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Valentin Groebners „Retroland“ : Reicht das Authentische noch für alle?

Teil einer Tourismus-Veranstaltung in Luzern: Die Fassade eines Grand-Hotels wird mit verschiedenen Symbolen angestrahlt. Bild: Picture-Alliance/ Urs Flueeler

So schön wie früher wird’s nie wieder: Valentin Groebner weiß, warum wir auf Reisen verlorene Paradiese suchen, warum das nie funktionieren kann und was Geranien damit zu tun haben.

          Von den Pilgerfahrten über die Badereise, die Grand Tour zur All-inclusive-Reise unserer Tage: Der Tourismus mag klein angefangen haben, als Privileg der Reichen, heute ist er nach Angaben des Autors die drittgrößte Dienstleistungsindustrie des Planeten: Jeder achte Reisende weltweit ist als Tourist unterwegs. Und warum das Ganze? Weil Reisen etwas für Leute ist, wie die amerikanische Autorin Nell Freudenberger notierte, die nicht wissen, wie man glücklich ist?

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Für Valentin Groebner ist Reisen noch etwas anderes. Urlaub deutet er als Versprechen „auf wiedergegebene Zeit“, eine Reise „in ein Früher, das auf magische Weise konserviert wurde und wieder zugänglich ist“. Groebner nennt den Tourismus deshalb eine „Zeitwiederbeschaffungsmaschine“. Denn die Frage sei ja schon: Ist vom Authentischen noch genug für alle da? Kann man wirklich wieder auf die griechische Insel fahren, die man als Student mit dem Rucksack besucht hat, oder fläzen sich dort heute pauschale Nachfahren von Thomas Cook? Google hilft weiter.

          Zunächst einmal müsse man sich bewusst machen, dass man immer mit einem Paradox im Gepäck reise: Da ist die unwiederbringlich vergangene Zeit, und da ist die Erzählung über diese Zeit, die diese mit jeder neuen Fassung verändert. Wir konstruieren uns unsere Vergangenheit, bevor wir sie zwanghaft wieder und wieder bereisen: Tradition, sagt Groebner, ist eben „kein Möbel, das immer schon da war“ und „still von sich selbst kündet. Sie ist keine Dekoration oder Atmosphäre, sondern Arbeit; etwas, was jemand tut.“ Tradition funktioniert auch ohne Vergangenheit.

          Der 1962 in Wien geborene und in Luzern lehrende Historiker verfährt in seinem neuen Buch nicht systematisch, sondern springt durch die Zeiten und Orte im Stil eines eleganten Essayisten, der den Fachmann nie verleugnet, ihn aber da und dort in die Schranken weist – um allzeit sein eigenes Reiseverhalten selbstironisch auf den Prüfstand zu stellen. Groebner ist und will Zeitgenosse sein. Und nicht nur, wenn er zur Ayurveda-Kur nach Sri Lanka fährt und dort nur Menschen mit einem ähnlichen beruflichen Hintergrund trifft, folgt man ihm bei diesen „Lokalaugenscheinen“ mit dem Vergnügen der Ernüchterung. Denn auch wenn der Wunsch nach körperlicher Erholung, die Sehnsucht nach dem ursprünglichen Schönen die Reise ausgelöst haben, am Ende trifft man doch nur wieder die konsumierende Klasse, die arbeitende ist am Traumstrand nicht zu sehen.

          Wiederaufführbarkeit der Vergangenheit

          Den Sacri Monti im Piemont, die mit Repliken der heiligen Stätten und Figuren in Lebensgröße schon im späten fünfzehnten Jahrhundert Pilgerströme anlockten, widmet sich der reisende Gelehrte ohne die Überheblichkeit der Nachgeborenen: „Hier war’s!“, konnte man eben schon damals nicht behaupten und dennoch „dem Körper des Gekreuzigten so nahe wie möglich kommen“. In Varallo etwa lag ein blutüberströmter Christus im begehbaren Grab und signalisierte: „Die Auferstehung hat noch nicht stattgefunden, und du bist dabei.“

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