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: Apologie des Reißerischen

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Es klingt ein wenig nach Hans im Glück, dass Ernst von Wolzogen, altadliger Vorleser des Großherzogs von Sachsen-Weimar und Gründer des avantgardistischen "Überbrettl", den jungen Jakob Wassermann, den armen Sohn eines jüdischen Kleinbürgers, zum Sekretär nahm, nachdem dieser vor lauter Begeisterung für die Literatur erst einmal die Lehre abgebrochen hatte.

          Es klingt ein wenig nach Hans im Glück, dass Ernst von Wolzogen, altadliger Vorleser des Großherzogs von Sachsen-Weimar und Gründer des avantgardistischen "Überbrettl", den jungen Jakob Wassermann, den armen Sohn eines jüdischen Kleinbürgers, zum Sekretär nahm, nachdem dieser vor lauter Begeisterung für die Literatur erst einmal die Lehre abgebrochen hatte. Die Hauptfigur in seinem Musikerroman "Das Gänsemännchen" (1915) lebt mit ähnlich konsequenter Ausschließlichkeit lange auf ihr Künstlerschicksal zu. Bei Wolzogen begegnete der 1873 in Fürth geborene Wassermann dem Verleger Albert Langen, der ihn in die Redaktion des "Simplicissimus" aufnahm, wo er Thomas Mann begegnete.

          Thomas Kraft erzählt das Leben Wassermanns, er analysiert nicht dessen literarische Werke. Das erste größere Buch in Wassermanns schriftstellerischer Laufbahn, der 1896 bei Albert Langen erschienene Liebesroman "Melusine", wurde zum verlegerischen Fiasko. Nicht anders erging es allen Erwartungen des Autors zum Trotz zunächst auch dem Roman "Die Juden von Zirndorf" (1897), an dem er mehrere Jahre geschrieben hatte und der wie Blei in den Regalen lag. Er erzählt zunächst von einer Gruppe Fürther Juden, die im Dreißigjährigen Krieg unter wachsendem Verfall der Moral einem falschen Messias auf dem Weg ins Gelobte Land folgen wollen, jedoch entnervt aufgeben und sich in Zirndorf ansiedeln, nachdem ihr Anführer zum Islam übergetreten ist; diesem "Vorspiel" folgt die Geschichte eines Nachfahren dieser Juden, der sich als neuer Messias aus allen überkommenen Bindungen löst, für dessen Vision jedoch die Zeit noch nicht gekommen ist.

          Von diesem Buch hatte sich Wassermann die Befreiung aus seinen Geldnöten erhofft. Stattdessen trug es nur dazu bei, dass die Rezensenten Wassermann vor allem als einen "jüdischen Schriftsteller" wahrnahmen, während seine Freunde jüdischen Herkommens wie Arthur Schnitzler oder Hofmannsthal, ja selbst der fest im Glauben seiner Väter verwurzelte Richard Beer-Hofmann von der Kritik selbstverständlich als deutsche Dichter verstanden wurden.

          Zeitlebens blieb für Wassermann die Spannung seiner Existenz als "Deutscher und Jude" das bevorzugte Thema seiner Essayistik. Der Jude, so schrieb er in dem Büchlein "Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit" (1910) - eine Stelle, um deren Erläuterung ihn später Martin Buber bat -, "leidet darunter, dass er überall unversöhnliche Polaritäten sieht; auch im Judentum". In der Existenz des Juden gebe sich "die schärfste Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund". Dem Versuch, das Zersprengende solcher Spannung in die Stabilität umzuformen, galt ein großer Teil von Wassermanns Arbeiten, der in der breiteren Öffentlichkeit über dem erfolgreichen belletristischen Werk freilich weit weniger wahrgenommen wurde.

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