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Arne Schirrmacher: Philipp Lenard. Erinnerungen eines deutschen Naturforschers : Von der Physik zur Weltanschauung und wieder zurück

  • -Aktualisiert am

Bild: Springer

Er war Nobelpreisträger und als Vertreter einer „Deutschen Physik“ wissenschaftliches Aushängeschild der Nationalsozialsten: Philipp Lenards Erinnerungen liegen zum ersten Mal vollständig vor.

          Philipp Lenard war Naturforscher, Nobelpreisträger und Nationalsozialist. Mit dieser nüchternen Bestandsaufnahme charakterisiert der Wissenschaftshistoriker Arne Schirrmacher die Blickwinkel, unter denen dieser Physiker in der Geschichtsschreibung betrach-

          tet worden ist. Die von Schirrmacher herausgegebenen Lebenserinnerungen Lenards (1862 bis 1947) zeichnen jedoch ein detailliertes Bild der wohl umstrittensten Figur der modernen Physikgeschichte.

          Lenard, in Pressburg geboren, studierte gegen den elterlichen Willen Physik. Nach der Promotion im Jahre 1886 folgten Stationen in London, Breslau, Bonn, Aachen und Heidelberg. 1898 wurde er Ordinarius an der Universität Kiel, seit 1906 war er Direktor des physikalischen Instituts in Heidelberg. Der brillante Experimentalphysiker erzielte wichtige Erkenntnisse über das Elektron, das Atom und den Photoeffekt. 1905 wurde dem erst Dreiundvierzigjährigen der Nobelpreis für seine Arbeiten über Kathodenstrahlung verliehen.

          Als Held der Wissenschaftsgeschichte eignet sich dieser Nobelpreisträger jedoch nicht. Der Physiker unterstützte Adolf Hitler bereits in den zwanziger Jahren offen, lehnte die Weimarer Republik vehement ab und machte aus seinem Nationalismus und Antisemitismus keinen Hehl. Während des Ersten Weltkriegs unterzeichnete er - wie ein Großteil der kriegsbegeisterten deutschen Intelligenz - den nationalistischen Aufruf "An die Kulturwelt".

          Als er sich 1922 weigerte, den Trauertag für den ermordeten Außenminister Walther Rathenau zu respektieren, kam es zu Ausschreitungen rund um das Lenardsche Institut und zur kurzzeitigen Verhaftung des Nobelpreisträgers. Für den nationalsozialistischen Staat aber war der emeritierte Lenard ein Vorzeigewissenschaftler und Aushängeschild. Er war Begründer der "Deutschen Physik", einer rassistisch durchsetzten Naturwissenschaft, die zwar während der Zeit des Nationalsozialismus Aufschwung erhielt, sich jedoch nie durchsetzen konnte.

          Bewegte Geschichte der Schriften

          Die nun erschienenen autobiographischen Schriften Lenards haben eine bewegte Geschichte durchlaufen: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs überließ Lenard einigen Bekannten und ehemaligen Schülern maschinenschriftliche Exemplare seiner während der dreißiger Jahre verfassten Lebenserinnerungen. Veröffentlichen wollte man das Manuskript in der Nachkriegszeit jedoch nicht: Zu groß war die Befürchtung, man könne damit den Eindruck erwecken, Lenard rehabilitieren zu wollen. Kopien des Manuskripts kursierten jedoch unter Wissenschaftshistorikern, die den fachlichen Wert dieser Quelle erkannten. In den sechziger Jahren schließlich wurde ein allerdings unvollständiger Mikrofilm angefertigt, der von der Universität Stuttgart erworben wurde und von dort aus in Umlauf kam. Auch die University of California in Berkeley erhielt eine Kopie, die dort fünfzehn Jahre später als vermeintlich neue Quelle wiederentdeckt und als Privatdruck erneut verbreitet wurde. Frühe wissenschaftliche Editionsvorhaben des vollständigen Textes in den siebziger Jahren scheiterten am Problem des Urheberrechts.

          Diese Verzögerung hatte allerdings den Vorteil, dass mittlerweile zusätzliches Material wie Tagebücher und ein 1946/47 verfasstes Manuskript zugänglich wurden und in die nun vorliegende Edition einbezogen werden konnten. Der Band beinhaltet darüber hinaus neben dem vollständigen Originaltext aus dem Jahr 1943 auch den kompletten ersten Entwurf zu Lenards Erinnerungen aus dem Jahr 1931. Mit gründlichen und kritischen Annotationen hat Schirrmacher zudem dafür gesorgt, dass der Text in biographische, zeitgeschichtliche und wissenschaftliche Zusammenhänge eingebunden ist.

          Lenards Erinnerungen ändern nicht die Sicht auf seine politischen Überzeugungen, aber sie eröffnen neue Perspektiven auf den Wissenschaftler. Im Gegensatz zu dem Gros von Autobiographien, die überlegt inszenierte Selbstdarstellungen des Weges zum Erfolg sind, bietet Lenard einen ungewöhnlichen Blick auf sein Leben: Es sind Erinnerungen eines Suchenden und mitunter Verzweifelnden - es sind Rückblicke aus der Verliererperspektive. Wir lernen ihn hier als den Weinhändlersohn kennen, der sich als deutscher Ungar sowohl seine Identität als auch die wissenschaftliche Laufbahn erkämpfen musste und sein Leben lang nach Vorbildern und Sicherheit Ausschau hielt. Auch Lenards "ideologische Auswanderung" (Schirrmacher) in den Nationalsozialismus konnte ihm diese Sicherheit nicht bieten. Nicht zuletzt die Enttäuschungen über die NS-Wissenschaftspolitik führten zu einem gebrochenen Verhältnis zu dieser Ideologie.

          Weit weg von moderner, theoretischer Physik

          Wie in einem Kaleidoskop verbinden sich in Lenards Erinnerungen verschiedene Aspekte der Physikgeschichte der Jahrhundertwende mit politischen und soziokulturellen Entwicklungen. Berichte über den Arbeitsalltag der Physik geben Einblicke in die Schwierigkeiten des Erwerbs und Zugangs zu Instrumenten oder Aufschlüsse über die institutionellen Rahmenbedingungen naturwissenschaftlicher Forschung. Lenard steht jedoch auch exemplarisch für eine Gruppe von Physikern, die der modernen, theoretischen Physik nichts abgewinnen konnten.

          Skepsis gegenüber einer zunehmend auf mathematische Formulierung angewiesenen Physik verband sich bei Experimentalphysikern mit Ängsten vor Statusverlust. Dass unter den Bedingungen sozialer und politischer Instabilität divergierende Auffassungen über das Wesen physikalischer Welterkenntnis weit über den Bereich enger Wissenschaft hinausreichen können, zeigt sich nicht zuletzt in der weltanschaulichen Aufladung und der politischen Ideologisierung von Wissenschaft. Philipp Lenard stand im Zentrum dieser Prozesse. Seine autobiographischen Schriften sind deshalb sowohl für wissenschaftshistorisch als auch für zeithistorisch Interessierte eine aufschlussreiche Lektüre mit vielfältigen Anknüpfungspunkten.

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