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Armin Wolf: Homers Reise : Seemannsgarn muss man aufzudröseln wissen

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Bild: Verlag

Lassen sich die Wege des Homerschen Odysseus auf einer Landkarte wiederfinden? Armin Wolf weiß einer alten Frage erhellende Einsichten in die frühgriechische Welt abzugewinnen.

          Welche Art von Wirklichkeit oder gar Wahrheit die homerischen Epen in sich bergen, ist seit der Antike umstritten. Zuletzt stand dabei die „Ilias“ im Mittelpunkt, die Frage nach der Größe des bronzezeitlichen Troja, nach dem historischen Kontext der Schilderungen und der Heimat des Dichters. Der räumliche Horizont der Debatte blieb notwendig beschränkt, es geht um den nordwestlichen beziehungsweise den südöstlichen Rand Anatoliens. Doch die frühe griechische Welt war viel größer, wie zuletzt Robin Lane Fox faszinierend anschaulich machte („Travelling Heroes“, 2008), und der „Ilias“-Dichter kannte nur einen kleinen Teil von ihr. Da kommt „Homers Reise“ gerade recht. Der gelernte Mittelalterhistoriker Armin Wolf hat vor über vierzig Jahren zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Bruder Hans-Helmut, einem Architekten, den „Weg des Odysseus“ zu rekonstruieren versucht, über mehrere Bearbeitungen entstand schließlich die vorliegende, stark überarbeitete Neuausgabe.

          Die Ideenspur des Buches ist lang. Man bemühte sich bereits in der Antike, die zentralen Episoden der Irrfahrt des Odysseus mit einzelnen Orten zu verbinden. Seit die kartographische Erfassung zur gewohnten Art wurde, die Welt anzuschauen, hat man auch die Route als Ganzes nachzuzeichnen versucht. Doch die Debatte fiel auseinander, mit weitreichenden Folgen: Die um Texttreue und Genauigkeit bemühten Rekonstruktionen etablierter Gelehrter vermochten an entscheidenden Stellen scheinbare Widersprüche nicht auszuräumen, weswegen das ganze Bemühen außer Kurs kam. Das Vakuum füllten Laien oder Fachleute anderer Disziplinen mit wilden Spekulationen; Odysseus mutierte als Umsegler Afrikas, Erkunder der Ostsee oder Entdecker Amerikas zur Märchenfigur.

          Spaziergang durch den Irrgarten der Hypothesen

          Derlei Absurditäten erleichterten es der zünftigen Wissenschaft, die Frage nach der Geographie der „Odyssee“ insgesamt als falsch, als „aussichtslosen Unfug“, zu brandmarken. Doch diese Argumentation hat ihrerseits einen Webfehler: Ein wissenschaftliches Problem wird nicht zum „Phantom“, nur weil es viele abwegige Lösungsversuche gibt. Die Varusschlacht wurde, um ein aktuelles Beispiel zu bemühen, an Hunderten von Orten lokalisiert; dennoch hat sie unbestritten an einer bestimmten Stelle stattgefunden, und nicht alle Vorschläge können nach den Kriterien der beteiligten Wissenschaftsdisziplinen gleiches Gewicht beanspruchen. Das betont auch Wolf in seinem lesenswerten, bisweilen sogar amüsanten Spaziergang durch den Irrgarten der Hypothesen, deren Grundoptionen übrigens allesamt schon in der Antike formuliert wurden.

          Der etwas hochmütige Agnostizismus der (älteren) philologischen Homerforschung hat sich überlebt. Es war, so bemerkte Uvo Hölscher schon vor gut zwanzig Jahren mit Recht, „eine falsche Ehrenrettung des Dichterischen, wenn man die Abenteuer ins Nirgendwo des Märchens verwies“. Die „Odyssee“ entstand wahrscheinlich im frühen siebten Jahrhundert, mithin in einer Zeit, da griechische Seefahrer als Siedler, Söldner, Piraten oder Händler von den Gewässern zwischen Hellas, der libyschen Küste und Mittelitalien schon ziemlich genaue Kenntnisse erworben und Griechen in dieser Region zahlreiche Städte gegründet hatten. Die Aristokraten waren mobil, wagemutig und oft gezwungen, das Weite zu suchen; das Wissen der Kapitäne und Steuerleute zirkulierte von vielbesuchten Tauschplätzen aus.

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