17.03.2010 · Aus Gnaden- und Bußzetteln lässt sich viel über mittelalterliches Alltagsleben lernen. Vor allem, wenn man sie so zu lesen weiß wie Arnold Esch.
Von Dirk SchümerDa reist ein Kölner Kaufmann via Venedig nach Zypern, um dem dortigen König Luxuswaren für seinen Hof – Stoffe, Kleidung, Schmuck – anzubieten. Der Monarch nimmt die Waren gerne, doch statt zu zahlen oder Handelsprivilegien zu gewähren, drängt er dem jungen Mann eine dubiose Ehefrau auf, deren Bekannte ihn wegen vermeintlicher Schulden sogleich weiter ausräubern. Als der Kaufmann aus Zypern fliehen will, gibt ihm der König zwei Wachmänner mit, die dafür sorgen sollen, dass er noch mehr Gratiswaren deutscher Provenienz mitbringt. Erst auf Rhodos kann der arme Kölner seine Plagegeister loswerden und kehrt nach Deutschland heim, „ohne die Absicht wiederzukommen“. Diese Geschichte, die wie unverfälschter Novellenstoff von Boccaccio oder Sacchetti wirkt, beruht auf einer wahren Biographie: Der rheinische Kaufmann Heinrich von Harff hat sie Ende des 15. Jahrhunderts in der Levante durchlebt.
Die Geschichtsschreibung hätte von den Abenteuern nichts mitbekommen, hätte unser Kaufmann diese nicht in einer Bittschrift an die päpstliche Pönitentiarie festgehalten – um päpstlicherseits von seinem erzwungenen Eheversprechen auf Zypern gelöst zu werden. Zu lange hat die Historiographie den Wert solcher Eingaben als Quellen unterschätzt, liegen sie doch zu vielen Tausenden heute noch im Vatikanischen Archiv; sie sind nach langem Verschluss nun auch kein Fall mehr für Beichtgeheimnis oder prämoderne Privacy mehr und werden systematisch ediert – ein echter Überlieferungsschatz. Arnold Esch, ehemaliger Direktor des deutschen historischen Instituts in Rom und profunder Kenner vor allem der mittelalterlichen Geschichte der Ewigen Stadt, führt uns in einem faszinierenden Band in die oft kruden, abenteuerlichen Sündenbekenntnisse mittelalterlicher Christen ein.
Mit einem Körnchen Salz zu lesen
Die drastische Realnovelle, wie ein argloser deutscher Geschäftsmann von den Griechen übers Ohr gehauen wird (Gegenwartsbezüge sind rein zufälliger Natur), zählt zweifellos zu den Leckerbissen jener Buß- und Gnadenzettel, welche die „Sacra Paenitentiaria Apostolica“ zu bearbeiten hatte. Oft geht es um Lappalien wie den Wechsel von einem Kloster ins andere, um Lösung von Gelübden oder Fastenregeln. Aber auch in solchen Fällen kann ein Historiker daraus Profit schlagen.
Eine Nahsicht der Historie steht gerade für die Zeit vor der Reformation vor immensen Problemen. Fast hundert Prozent aller Texte wurden von einer alphabetisierten Elite verfasst und handeln von Angelegenheiten von Theologen oder Aristokraten. Wie die Bauern des Mittelalters gelebt oder gar gedacht haben mögen – das auch nur anzudeuten erfordert echte historische Detektivarbeit und Mut zur Lücke.
Esch ist in der glücklichen Lage, dass hier einmal nicht die Richter und Theologen ihre Protokolle abzeichnen, sondern die Handelnden sich beinahe freiwillig zu Wort melden, weil sie „ein Problem mit Rom haben“. Unfälle mit Todesfolgen, fatale Wirtshausprügeleien, Mitwirkung an einer Hinrichtung – all das bedurfte – vor allem bei Geistlichen – einer Freisprechung durch die päpstliche Pönitentiarie, manchmal kümmerte sich gar der Pontifex, den die Katholiken ja als eine Art Weltgemeindepriester verstehen, persönlich um die missliche Angelegenheit. Esch ist sich naturgemäß bewusst, dass man auch seine „Schreiben an den Papst“ mit einem Körnchen Salz lesen muss. Welcher Sünder würde nicht dazu verführt, seine Tat gegenüber der Moralpolizei in günstigem Licht darzulegen.
Das gegenseitige Mobben von Mönchen
Wir Leser dürfen zuweilen der Illusion erliegen, beim spätmittelalterlichen Alltag dabei zu sein. So etwa, wenn ein Priester im Weserbergland eine aufgegebene Kirche wieder weihen möchte, diese aber inzwischen von einer Familie bezogen wurde, inklusive Schweinestall am Altar. Oder wenn ein Posener Priester in einem Wirtshaus Laute spielt, sich den Spott eines antiklerikalen Zechers zuzieht und bei der anschließenden Prügelei ein Mensch erschlagen wird. Solche Fälle mit genauer lateinischer Nomenklatur des Suffs vom Schwips (offuscatus) über den Vollrausch (inebriatus) bis zum Schädelfluten (quasi demens) führt der Autor ohne persönliche Wertungen und Kommentare vor. Wohltuend merkt man, dass der Historiker seinen Textlieferanten in diesem besonderen Buch nicht ins Wort fallen möchte.
Ob die Hemmschwelle gegen Gewalt seinerzeit tatsächlich niedriger lag, kann man heute, da solche Fälle in der Boulevardpresse abgehandelt werden, angesichts der Selektivität der Quellen nicht beurteilen. Friedliches Miteinander hatte eben keinen Bußbrief zur Folge. Und Esch hütet sich auch, wertende Aussagen über sein Personal zu tätigen. Stattdessen breitet er in gewollt lakonischem Kurzstil, der in seinen besten Passagen an Kleists Anekdoten erinnert, sein mittelalterliches Zufallspanorama aus. Das Leben der Geistlichen, die schon wegen ihres Berufs eine besondere Nähe zum Papst gehabt haben dürften, gewinnt durch viele strukturell ähnliche Berichte dabei sogar an Tiefenschärfe.
Das karge Mönchsleben trieb viele arme Schlucker aus ihrem Kloster heraus – und oft genug die unwirtliche Welt draußen auch wieder hinein. Das gegenseitige Mobben von Mönchen, der Terror durch strenge Äbte, die Zwangseinlieferung vieler junger Mädchen – all das unterlegt unser Wissen vom klösterlichen Leben mit beeindruckender biographischer Wahrhaftigkeit. Nur selten, und wenn dann als Drangsal, scheinen die Geschehnisse der „großen Geschichte“ – Karls des Kühnen Feldzüge, Hussitenkriege – in diesen Kürzestbiographien auf. Das allein schon sollte jeden Historiker und auch die Leser dieses schönen Buchs demütig stimmen. Geschichte wird, wie Esch sagt, „aus Menschenleben gemacht“. Wenn auch weitaus die meisten dieser Leben, anders als diese, keinerlei Spuren hinterlassen haben.