09.06.2008 · Norbert Bolz, der Irritationsspezialist mit Hang zum kalkulierten Tabubruch, wagt sich sich aufs Parkett der Religion. Aufklären will er das Selbstmissverständnis des modernen Menschen, er sei die Religion losgeworden. Doch ist man schon religiös, wenn man weiß, was einem ohne eigene Religiosität fehlt?
Von Bernhard DresslerIm Dom von Orvieto zeigen die grandiosen Fresken Luca Signorellis eine Christus-Figur, deren Rede vom Teufel souffliert wird. Der vor dem Ende der Zeiten angekündigte Antichrist erscheint als Christus-Camouflage. Zu sehen ist diese Szene auf dem Cover des neuen Buchs von Norbert Bolz. Damit kündigt sich eine starke These an, jedenfalls mehr als nur die Wiederholung des populären Themas: Wiederkehr der Religion. Auch der Titel verspricht mehr als eine mittlerweile fast bis zum Überdruss durchkonjugierte Zeitdiagnose. Das „Wissen der Religion“ ist mehr als das Wissen über Religion. Und wenn es in die Perspektive „eines religiös Unmusikalischen“ gerückt wird, ist nicht nur Erbauliches zu erwarten.
Man mag freilich skeptisch sein. Der Irritationsspezialist Bolz ist Profi im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit. An seinem Ruf, auf Seriositätsgrenzen nicht unbedingt Rücksicht zu nehmen, ist er nicht ganz unschuldig. Im Bruch von Zeitgeist-Tabus hat er sich zu oft zu schlicht als Trendguru inszeniert. Hier nun tritt aber nicht der Medienwissenschaftler auf, der das Spiel der Medien bedient. Vor allem: Bolz kennt sich aus in der Welt der Religion. Seine Herkunft aus dem Umfeld des bedeutenden Religionswissenschaftlers Jacob Taubes kann (und will) er in diesem Buch nicht verleugnen. Der französische Posthistoire-Diskurs stieß einst bei Taubes in Berlin auf eigenwillige Resonanzen, die im Hintergrund der Bolzschen Analysen immer noch den Takt vorgeben.
Umgang mit der Hilflosigkeit
Aufzuklären ist das Selbstmissverständnis des modernen Menschen, er sei die Religion losgeworden. Noch im Atheismus hält er an ihr fest. Gegen Luhmann macht Bolz anthropologische Gründe geltend. Nicht nur die Funktionsweise der Gesellschaft, sondern das „Sinn- und Trostbedürfnis“ der Menschen mache Religion unverzichtbar. In fünfzehn locker ineinandergreifenden Essays bietet Bolz präzise Analysen der Ersatzreligionen, die die Verluste der „Globalisierungsverlierer“ - „Gott und die Seele“ - doch nicht kompensieren können. Manches, was schon bekannt vorkommt, gerät durch Zuspitzung in ein neues Licht. Daneben treten scharfe Beobachtungen zur Lage der christlichen Kirchen, die Bolz teils selbstverschuldet in die gleiche Dialektik von Funktionalismus und Utilitarismus verstrickt sieht, wie er sie an den Ersatzreligionen aufdeckt.
Die „drei Kandidaten“, die bereitstehen, „um den gnädigen Gott zu ersetzen: die gerechte Gesellschaft, die heile Natur und das wahre Selbst“, haben auch im Humanismus eines „dogmatisch abgerüsteten Christentums“ die Stelle der „Themen Kreuz, Erlösung und Gnade“ eingenommen. Die „Sentimentalität als letzter Aggregatzustand des christlichen Geistes“ führt die Kirchen „immer wieder in Versuchung, die kerygmatische Wahrheit der pastoralen Zweckmäßigkeit zu opfern“.
Tyrannei der Werte
Wie weit man jemandem, dessen eingestandene religiöse Unmusikalität ihm selbst die Ohren vor Kerygma und Dogma verschließt, solche Analysen abnehmen mag, steht auf einem anderen Blatt. Die Pointe jedenfalls ist zu stark, um ganz wahr zu sein: „Man liebt die Menschheit, um Gott verdrängen zu können. Und hier gewinnt die christliche Lehre vom Antichrist eine skandalöse Aktualität.“ Im zeitgeistangepassten Christentum sieht Bolz das Geheimnis des Antichrist enthüllt. Er offeriert indes auch eine etwas weniger schrille, zustimmungsfähigere Lesart: An der „Gefährdung des Glaubens durch eine Tyrannei der Werte hat die Kirche selbst den größten Anteil“. Die Moralisierung der Religion macht blind davor, dass die Hochkonjunktur der Werterhetorik nur die Kehrseite des allgegenwärtigen ökonomistischen Funktionalismus ist. „In der Bibel gibt es aber keine Werte.“
Ärgerlich ist die durchgehende, im Tonfall oft kleinliche Polemik gegen die „Gutmenschen“, die den eigenen Anspruch auf Großzügigkeit und Vornehmheit (und mit Max Weber: „Manneswürde“!) dementiert. Ein herablassender oder auch nur ironischer Ton ist allerdings nicht mehr zu vernehmen, wo Bolz zum Kern der Sache vordringt, etwa im Blick auf den „Umgang mit der Hilflosigkeit“. Seine schöne Phänomenologie der heutigen Sepulkral- und Trauerkultur mündet in die Frage: „Kann man ohne Gott sterben?“ Nicht zufällig formuliert Bolz in der 1. Person Singular: „Der Glaube ist eine Leidenschaft; Weisheit dagegen ist kalt und leidenschaftslos. Ich begreife nicht das Christentum, sondern der Glaube ergreift mich. Glauben heißt das Leben ändern.“
Aber kann man so reden wie ein Blinder, der vom Sehen spricht? Bolz sieht ganz richtig, dass „man sich nicht vornehmen (kann) zu glauben“. Dem religiös Unmusikalischen, der sich strikt von einer irreligiösen Haltung abgrenzt und am „Vorurteil für das Christentum“ - einem „zur Kultur gewordenen Christentum“ - festhalten will, bleibt am Ende nur ein Glaube, der aus religiöser Sicht auch nicht mehr als ein Surrogat ist: „Das ist der Glaube an den einzigartigen Wert der von Griechentum und Christentum geprägten europäischen Kultur“, deren „Traditionszusammenhang“ man nur in einem Akt „geistigen Selbstmords“ verlassen könne. Aus dem „Als-ob-nicht“ des Apostels Paulus (dem „Haben-als-hätte-man-nicht“) wird bei Bolz ein „Nicht-haben-als-hätte-man“.
Selbst musizieren!
Es wäre zu viel, Bolz jenen elitären Aufklärungsgestus vorzuwerfen, der die Religion einst als moralisches Sedativum für die niedrigeren Ränge des Publikums empfahl. Aber den Kirchen das Festhalten an einem Dogmatismus anzuraten, an den man selbst nicht glauben kann, ist nicht ohne Tücke. Zudem geht das Reflexivwerden der Religion nicht unvermeidlich mit jener Art von Distanzierung einher, die Bolz für sich selbst in Anspruch nimmt. Er unterschätzt die Anschlussfähigkeit moderner Individualität an die christliche Tradition. Wir können uns beim Beobachten der Welt selbst beobachten.
Freilich: Nur wenn wir uns als Beobachter zugleich auch aus der Binnenperspektive der Teilnahme an einer kulturellen oder religiösen Praxis verstehen, lösen wir uns nicht im Reflexionszirkel der Beobachtung zweiter Ordnung auf. Teilnahme ohne Beobachtung ist blind, Beobachtung ohne Teilnahme bleibt leer. Anders gesagt: Wir können nicht einmal ahnen, was Musik bedeutet, wenn wir uns auf die Analyse einer Partitur beschränken - wenn wir also Musik nicht zugleich hören, oder besser noch: selbst musizieren. Wir müssen über Religion reden können, verstehen aber nichts, wenn wir nicht auch religiös sind. Es ist also die Frage, wie weit zwischen religiöser Unmusikalität und Irreligiosität unterschieden werden kann. Bolz würde vielleicht sagen: Wenn man weiß, was einem ohne eigene Religiosität fehlt. Aber wie kann man das wissen?
Es ist allerdings schon etwas, wenn der „taktvolle Atheist“ der Religion nicht - von ihrer Ästhetik und Ethik einmal ganz abgesehen - jeglichen Erkenntnisgehalt bestreitet, auch wenn er ihn nicht teilen kann.
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Richard Krebs (Westworld)
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