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: Auf dem Rücken der Mütter

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Man findet heute viel mehr schwangere Frauen in Büchern als in der Stadt. Fragen wir einmal so: Hat das etwas mit dem Ultraschallbild zu tun, wie es sich Tom Cruise im Heimkino ansah? Das Ultraschallbild trennt die Frau von ihren Sinnen und entfremdet sie früh von ihrem Kind. Normalerweise geht man nicht durch die Stadt und sagt sich: Kaum noch schwangere Frauen zu sehen.

          Man findet heute viel mehr schwangere Frauen in Büchern als in der Stadt. Fragen wir einmal so: Hat das etwas mit dem Ultraschallbild zu tun, wie es sich Tom Cruise im Heimkino ansah? Das Ultraschallbild trennt die Frau von ihren Sinnen und entfremdet sie früh von ihrem Kind. Normalerweise geht man nicht durch die Stadt und sagt sich: Kaum noch schwangere Frauen zu sehen. Normalerweise geht man durch die Stadt und denkt: Sind mal wieder hübsche Frauen unterwegs. Taucht eine schwangere Frau auf, drückt man die Daumen: Hoffentlich geht alles gut, und vielleicht überlegt man sich, was für ein Gebärtyp die Frau sein wird: Geburt im Krankenhaus, Hausgeburt, Wassergeburt oder im Trockenen und im Liegen.

          Es gibt sehr viele Schwangerschaftsbücher, die der schwangeren Frau diese oder jene Geburt vorschlagen, auf diese oder jene Besonderheiten der Schwangerschaft hinweisen (zum Beispiel die pränatalen Prägungen). Die schwangere Frau und der sich sorgende Vater könnten über diesen Vorschlägen und Hinweisen schier verrückt werden, wie man auch vor den unsinnigen Waren, die in einer Stadt angehäuft sind, schier verrückt werden kann.

          Ein "ehrliches Schwangerschaftsbuch" kommt da gerade recht. So steht's im Untertitel des Buchs "Alles bleibt anders" von Annette Wenzel. Es ist ein Buch mit Schnauze, für das gilt: Hier wird mit den Händen abgewogen. Hier läßt sich eine Frau kein X für ein U vormachen. Hier sucht eine Frau ihren eigenen Weg zwischen Intuition und Wissenschaft, Natur und Technik, Bauch und Gynäkologie.

          Manche Frauen tragen ihr Neugeborenes auf dem Rücken. Das macht auch eine Bekannte von mir, die auf dem Dorf wohnt. Sie gehört zu den Frauen, die das Buch von Jean Liedloff "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit" gelesen haben. Das Buch ist hierzulande an die fünfhunderttausendmal verkauft worden. Es ist auf deutsch 1980 erschienen, die Originalausgabe kam 1977 in den Vereinigten Staaten heraus. Meine Bekannte vom Dorf hat dieses Buch vor ihrer ersten Schwangerschaft gelesen, das war vor dreizehn Jahren, und dann sei sie, sagt sie, zum guten Schwangerwerden und erfüllten Kinderkriegen bereit gewesen.

          Das Buch von Jean Liedloff handelt vom Verlust der engen Bindung an das Leben in den sogenannten Zivilisationen, zu dem es kommt, weil der Säugling in die Welt alleine hinausgeschickt wird, gleichsam ohne Rückendeckung der Mutter, was bei den Naturvölkern, zu denen Liedloff reiste, nicht geschieht. Im Vergleich zu diesem grundsätzlichen Buch ist ein ehrliches Schwangerschaftsbuch ehrlich im Sinne eines ehrliches Autokaufs. Aus dem ehrlichen Schwangerschaftsbuch kann eine Frau vor allem lernen, daß sie sich nicht übervorteilen lassen soll durch die Geburtstechnologie und die Ideologien der Mutterschaft, daß sie von alldem nur nehmen soll, was für sie und das werdende Kind bekömmlich ist. Beim ehrlichen Autokauf fühlt man sich nicht übervorteilt, man sucht, vergleicht und kriegt was für sein Geld. Aber die Utopie des Reisens spielt dabei keine Rolle, wie beim ehrlichen Schwangerschaftsbuch, das merkt man schon an der ab und an schnodderigen Sprache, die Utopie der Natürlichkeit fehlt.

          Meine Bekannte vom Dorf erzählt von ihren Hausgeburten und den Hebammen. Mit dem ehrlichen Schwangerschaftsbuch könnte ich ihr nicht kommen. Sie gehört zu den Menschen, die abends über die Wiesen laufen, das Kind auf den Rücken gebunden, und das Lied der Nachtigall suchen. Wenn sie von ihren Geburten erzählt, dann ist sie ganz bei sich. Von ihrer Hebamme sagt sie: Die Hebamme habe Erde gehabt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß sie daheim in einem Buch wie dem Bildband "Bald" von Irina Höft blättert und sich die schwarzweißen Fotos von den schwangeren Frauen ansieht, die ihren nackten Bauch zeigen. Wahrscheinlich werden sich Frauen, die in der Stadt leben und dort ihrem Beruf in irgendeinem Büro nachgehen, dieses Buch daheim anschauen.

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