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Atheismusdebatte Gott ist ein Nichtsnutz

18.04.2008 ·  Richard Dawkins und andere Autoren des „neuen Atheismus“ haben eine wichtige Debatte in Gang gebracht. Ist der aggressive Szientismus nur die Kehrseite des modernen Aberglaubens? Für den Philosophen Peter Strasser heißt den Glauben zu verteidigen vor allem eine Haltung zu bewahren.

Von Bernhard Dressler
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Woher kommt der stupende Erfolg von Richard Dawkins' Bestseller „Gotteswahn“? Angesichts der über weite Strecken zugleich platten und eifernden Argumentation dieses Buches könnte man einen elementaren Mangel an religiöser Bildung bei großen Teilen des Lesepublikums vermuten. Das würde der Qualität des zugleich immer wieder behaupteten neuen Interesses an Religion kein gutes Zeugnis ausstellen. Vielleicht ist aber der von Wittgenstein beobachtete „moderne Aberglaube“ - der naturalistische Szientismus, den Dawkins in einer besonders schlichten Version predigt - doch so tief in die Mentalitätsmuster der Moderne eingelagert, dass aufklärende Belehrung dagegen wenig ausrichtet?

Der Gottesglaube, den Dawkins widerlegen will, ist jener fundamentalistische Kreationismus, der selbst wieder nur ein seitenverkehrter Naturalismus ist. Wie kann man gegen jemanden argumentieren, der gegen Windmühlen kämpft? Der Grazer Philosoph Peter Strasser ist in seinem Anti-Dawkins, einem Büchlein, mit dem er wohl auch an Dawkins' Erfolg teilzuhaben versucht, merkwürdig unentschieden. Großer argumentativer Aufwand scheint ihm gegen die neuen „Brachialatheisten“ und deren „dumm machende Arroganz“ und „lachhaft siegessichere Ignoranz“ nicht geboten zu sein. Man hat ähnliche wie die von Strasser vorgetragenen Gründe schon im gleichen populärwissenschaftlichen Duktus, aber präziser und systematischer gelesen, etwa in Robert Spaemanns fulminanter Abhandlung über die „Frage nach Gott“ als dem „unsterblichen Gerücht“. Auch zeitdiagnostisch bescheidet sich Strasser mit der unbefriedigenden Auskunft, Dawkins' Buch sei „Teil einer weltweiten Atmosphäre: Es herrschen Immanenzverblendung und Transzendenzwahnsinn.“

Arbeit an der mystischen Front

Damit klingt aber immerhin schon an, dass sich Strasser zu einer Auseinandersetzung an zwei Fronten genötigt sieht: „Neotheismus“, „Neoeschatologie“, „Neopaganimus“ und „Neomystizismus“ werden als die Gegner auf der anderen Seite ausgemacht, die Dawkins gleichsam den Stoffnachschub sichern. Die Sache ist vertrackt, weil es die Selbstkultivierung der „Großkirchen“ sei, die dem Obskurantismus die Schleusen öffnen.

Ganz richtig erkennt Strasser bei Dawkins das grundlegende (sozusagen evolutionsbiologisch nahegelegte) Missverständnis, religiöser Glaube rechtfertige sich aus seinem Nutzen. Von der Glaubensillusion, ist sie erst einmal als Illusion durchschaut, falle ihr Nutzen ab, so dass sie schließlich erlischt. Diese Denkfigur ist nicht neu und auch empirisch strittig. Sie gilt und verfängt aber immer noch, wo der religiöse Glaube sich als Sachverhaltsspekulation missversteht und aus seinen moralischen Folgen rechtfertigt. Gründe indes, die für sich erkenntnistheoretisch den Rang von Sachverhalten beanspruchen, streichen sich als religiöse Motive selbst durch. Zu Recht hat Gott in naturwissenschaftlichen Befunden nichts zu suchen. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, lautete der lapidare Befund bei Dietrich Bonhoeffer.

Zigeuner am Rande des Universums

Wenn sich jemand, wie es einst Jacques Monod in seinem im Vergleich zum Dawkinschen „Gotteswahn“ ungleich reflektierteren Buch über „Zufall und Notwendigkeit“ vorschlug, als „Zigeuner am Rande des Universums“ verstehen will, wird er sich auch durch philosophische oder theologische Belehrung nicht überzeugen lassen. Wer sich in heroisch-existentialistischer Haltung nicht genötigt, sondern befreit sieht, als Produkt eines blinden Zufalls zu leben, wird sich keinem Schöpfer zu Dank verpflichtet sehen. Auch moralische Alarmrufe, etwa dass ein naturalistisches Menschenbild fatale ethische Konsequenzen habe, werden wenig ausrichten. Der Hinweis auf den moralischen Nutzen der Religion hat noch nie ihren Wahrheitsanspruch stützen oder gar ersetzen können. Kosmologische Spekulationen werden niemanden, der sich nicht in der ersten Person Singular als Geschöpf empfinden kann, vom Gottesglauben, ganz zu schweigen vom christlichen Glauben, überzeugen.

Wer sich ohne Rücksicht auf seine Würde und seine Selbstachtung als „Maschine zur Weitergabe seiner Gene“ verstehen will, bei dem werden eher die Dawkinsschen Argumente, und seien sie noch so flach, Resonanz finden. Eine Grenze im Aufbau religiöser Überzeugungen ist erreicht, wenn nur noch Argumente ad hominem gelten, die Plausibilität eines Arguments also davon abhängt, wie jemand sich selbst verstehen und sein Leben führen will.

Agnostizismus des suchenden Wissens

Diese Einsicht schwingt bei Strasser eher implizit mit. Sein Buch wird dort lesenswert, wo sie über seinen Argumentationsgang hinaus auch stilistisch durchschlägt. Dort nämlich, wo er als den „Kern eines jeden ernstzunehmenden religiösen Glaubens“ eine „Haltung“ vertritt, die aufzugeben bedeute, „unseren Weltbezug überhaupt zu verlieren“: „Dass wir manche Dinge für wirklich und manche Behauptungen für wahr halten, das ist eben die Art und Weise, wie wir uns zur Welt als Welt in Beziehung setzen.“ Hier setzt sein Plädoyer für eine Art Agnostizismus des suchenden Wissens um die Grenzen des Wissens ein, den Strasser scharf von den Gründen und vom geistigen Klima eines Agnostizismus der Indifferenz absetzt, dessen Selbstbescheidung nicht Ausdruck, sondern Verkümmerung wahrer Geistigkeit sei. In allen menschlichen Erfahrungen sieht Strasser „semantische/ontologische/metaphysische Überschüsse enthalten, deren Nichtanerkennung zur Folge hätte, Begriff und Erfahrung der Welt selbst zu zerstören“.

Auch dieser Gedanke ist nicht neu, aber man hat ihn selten so komprimiert und stilsicher ausformuliert gelesen. Eine Philosophie - das lässt sich als der gedankliche Kern des Büchleins ausmachen - , die „ihre Probleme nicht verleugnen oder verstümmeln“ will, könne diese „gar nicht anders entfalten als mit Hilfe von Begriffen, die religiös sensibel sind. Philosophieren heißt, eine Art religiöser Haltung einzunehmen.“

Der schwache Gott der Philosophen

Strassers gleichsam „gläubiger“ Agnostizismus schwächt allerdings selbst seine Überzeugungskraft. Es ist ihm „aus philosophischen Gründen unmöglich, an einen persönlichen Gott zu glauben“. Es sei der „schwache Gott der Philosophen“, an den er - ja, kann man das sagen? - glaubt. Andererseits bedürfe die Welt eines Grundes nach dem „Modell personaler Verursachung“. Der philosophische Einwand, dass Gott nicht widerspruchsfrei als Person zu denken ist, gleichwohl als Bedingung der Möglichkeit von Personalität auch nicht unpersonalistisch, ist in trinitätstheologischer Perspektive schon schärfer durchdacht, als Strasser es sieht. Von der am „schicken“ neuen Atheismus monierten „arroganten Ignoranz“ ist Strasser selbst nicht ganz frei. Gewisse Haltungen, die bei den Gebildeten unter den Verächtern der Religion zu finden sind, dürften sich von der milden Herablassung, mit der er von seiner freischwebenden religiösen „Haltung“ auf die kirchliche Religion blickt, bestätigt sehen.

Gewiss kann man heute auch aus christlicher Sicht einen individuellen, außerkirchlich gelebten Glauben nicht mehr einfach illegitim finden. Doch ist zu unterscheiden zwischen einem diskursiven Sprachspiel, in dem religiöse Sprache reflektiert wird, und religiöser Sprache selbst. Religiöse Sprache aber gehört zu einer Lebensform, ohne die auch theologische Sätze - als gleichsam frei zirkulierende geistige Gehalte - selbst dann bedeutungsschwach blieben, wenn sie sich in säkularisierte Sprachformen retten ließen. Ob Strassers „Haltung“ die Kraft einer solchen Lebensform aufbieten kann, ist fraglich. Keine Frage hingegen: Der Gott der Philosophen ist nicht Richard Dawkins' Schöpfer.

Peter Strasser: „Warum überhaupt Religion?“ Der Gott, der Richard Dawkins schuf. Wilhelm Fink Verlag, München 2008. 111 S., br., 14,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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