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Autobiographie : Gelöste Herzen schlagen schnell

  • -Aktualisiert am

Rückschau auf ein Leben vor und hinter der Kamera: Alfred Biolek Bild: dpa

Alfred Biolek meinte, er würde alleine mit seinem Leben vor dem weißen Papier versagen. Deshalb stellte ihm der Verlag einen Autor an die Seite, der das Schreiben übernahm. Das Resultat: Zu viel Papier und zu wenig Leben.

          Man möchte dem Verlag Kiepenheuer & Witsch bessere Lektoren wünschen. Sie hätten in Alfred Bioleks sonderbarer Mischung aus Biographie und Autobiographie manche unbeholfene Formulierung redigieren und ein paar Fehler streichen können, hätten zum Beispiel aus „Ivo Pogorellitsch“ Ivo Pogorelich machen dürfen, hätten verhindern können, daß aus Hessens finanzstärkster Kommune Eschborn ein Frankfurter Stadtteil gemacht wurde, oder hätten den Autor Veit Schmidinger bitten sollen, von peinlichen Sätzen wie diesem Abstand zu nehmen: „Alfred und Moshammer, denke ich, zwei Männer, die Männer lieben und in der Öffentlichkeit stehen bzw. standen, die beide das Alleinsein kannten, doch was für Unterschiede.“

          Viel wichtiger wäre die Strenge eines Lektors gewesen bei den überlangen Zitaten. Gerade Biographen müssen Meister der Beschränkung sein, doch Veit Schmidinger geht die Begabung zum Kürzen und Straffen ab, er zitiert etwa aus einem Brief des jungen Austauschschülers Biolek an seine Klavierlehrerin nicht die interessantesten Stellen, sondern druckt ihn ganz. Diese Unfähigkeit zur Gewichtung schmerzt an vielen Stellen und tut auch der ganzen Struktur des Buches nicht gut: Der erste Teil über Kindheit und Heimat fällt zu ausführlich aus, der zweite über Alfred Bioleks erstaunliche Karriere, über seine Begegnung mit so vielen interessanten Menschen hätte getrost etwas opulenter sein dürfen.

          „Ich kann nicht schreiben“

          Vor allem aber hätte man sich bei Kiepenheuer & Witsch einen Verleger oder sonstigen „Entscheider“ gewünscht, der Alfred Biolek sanft dazu gebracht hätte, seine Lebenserinnerungen selbst zu Papier zu bringen. Denn eigentlich ist der Titel „Bio. Mein Leben“ von „Alfred Biolek mit Veit Schmidinger“ Etikettenschwindel: Das Buch verfaßt hat Schmidinger. Biolek selbst kommt mit Zitaten oder - etwas absurd - mit Briefen an den Autor zu Wort: „Lieber Veit“, heißt es da, „jetzt wird es Zeit, daß ich dir etwas über meine Homosexualität schreibe.“ Warum hat Biolek das Buch nicht selbst verfaßt? Im Vorwort nennt er den Grund: „Ich kann nicht schreiben.“ Er sei ein guter Erzähler, aber allein vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen, das mache ihm angst.

          Er ist ein guter Erzähler, aber allein wollte Biolek seine Autobiographie nicht schreiben

          Mag sein. Dem hätte der Verleger entgegenhalten können, daß auch nicht so stilsichere Autoren doch auf ihre Weise Wirkung durch Authentizität erzeugen können. Ist Altbundeskanzler Gerhard Schröder ein guter Schreiber? Nicht wirklich. Aber dennoch kann man seine Erinnerungen mit Interesse lesen - auch deshalb, weil sie den Eindruck machen, daß er sie ohne Ghostwriter verfaßt hat, daß er als Person hinter dem steht, was er schreibt (vor allem die Schilderung seiner Armuts-Kindheit rührt ans Herz und erklärt wunderbar Schröders späteren Erfolgshunger). Es wäre also sehr wahrscheinlich auch aus dem Biolek-Buch etwas Authentischeres herausgekommen als jetzt, zumal die von Biolek selbst verfaßten Briefe oder Zitate in ihrer Qualität nicht hinter der Sprachmacht des Autors Schmidinger zurückbleiben. Über den erfährt man aus dem Klappentext nur, er sei 1972 geboren, sei über Klaus Mann promoviert worden und habe über ihn eine biographische Studie verfaßt. Ein journalistisch oder belletristisch geschulter Autor jedenfalls ist er leider nicht.

          Ein Stück Fernsehgeschichte

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