Home
http://www.faz.net/-gr6-vem8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Auf den Keks

Dubravka Ugresic liest ethnischen Saubermännern die Leviten

1993 musste Dubravka Ugresic den neu gegründeten Staat Kroatien wegen einer Hetzkampagne von Nationalisten verlassen. Sie hatte es gewagt, Präsident Tudjman zu kritisieren. Heute hat die 1949 in der Nähe von Zagreb geborene Schriftstellerin einen niederländischen Pass und einen Wohnsitz in Amsterdam. Doch noch immer lebt sie aus Koffern und hat ihre Habseligkeiten über den halben Erdball verteilt. Als frei schwebende Intellektuelle sieht sie sich offenbar trotzdem nicht. Die Erkenntnis, dass es den voraussetzungslosen "globalen Blick auf die Welt" nicht gibt, steht am Beginn von "Keiner zu Hause" - einem klugen Essayband, der durch seine west-östlichen Perspektiven, durch überraschende Vergleiche zwischen Systemen und Mentalitäten besticht.

Ugresic knüpft an die Bände "Die Kultur der Lüge" (1996) und "Lesen verboten" (2002) an, in denen sie das Auseinanderbrechen Jugoslawiens und ihr Unbehagen an der Kulturindustrie beschrieben hat. Jetzt kommt das große Verpflanzen, Verschieben und Verschwinden hinzu, die "globale Osmose". Buchstäblich ist keiner zu Hause. Während Osteuropäer aus Not im Westen als Zimmermädchen oder Klomann arbeiten, möbeln Amerikaner und Westeuropäer im Osten ihr Ego über Billigkäufe auf. Dass die Kategorien Ost und West relativ sind, zeigt eine Episode in Kaliningrad. Als das gesamteuropäische Poeten-Projekt "Literaturexpress 2000" mit Ugresic an Bord dort Station macht, bieten Russinnen selbstgebackenen "West-Keks" an: "weil wir Westen sind". Ugresic sucht das Heterogene, in Großstädten und auf Flohmärkten - und findet noch bei den Toten auf dem Friedhof das Bestreben nach ethnischer "Homogenität".

Für die Literaturwissenschaftlerin ist Sprache der Schlüssel zur Mentalität. Anders als bei den Niederländern, die Verkleinerungsformen liebten, gebe es in Ex-Jugoslawien einen Hang zur Vergrößerungsform. "Der sprachliche Gigantismus hilft meinen Landsleuten, sich größer zu fühlen. Als große Menschen finden meine Landsleute ihre Umgebung unangenehm und feindlich." Verblüffender als die Kontraste sind die Übereinstimmungen. Die Hymnen auf Tudjman, der die jugoslawische Vergangenheit um jeden Preis auslöschen wollte, entlarvt sie als ins Nationalistische gewendete Superlative des Sozialismus. Beide, der amerikanische Supermann und der sozialistische Held, seien "Nachbildungen des Prometheus", Übermenschen und Heilsbringer.

Es nimmt nicht wunder, dass Dubravka Ugresic den Begriffen "Identität" und "Kultur", die auch in den Jugoslawien-Kriegen eine so unselige Rolle spielten, zutiefst misstraut. Als kroatische Autorin lässt sie, die mit Jugoslawien ja einen ganzen Kulturraum verloren hat, sich nur ungern bezeichnen. Sie wehrt sich dagegen, dass Autoren aus kleinen Ländern stets als deren Repräsentanten missverstanden würden - anders als ihre Kollegen aus dem Westen, die nur für sich als Person sprächen. Ihr ist fatal, dass "auch der globale Markt sich am liebsten mit ,Identitäten' befasst". Daran passten sich die osteuropäischen Intellektuellen, die es sich "im altmodischen Nest der Nationalliteratur bequem gemacht" hätten, nun willig an. Dagegen setzt Ugresic die Idee einer transnationalen Literatur. Den idealen Vertreter hat sie schon gefunden: einen aus Kalkutta stammenden, in New York lebenden jungen Mann, der einen Roman über ungarische Intellektuelle der Sechziger geschrieben hat.

JUDITH LEISTER

Dubravka Ugresic: "Keiner zu Hause". Essays. Aus dem Kroatischen übersetzt von Barbara Antkowiak, Angela Richter und Mirjana und Klaus Wittmann. Berlin Verlag, Berlin 2007. 301 S., geb., 22,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2007, Nr. 174 / Seite 28

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Holocaust-Überlebender Ein neues Leben fern im Westen

Jerry Rosenstein überlebte Auschwitz – lange versuchte er, vor der Erinnerung zu fliehen. In San Francisco fand er seine Heimat. Mehr Von Christiane Heil, San Francisco

26.01.2015, 22:13 Uhr | Gesellschaft
Mordvorwürfe Früherer kroatischer Geheimdienstchef in München vor Gericht

Der frühere Geheimdienstchef Josip Perkovic kommt nun in Deutschland vor Gericht. Anfang des Jahres hatte Kroatien ihn nach langem Zögern ausgeliefert. Perkovic wird vorgeworfen, 1983 in einen Mord an einem kroatischen Dissidenten verwickelt gewesen zu sein. Mehr

17.10.2014, 10:07 Uhr | Politik
Gastbeitrag Solidarität wofür?

Die Spaßgesellschaft, die nichts ernst nimmt und der nichts heilig ist, stößt auf heiligen Ernst, der keinen Spaß versteht und der sie für gottlos und dekadent hält. Mehr Von Josef Isensee

26.01.2015, 15:59 Uhr | Politik
Nationalisten räumen Niederlage ein

Nach dem Referendum in Schottland haben die Nationalisten ihre Wahlniederlage anerkannt. Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich erleichtert: Mehr

19.09.2014, 09:32 Uhr | Politik
Europas Russland Sitzenbleiber mit Pokerface und großem Latinum

Europa darf Russland nicht abschreiben, es braucht seine dreckige Lebenswahrheit. Sonst klingen unsere westlichen Werte nur noch nach freiem Handeln und Freihandel. Mehr Von Kerstin Holm

22.01.2015, 17:18 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.07.2007, 12:00 Uhr