dabei nicht immer darum, dass schon einmal kalte Getränke für uns bereitgestellt werden. Im günstigeren Fall immerhin ist Kundengewinnung das Ziel von Datenanalyse. Dann sollten wir zumindest unsere Portemonnaies festhalten. Immer wenn sich Computerprogramme an unsere digitalen Fersen heften, um zu berechnen, was wir lieben und hassen und wo wir die Lustbefriedigung oder die Konfrontation suchen, sind wir jedenfalls ein offenes Buch, eine mehr oder weniger deutlich lesbare Nachricht. Doch das ist leider eine nur sehr metaphorische Annäherung an unseren Unsichtbaren.
Beim Durchblättern dieser Schriften ahnen wir: Hier halten wir Dokumente in der Hand, die für das Verständnis unserer durch und durch technisch formierten, aber doch sehr fragilen Zivilisation ungeheuer wichtig, ja absolut grundlegend sind. Doch als mathematische Laien können wir mit den zahlreichen mathematischen Formeln bei der Aufklärung unseres Falls erst einmal nicht viel anfangen.
Deshalb ziehen wir Axel Roch als Experten hinzu und gehen mit ihm auf historische Spurensuche. Wir stöbern in den Archiven der National Security Agency, des MIT und der Bell Labs. Wir stoßen auf viele ehemals höchst vertrauliche Memoranden. Wir begegnen bekannten Geistesgrößen wie Norbert Wiener, dem Begründer der Kybernetik, oder Alan Turing, einem der geistigen Väter des Computers. Aus Interviews und anderen Quellen erfahren wir auch viel über die privaten Marotten und philosophischen Spielereien von Shannon, über seine Einräder, seine mathematische Theorie kleiner jonglierender Clowns, seine Gedichte, seine Maschinen, die sich selbst ausschalten oder Gedanken lesen.
Der Code zum nuklearen Overkill
Bei unseren Ermittlungen wird uns schnell klar, dass Shannon ganz andere Bedürfnisse hatte, als bloß Nachrichten effizient zu übermitteln. Doch durfte er das während mehrerer Jahrzehnte des heißen und dann Kalten Krieges nicht aussprechen. Seine Nachrichtentheorie berührte das nationale Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten und der westlichen Welt. Denn sie war das mathematische Herzstück atomar bestückter Flugabwehrraketen vom Typ Nike, die von den fünfziger bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts dem Ostblock Paroli boten und deren Nachfolger heute Gegenstand der neuen Abrüstungsabkommen sind.
Damit sind wir bei dem zweiten Komplott. Die Detektivarbeit von Roch zeichnet die Entwicklung dieser Waffensysteme seit der Zeit der „Luftschlacht um England“ nach. Der nachrichtentechnische Begriff „Kanal“ hatte ursprünglich eine ganz wörtliche Bedeutung: Die Deutschen bezeichneten den Luftkrieg um England als „Kanalkampf“. Hier nähern wir uns der Gemeinsamkeit von Vorratsdatenspeicherung und Atomraketen. Die Nachricht, das ist die Bombe oder ursprünglich das bombentragende deutsche Flugzeug oder die V2-Rakete. Das Problem ist das Vorausberechnen nicht nur einer Flugbahn, sondern auch der Ausweichmanöver der Piloten unter Beschuss durch Waffen, die aufgrund ebenjener Berechnung von Flugbahnen gelenkt werden. Es geht also um das Beschreiben, Modellieren, Berechnen höchst komplizierter Wechselwirkungen. Das Übermitteln von Signalen, beispielsweise mit Hilfe derselben Radarstrahlen, die gleichzeitig die Flugbahn der Flugabwehrraketen verfolgen, war nur der 1948 veröffentlichte kleinere Teil. Der spannendere Teil waren die mathematischen Forschungen zu krummlinigen Vorhersagetheorien, mit denen sich Shannon seit 1941 beschäftigte.
Beim Projekt Nike war die Flugbahn eines feindlichen Flugzeugs eine Serie von Links-rechts-und Oben-unten-Entscheidungen eines Piloten (oder eines selbstlenkenden Geschosses), der auf Flugabwehr reagiert. Das Subjekt, könnte man mit dem Philosophen Hegel sagen, ist die Reihe seiner (freien) Handlungen. Shannons Forschungen halfen, die menschliche (oder auch maschinelle) Wahlfreiheit zu berechnen: so wie Computer heute unsere Kaufentscheidungen innerhalb eines wahrscheinlichkeitstheoretisch definierten Korridors vorausberechnen. Oder so wie Staatsschützer vorausberechnen, wie wir unser Recht der Versammlungsfreiheit in Anspruch nehmen wollen.