http://www.faz.net/-gr3-x1lx

Atheismus und Religion : In der Bibel gibt es keine Werte

  • -Aktualisiert am

Solange wir Trost und Sinn suchen, werden wir Gott nicht los, meint Norbert Bolz Bild: REUTERS

Norbert Bolz, der Irritationsspezialist mit Hang zum kalkulierten Tabubruch, wagt sich sich aufs Parkett der Religion. Aufklären will er das Selbstmissverständnis des modernen Menschen, er sei die Religion losgeworden. Doch ist man schon religiös, wenn man weiß, was einem ohne eigene Religiosität fehlt?

          Im Dom von Orvieto zeigen die grandiosen Fresken Luca Signorellis eine Christus-Figur, deren Rede vom Teufel souffliert wird. Der vor dem Ende der Zeiten angekündigte Antichrist erscheint als Christus-Camouflage. Zu sehen ist diese Szene auf dem Cover des neuen Buchs von Norbert Bolz. Damit kündigt sich eine starke These an, jedenfalls mehr als nur die Wiederholung des populären Themas: Wiederkehr der Religion. Auch der Titel verspricht mehr als eine mittlerweile fast bis zum Überdruss durchkonjugierte Zeitdiagnose. Das „Wissen der Religion“ ist mehr als das Wissen über Religion. Und wenn es in die Perspektive „eines religiös Unmusikalischen“ gerückt wird, ist nicht nur Erbauliches zu erwarten.

          Man mag freilich skeptisch sein. Der Irritationsspezialist Bolz ist Profi im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit. An seinem Ruf, auf Seriositätsgrenzen nicht unbedingt Rücksicht zu nehmen, ist er nicht ganz unschuldig. Im Bruch von Zeitgeist-Tabus hat er sich zu oft zu schlicht als Trendguru inszeniert. Hier nun tritt aber nicht der Medienwissenschaftler auf, der das Spiel der Medien bedient. Vor allem: Bolz kennt sich aus in der Welt der Religion. Seine Herkunft aus dem Umfeld des bedeutenden Religionswissenschaftlers Jacob Taubes kann (und will) er in diesem Buch nicht verleugnen. Der französische Posthistoire-Diskurs stieß einst bei Taubes in Berlin auf eigenwillige Resonanzen, die im Hintergrund der Bolzschen Analysen immer noch den Takt vorgeben.

          Umgang mit der Hilflosigkeit

          Aufzuklären ist das Selbstmissverständnis des modernen Menschen, er sei die Religion losgeworden. Noch im Atheismus hält er an ihr fest. Gegen Luhmann macht Bolz anthropologische Gründe geltend. Nicht nur die Funktionsweise der Gesellschaft, sondern das „Sinn- und Trostbedürfnis“ der Menschen mache Religion unverzichtbar. In fünfzehn locker ineinandergreifenden Essays bietet Bolz präzise Analysen der Ersatzreligionen, die die Verluste der „Globalisierungsverlierer“ - „Gott und die Seele“ - doch nicht kompensieren können. Manches, was schon bekannt vorkommt, gerät durch Zuspitzung in ein neues Licht. Daneben treten scharfe Beobachtungen zur Lage der christlichen Kirchen, die Bolz teils selbstverschuldet in die gleiche Dialektik von Funktionalismus und Utilitarismus verstrickt sieht, wie er sie an den Ersatzreligionen aufdeckt.

          Die „drei Kandidaten“, die bereitstehen, „um den gnädigen Gott zu ersetzen: die gerechte Gesellschaft, die heile Natur und das wahre Selbst“, haben auch im Humanismus eines „dogmatisch abgerüsteten Christentums“ die Stelle der „Themen Kreuz, Erlösung und Gnade“ eingenommen. Die „Sentimentalität als letzter Aggregatzustand des christlichen Geistes“ führt die Kirchen „immer wieder in Versuchung, die kerygmatische Wahrheit der pastoralen Zweckmäßigkeit zu opfern“.

          Tyrannei der Werte

          Wie weit man jemandem, dessen eingestandene religiöse Unmusikalität ihm selbst die Ohren vor Kerygma und Dogma verschließt, solche Analysen abnehmen mag, steht auf einem anderen Blatt. Die Pointe jedenfalls ist zu stark, um ganz wahr zu sein: „Man liebt die Menschheit, um Gott verdrängen zu können. Und hier gewinnt die christliche Lehre vom Antichrist eine skandalöse Aktualität.“ Im zeitgeistangepassten Christentum sieht Bolz das Geheimnis des Antichrist enthüllt. Er offeriert indes auch eine etwas weniger schrille, zustimmungsfähigere Lesart: An der „Gefährdung des Glaubens durch eine Tyrannei der Werte hat die Kirche selbst den größten Anteil“. Die Moralisierung der Religion macht blind davor, dass die Hochkonjunktur der Werterhetorik nur die Kehrseite des allgegenwärtigen ökonomistischen Funktionalismus ist. „In der Bibel gibt es aber keine Werte.“

          Weitere Themen

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Der Gipfel auf der Insel

          Xi und Pence in Papua Neuginea : Der Gipfel auf der Insel

          Die Pazifik-Staaten tagen auf Papua Neuguinea. Kreuzfahrtschiffe werden zu Hotels und Mike Pence pendelt mit dem Flugzeug aus Australien. Der bitterarme Inselstaat wirkt überfordert. Und Xi Jinping lässt sich feiern.

          Topmeldungen

          Bundeswehr : Zehn Millionen Deutsche sind nun Veteranen

          Verteidigungsministerium und militärische Verbände legen einen jahrelangen Streit bei. Die Grünen sprechen von Herummogelei – und die Linken von einem Verklärungsversuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.