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Arne Reimer: American Jazz Heroes : Stille Umarmung des Flügelhorns im Garten

  • -Aktualisiert am

Bild: Jazz thing Verlag

Hausbesuch eines Kenners bei fünfzig amerikanischen Jazzern: Arne Reimer fotografiert und befragt die in die Jahre gekommenen Überlebenden einer Epoche.

          Ein Jazzbuch wie dieses hat es noch nicht gegeben. Der Journalist und Fotograf Arne Reimer hat fünfzig amerikanische Jazzmusiker zu Hause oder an ihrer Arbeitsstätte im Nachtclub oder in der Hochschule besucht, interviewt und fotografiert. Das Ergebnis dieser Reisen heißt „American Jazz Heroes“ und ist die erste Buchveröffentlichung von „Jazz thing“, dem auflagenstärksten deutschsprachigen Jazzmagazin. Es ist ein Prachtband im Quadratformat der Langspielplatte, die Fotos sind exzellent und die Texte in ihrer Mischung aus wörtlicher Rede der Musiker und kommentierender Erzählung des Autors von einmaliger Informationsqualität. Roger Willemsen hat das Vorwort geschrieben, ein kenntnisreiches, soziologisch-philosophisches Traktat höchster Liebesintelligenz. Deutsche Jazzjournalisten haben zu jedem Porträt eine Liste der wichtigsten Schallplatten erstellt.

          Jazzmusiker werden vorzugsweise während ihrer Auftritte fotografiert, weil die Hingabe an rhythmische Spannungen und die improvisatorischen Herausforderungen ihre Gesichter besonders charaktervoll zeichnen. An der Bühnenrampe fotografiert Reimer aus Überzeugung schon lange nicht mehr, und mit Schnappschüssen konnte er beim Hausbesuch natürlich nicht arbeiten.

          Eine ganze Epoche wird ausgemalt

          Er positionierte seine Künstler in ihren Räumen und Gärten. Oft schauen sie in die Linse, verlegen, fröhlich, ernst, melancholisch, laut lachend - alle in mindestens zwei, meistens drei und manchmal vier verschiedenen Posen. Diese Vielfalt der Ausdrücke erzeugt eine ganz eigene Aura der Natürlichkeit. Dazu kommt ein anderer grandioser Einfall des Fotografen: Er zeigt die Musiker alle mit ihren Instrumenten, aber so gut wie keiner spielt. Das gibt den betrachteten, umarmten, getragenen Instrumenten einen Charakter der magischen Mitte im Dasein ihrer Besitzer.

          Die porträtierten Musiker sind alle über sechzig, nicht wenige über achtzig, also ausgestattet mit der ganzen Schicksalsfülle der Erfahrungen, Empfindlichkeiten, Vor- und Nachurteile. Aktiv sind die meisten noch. „Weniger spielen kann ich später immer noch“ (Louis Hayes) ist die vorherrschende Einstellung. Nur Clark Terry liegt ohne zwei amputierte Beine im Bett, neben sich aber den Koffer mit Trompete und Flügelhorn, und summt noch zur Musik im Kopfhörer.

          Eine ganze Epoche wird hier ausgemalt, ein schrilles Welttheater existentieller Zufälle, abbrechender Planungen, resignationsgefährdeter Irrfahrten zwischen Kommerz und Vision, im Himmel geschmiedeter Freundschaften und stoischer Beharrlichkeit. Immer wieder wird die Musik als heilende Kraft beschworen. „Musik kann einem so wichtig sein wie die eigenen Kinder“, sagt der Bassist Cecil McBee. Der zweiundneunzig Jahre alte Schlagzeuger Chico Hamilton schwärmt von seiner vor drei Jahren gestorbenen Ehefrau: „Helen war wunderbar, sie verstand, dass Musiker zuallererst die Musik und ihr Instrument lieben.“

          Richtig wohlhabend ist kaum einer dieser Vaganten geworden. Der Pianist Cedar Walton etwa ist stolz darauf, dass er seine Familie als Jazzmusiker ernähren konnte und dass seine beiden Söhne schon erwachsen und nicht im Gefängnis sind. Die unglaublichste Geschichte ist die von Henry Grimes, der die Reparatur seines Basses nicht bezahlen konnte, das Instrument an den Händler zurückverkaufte, dann fünfunddreißig Jahre lang keinen Musikjob mehr fand, bis ihn ein Sozialarbeiter in einer Asozialen-Absteige entdeckte und den Totgeglaubten in die allerfeinsten zeitgenössischen Musikerkreise zurückbrachte, wo er Preise und Auszeichnungen gewann.

          Diese Geschichte ist allgemein bekannt, nicht aber diese hier: Clark Terry ging 1953 am Broadway entlang, stieß auf ein großes dunkles Bündel in der Gosse, drehte es langsam um, stellte zu seinem Entsetzen fest, dass es sich um Miles Davis handelte, brachte ihn in sein (Terrys) Hotelzimmer, legte ihn auf sein Bett, ging noch etwas essen, und als er zurückkam, war Miles Davis mit Terrys Trompete, Kleidung und Radio weg.

          Künftige Jazzlexika können nicht ohne diesen Band geschrieben werden

          Das Buch wimmelt von Anekdoten, sie mögen im Einzelnen unerheblich sein, über die ganzen fünfzig Biographien gesehen, setzen sie sich aber zu einem eigenen, aussagekräftigen Gebilde zusammen. Die unsichere Existenz, die Besessenheit, das Nomadentum, die gleichwohl bürgerlichen Sehnsüchte, die riskanten Überlebensstrategien - sie schreiben die Geschichte des Jazz zwischen der sich auflösenden Swing-Ära und den ersten Freien Radikalen der sechziger Jahre.

          Reimers Buch ist kein Lexikon, aber künftige Jazzlexika können nicht mehr ohne Rückgriff auf diesen Band geschrieben werden. Die Stilauswahl ist breit gestreut von zahmem und hartem Bebop über Pop- und Rockjazz, frühe weltmusikalische Exkurse bis zu Cecil Taylor, dessen radikal exzentrischer Auftritt in kurzen Hosen und hellgelben Kniestrümpfen auf einer mit Schriften und Bettdecken verlotterten Schlafstätte einer der Höhepunkte des Buches ist: „Ich beantworte keine Fragen. Deshalb rede ich ja so viel, damit ich nichts beantworten muss.“

          Mancher mag Ornette Coleman, Sonny Rollins oder Archie Shepp vermissen. Aber diese Herren hat Reimer weggelassen, weil sie eben nicht zu den vergessenen oder vergessengehenden Stars von einst gehören, denen er ein Denkmal setzen will: „Sie kommen nicht mehr zu uns, also gehe ich zu ihnen.“

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