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Annette Fimpeler: „Düsseldorf - Köln“ : Ungleiche Schwestern mit Sinn für Rivalität

Bild: verlag

Alaaf ist eben nicht Helau: Ein Sammelband widmet sich der Konkurrenz zwischen Köln und Düsseldorf.

          Es ist ein paar Jahre her, da wurde in Kölner Läden "Alles, was Sie über Düsseldorf wissen müssen" angeboten. Sah aus wie ein Buch, war aber ein Scherzartikel: Wer es aufschlug, fand lauter leere Seiten. Der Titel ist bis heute aktuell, denn Hohn und Spott auf die Nachbarstadt sind hier gerade so verbreitet wie Ignoranz und Desinteresse. Und das gilt, ohne Abstriche, auch in der Gegenrichtung. Die alte Mama Colonia gegen die neureiche Schickse Düsseldorf, die größte Stadt des Landes gegen die Landeshauptstadt - es gibt kein anderes Städtepaar in Deutschland, das sich in Hassliebe, Animositäten und Ressentiments ähnlich verbunden weiß.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Kölsch gegen Alt, Alaaf gegen Helau, FC gegen Fortuna, BAP gegen Tote Hosen, Haie gegen Metro Stars, Can gegen Kraftwerk - ein amüsantes Thema, nicht nur für Historiker. Denn die Konkurrenz wird auf vielen Spiel- und auch Schlachtfeldern ausgetragen, durchwirkt den Alltag des Rheinländers und bestimmt sein Lebensgefühl wie sein Selbstverständnis. Ihr nach- und auf den Grund zu gehen, hat sich ein Sammelband vorgenommen und dabei gerade jene Bereiche ausgelassen, wo sie lebendig, virulent und witzig wird. Sport, Bier, Brauchtum, Popmusik und auch Werbung kommen nicht oder nur als dekorative Bildzitate vor.

          Nur ein paar Floskeln zur ambitionierten Architektur

          Stattdessen ziehen sich die meisten Beiträge auf historisch gesichertes Terrain zurück. Als sei mit dem Volksglauben, die Schlacht von Worringen 1288 markiere den Anfang des Streits, erst noch aufzuräumen, wird dazu mehrfach ausgeholt. Dabei war Düsseldorf bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert hinein viel zu unbedeutend, als dass sich die kleine Residenz mit der mächtigen Reichsstadt hätte messen können: Erst mit der Industrialisierung, erst als Preußen 1814 nicht Köln, sondern Düsseldorf zur Hauptstadt der Rheinprovinz erhob, standen sich die beiden ungleichen Schwestern auf Augenhöhe gegenüber. Köln blieb immer die größere Stadt, Ende 2009 zählte es 998 185 Einwohner, Düsseldorf kam auf 586 217.

          Die Zahlen finden sich in dem soliden, sachlich-informativen Eingangsessay von Clemens von Looz-Corswaren, der "zwei rheinische Städte im historischen Vergleich" betrachtet. Doch mit dem Anspruch, deren Entwicklung in den komparatistischen Blick zu nehmen, ist es in den weiteren Beiträgen nicht weit her. Allein ein Viertel des Buches ist dem sicher wichtigen, doch nur trocken ausgeführten Themenkreis Hafen, Handel und Schiffsverbindungen gewidmet: Für jede Stadt wird er einzeln abgehandelt, zu Düsseldorf nur bis ins Jahr 2003. Eine Gegenüberstellung der prestigeträchtigen Umwandlungen zu Medien- beziehungsweise Rheinauhafen wird nicht unternommen, und für die ambitionierte Architektur bleiben nur ein paar Floskeln des Stadtmarketings ("außergewöhnliche Gebäude") übrig.

          Die Nachbarn spornen sich gegenseitig an

          Beim Wettlauf um Messe und Flughafen, der in den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann, ist das ausnahmsweise anders. Susanne Hilger arbeitet heraus - selbst wenn sie die Hochhauskonkurrenz ausblendet -, wie stark die Nachbarn sich dabei gegenseitig anspornten. Die Kulturstädte werden, wenn auch anspruchsvoller, wieder jede für sich vorgestellt, ohne dass den vielen Verflechtungen und oft subkutanen Verbindungen nachgespürt würde: So ist, als aktuellstes Beispiel, die Kölnerin Karin Beier, die seit 2007 das Schauspiel ihrer Heimatstadt leitet, als Regisseurin am Düsseldorfer Schauspielhaus groß geworden.

          In Düsseldorf wird, anders als in Köln, auch den "Bürgergesellschaften" ein Beitrag gewidmet. Als "Heimatverein, in dem alle Schichten der Bürgergesellschaft vertreten sind", werden die "Düsseldorfer Jonges" bezeichnet, und das, obwohl der reaktionäre Männerbund bis heute keine Frauen aufnimmt. Dass "es in Düsseldorf nicht wie andernorts zu Ausschreitungen und Protesten gekommen" sei - "wie etwa der 68er-Bewegung oder in letzter Zeit mit Stuttgart 21" -, wird der "Aktionsgemeinschaft Heimat- und Bürgervereine (AGD)" gutgeschrieben, die "sich aktiv an Weichenstellungen zur städtebaulichen Entwicklung" beteilige.

          Vieles wird nicht erwähnt

          Wie diese im Ernstfall aussehen, wurde gerade erst mit der Zustimmung zum Abriss der denkmalgeschützten Hochstraße "Tausendfüßler" und zur Teilzerstörung des Hofgartens demonstriert. Doch mit Verrenkungen hat ein Autor, der sich selbst auf die Schulter klopft, keine Probleme: Die Eingabe bei Google genügt, um ihn als Ersten Vorsitzenden des AGD zu ermitteln.

          In der Darstellung der "zwiespältigen Karnevalsfreundschaft" zwischen beiden Städten ist der Umstand, dass sich in Köln anders als in Düsseldorf eine reiche alternative Szene entwickelt hat, keine Überlegung wert. Und dass der Hauptstadt-Umzug nach Berlin die Gewichte zuungunsten von Köln, wo man die Bundeshauptstadt Bonn gern als Vorort ansah, verschoben hat, kommt nicht einmal am Rande vor.

          Eine zentrale Frage wird erst gar nicht gestellt: Warum ist der Stolz auf die Stadt in Köln sehr viel stärker ausgeprägt als in Düsseldorf? Die Antwort wäre historisch herzuleiten, denn zur selben Zeit, als Köln mit der Dom-Vollendung von der Romantikwelle erfasst wurde, begann Düsseldorfs Aufstieg zur Industriestadt. Georg Forsters berühmter Bericht seiner Reise rheinabwärts aus dem Jahr 1791, der die Tradition, beide Städte mit gegensätzlichen Stereotypen auszustatten, begründete, scheint keinem der dreizehn Autoren bekannt. Das Resümee mündet in einen Gemeinplatz: "Düsseldorf ist feiner und abgehobener, Köln volkstümlicher, gemütlicher."

          Dass heute, da die Identität von Städten mehr durch symbolische "landmarks" als durch primäre Erfahrungen bestimmt wird, Düsseldorf und Köln auch als Pole einer dynamischen Doppelstadt er- und gelebt werden können und ihre Rivalität, bei vielen provinziellen Zügen, auch eine Qualität darstellt, liegt erst recht außerhalb des Horizont dieses Buches. Die interessanteren Aspekte seines Gegenstands hat es verfehlt.

          „Düsseldorf - Köln“. Eine gepflegte Rivalität. Annette Fimpeler (Hrsg.). Greven Verlag, Köln 2011. 304 S., Abb., geb., 19,90 [Euro].

          Quelle: F.A.Z.

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