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Autobiografie „Meine Geschichte“ : Guido Knopp und wie er die Welt sah

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Sein Fernsehen gedieh im Zeitalter der „geistig-moralischen Wende“: Guido Knopp. Bild: dpa

Der Mann, der den Kunstnebel in die Geschichtskultur brachte: Der Fernsehhistoriker Guido Knopp besichtigt sein Leben. Am schönsten war es eigentlich mit Helmut Kohl.

          Was macht eigentlich Guido Knopp? Wer wie der ZDF-Historiker zur Kategorie von Promis gehört, deren Nennung diese Frage aufwirft, kann schlagartig zu Bewusstsein bringen, wie die Zeit vergeht. In den neunziger Jahre brach Knopp mit seinen Hitler-Dokumentationen Quotenrekorde. Zugleich wurden seine Sendungen von führenden Historikern als unseriös kritisiert. Mit der Reihe „Die Deutschen“ stieß er nach der Jahrtausendwende noch einmal auf größeres Publikumsinteresse. Daneben kursierten Gerüchte über seinen Professorentitel, den er einer dubiosen Akademie verdankte. Zuletzt war wenig von Knopp zu hören.

          Im Alter von neunundsechzig Jahren hat er jetzt seine Autobiographie vorgelegt. Das Buch erzählt eine glänzende Erfolgsgeschichte, die vom smarten Gymnasiasten zum Jungredakteur dieser Zeitung und vom Gründer der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte zum weltweit ausgestrahlten Quotenkönig und Bestsellerautor reicht.

          Die Prämisse, unter der der Autor seine Karriere Revue passieren lässt, lautet, er habe „verdammt viel Glück“ gehabt. Hinter dieser Formel könnte sich die demütige Schicksalsergebenheit eines erfahrenen Historikers verbergen, doch wie sich bald herausstellt, ist das Gegenteil der Fall: Vor lauter glücklicher Stringenz stellt Knopps Leben in den Augen seines Erzählers nämlich keine Fragen, sondern hält nur Antworten bereit.

          Im künstlichen Nebel mit weißen Handschuhen

          Das ist umso bemerkenswerter, als er sein Buch unverkennbar auch in rechtfertigender Absicht geschrieben hat. Oder warum rollt er sonst „die Schlacht um Hitlers Helfer“ noch einmal auf? Mit Sendungen über die Entstehung der Bundesrepublik, das Wirtschaftswunder und den Zweiten Weltkrieg hatte Knopp in den achtziger Jahren einen populären, an angloamerikanische Vorbilder angelehnten Stil historischer Dokumentation im Zweiten Deutschen Fernsehen etabliert.

          Guido Knopp: „Meine Geschichte“. C. Bertelsmann Verlag, München 2017. 320 Seiten, Abb., geb., 22,– .
          Guido Knopp: „Meine Geschichte“. C. Bertelsmann Verlag, München 2017. 320 Seiten, Abb., geb., 22,– . : Bild: C. Bertelsmann Verlag

          Der Shitstorm brach nach der Ausstrahlung des zweiten Teiles der den Größen des Dritten Reiches gewidmeten Reihe „Hitlers Helfer“ los. Zusätzlich zu Zeitzeugeninterviews, rasant montiertem Originalmaterial und musikalischer Untermalung hatte Knopp in einem Akt der Selbstüberbietung hier nämlich erstmals historische Szenen nachgestellt – wie die des KZ-Arztes Josef Mengele, der in künstlichem Nebel mit weißen Handschuhen in Auschwitz an der Rampe Häftlinge selektiert.

          Nicht ohne Sinn für Ironie – so ist zu hoffen – erfand Knopp zu seiner Verteidigung den Sophismus des „szenischen Zitats“. Doch legten ihm die Kritiker nicht nur die Vermischung von Fiktion und Realität zur Last. Von „Remmidemmi“, „Geschichtspornographie“ und „Nazikitsch“ war die Rede. Knopp reklamierte für sich, dass Aufklärung Reichweite benötige. Doch lautete der Vorwurf ja gerade, mit seiner Überwältigungsästhetik würde er keine Aufklärung, sondern Gegenaufklärung betreiben beziehungsweise die Faszination für die Nazis perpetuieren, anstatt ihr auf den Grund zu gehen. Frank Schirrmacher schrieb damals, Knopp bereite die Bühne für künftige Adaptionen. Der Erfolg des Doku-Dramas und die Multiplikation der History-Kanäle haben uns in den letzten zwanzig Jahren in der Tat mit dem Stilmittel Reenactment vertraut gemacht.

          Kohls Erfindung einer öffentlichen Geschichtskultur

          Muss Guido Knopp also als Einzeltäter oder als Agent betrachtet werden, der dem unvermeidlichen Fortschritt des Mediums Fernsehen hierzulande zum Durchbruch verhalf? Seine Autobiographie legt jetzt eine dritte Lesart nah: Beides, sein Aufstieg wie sein Fall, lassen sich nur im Kontext der Ära Kohl verstehen.

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