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Angst vor der Geschichte

31.08.2008 ·  Hans-Ulrich Wehler, Großhistoriker seiner Generation, legt den letzten Band seiner "Gesellschaftsgeschichte" vor. Und da liegt er dann

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Ein gigantisches Projekt ist abgeschlossen. Jetzt kann man auch den fünften Band der deutschen "Gesellschaftsgehichte" von Hans-Ulrich Wehler kaufen. 21 Jahre mussten seine Fans darauf warten; nun endlich hat ihnen der Schulmeister der "Historischen Sozialwissenschaft" die deutsche Geschichte der letzten drei Jahrhunderte komplett durchgedeutet.

"Historische Sozialwissenschaft" - das war vor rund 40 Jahren der Fanfarenstoß einer Gruppe von jüngeren Historikern der Bundesrepublik. Ihr Programm: Geschichte sollte nicht mehr erzählt werden, hatte sich nicht mehr auf die großen Taten großer Männer zu fixieren. Die neue Generation, die sich früh schon um ihren unumstrittenen Anführer in Bielefeld - eben Wehler - scharte, wollte Geschichte analysieren, Strukturen auffinden, die Sphären der sozialen Ungleichheit ausleuchten.

Mittlerweile ist Wehler längst emeritiert. Und doch arbeitet er unermüdlich an der Bildung des Bürgertums. Hart ist die Arbeit aber auch für den Leser. Wehler, im calvinistischen Milieu groß geworden, denkt nicht daran, es irgendwem leichtzumachen. Gesellschaftsgeschichte dieser Art bedeutet jederzeit Anstrengung, verlangt geradezu unerbittliche Selbstzucht. Vergnügen, Spaß, gar Lust an der Lektüre darf nicht erhoffen, wer Wehler aus dem Regal zieht.

5000 Seiten umfasst das Opus zur deutschen Gesellschaftsgeschichte nun, Seite für Seite faktengefüllt, zahlenmächtig, theoriedurchdrungen. Wer hat das bisher gelesen, wer soll es je tun? Man kennt aus seinem Bekanntenkreis eine Menge Menschen, die mit großer Spannung und am Stück Sebastian Haffner gelesen haben oder Eric Hobsbawm. Aber Wehler? Schwer vorstellbar, dass jemand "den neuen Wehler" mit in den Frankreich-Urlaub schleppt, dass überhaupt viele (oder meinetwegen: wenige) Bürger existieren, die sich auf einen anregenden Abend beim Studium seitenlanger Abhandlungen über Produktionsindizes, das Subventionswesen im Agrarsektor oder Diskussionen zum Klassen- und Schichtenbegriff freuen.

Natürlich, wer hauptberuflich lehrt, ob an Schulen oder Universitäten, freut sich über Wehlers Handbuch und Steinbruch - vor allem dann, wenn er Angst hat vor der Geschichte. Denn bei Wehler ist jeder historische Eigensinn an die begriffliche Leine gelegt, sind Chaos und Wildheit der Geschichte gebändigt, ist sie säuberlich zergliedert in: erstens, zweitens, drittens, a., b., c., usw. usf. Alles ist angenehm lernziel- und prüfungstauglich typologisiert, probat nach Dimensionen, Strukturen, Prozessen, Achsen aufgeteilt. Bloß zum Lesen taugen Wehlers Studien nicht. Gelesen werden weiterhin eher Golo Mann oder Joachim Fest und deren wunderschön altmodische Sprache. Zudem: Gerade das, was viele an der Geschichte reizt, die Begegnung mit dem Fremdartigen, mit den Exzessen, mit den aufgewühlten, erregenden, tragischen Momenten, wird man beim Bielefelder Emeritus partout nicht finden.

Merkwürdig: Begreift man einen Geschichtsforscher als Ethnologen für Verhältnisse und Kulturen, die den Nachgeborenen kaum mehr verständlich sind, dann ist der große Sektorenfachmann für Soziologie, Wirtschaft, politische Institutionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Hans-Ulrich Wehler, im Grunde gar kein Historiker. Denn auf alles, was sich seinen Rationalitäts- und Modernitätskriterien nicht fügen will, reagiert er mit ungeduldigem Kopfschütteln oder triefendem Hohn. Nur wo der Patron seines analytischen Zugriffs auf die Geschichte, der Soziologe Max Weber (1864 bis 1920), handhabbare Begriffe hinterlassen hat, bedient sich Wehler ihrer, um Seltsames und Unbehagliches in der Geschichte zu erfassen, zu katalogisieren - und zu erledigen. Prokrustes, nicht Klio, thront seit je her über der Bielefelder Geschichtsexegese.

Auch Wehler thront. Und Wehler richtet. Dabei bannt sein streng analytischer Gestus jede schlaffe Nachsicht mit Leuten, die ihm fernstehen; die Einfühlung eines suchenden Erzählers wird man bei ihm nicht finden. Wehler beansprucht strikte Richtigkeit, alle wirklichen oder vermeintlichen Feinde seines Paradigmas werden stetig mit dem Rohrstock gezüchtigt. Besonders der letzte Band, über die deutsche Gesellschaft nach 1949, ist in etlichen Passagen zur Kampfschrift geraten, ja: zu einem Generationenpamphlet.

Es ist - natürlich - die "Generation Wehler", die hier gefeiert wird. Aus der Perspektive dieser, seiner Jahrgangskohorte wird die komplette deutsche Nachkriegsgeschichte durchmustert. Sie, die Flakhelfer und Pimpfe von 1944/45, begründeten die westdeutsche Republik neu, desillusioniert und daher skeptisch gegen Ideologien, freundlich gegenüber Amerika, insgesamt: liberal, kritisch, realistisch. Doch dann marschierte der "zügellose Pöbel" der 68er auf. Nicht viel besser kommen pessimistische Postmaterialisten und hedonistische Individualisten weg. Jedenfalls: Alles was der leistungsfreudigen Generation Wehler folgte, führte die Nation fortan mit zwingender Folgerichtigkeit ins Pisa-Debakel.

Ein wenig überrascht Wehlers Neo-Spenglerei schon: Wo sich früher Linksliberale freudig seiner kessen Interpretationen bedienten, können nun auch Konservative die eine oder andere deftige Formel beim kommentarfreudigen Gesellschaftshistoriker aus dem Teutoburger Wald für ihre Kampftransparente abholen. Und immer werden Wehlers Klischees dem Leser autoritativ dekretiert. Er liebt die Wörter "fraglos", "unstrittig", "unleugbar" - weil sie gebieterisch die Einpassung in seine Deutungswelt verlangen. Auch das mag ein Grund für Wehlers Erfolg während der letzten drei Jahrzehnte sein: In säkularisierten, von Weltanschauungen und Ligaturen entbundenen Zeiten boten seine strammen Interpretationsvorgaben geistige Geländer. Indes verblüffen angesichts dessen die zahllosen Fehler, die Wehler unterlaufen. Das war schon in den früheren Bänden so, als er beispielsweise forsch behauptete, bei den Wahlen zur Nationalversammlung hätten die Frauen sich noch nicht beteiligen dürfen. Nun erzählt der Großwesir der Geschichtswissenschaft, dass den Sozialdemokraten 1949 lediglich eine Stimme gefehlt habe, um ihren Kandidaten zum Bundeskanzler wählen zu lassen. Was für ein Unfug. Beide historischen Akte waren prägend für den weiteren Verlauf der Geschichte, im Schlechten wie im Guten. Aber Wehler nimmt es hier nicht genau. Wie an vielen anderen Stellen auch.

Doch das ist nicht entscheidend. Wichtiger ist: Was sich Wehler normativ nicht erschließt, das schmäht er - wütend, schnarrend, kompromisslos. Was bedrängt, was ängstigt ihn? Wie ein Berserker fegt er über gläubige Menschen und Gruppen hinweg. Also immer dort, wo es in seinen Kapiteln um Transzendenz, um Utopien, auch nur um gefühlsbewegte historische Strömungen geht. Das ist ihm dann durchweg "exotisch", "krude", "eigentümlich" oder, dies am meisten: "ominös". Wallfahrten, Marienverehrung, Weihrauch - ihm ist all das rundum unverständlich, Mummenschanz. In Wehler lebt noch der Kulturkampf der Bismarck-Zeit, ergänzt um schneidige Attacken gegen den Islam, die "neue Pest". Lässt sich selbst bei Max Weber keine Formel dafür finden, sträubt sich Wehler vollends dagegen, Eigentümliches verstehen zu wollen. Dann folgen lediglich Richtsprüche und apokalyptische Beschwörungen.

Was soll man davon halten? Es mag ja sein, dass die 68er ominösen Theorien anhingen. Doch möchte man vom Historiker zuallererst erfahren, wieso denn Menschen aus den gleichen bildungsbürgerlichen Verkehrskreisen wie er selbst plötzlich all die Dummheiten begingen, die unser Geschichtsschreiber und seine Jahrgangsgenossen zuvor verlässlich vermieden hatten. Auch muss Wehler katholische oder islamische, postmoderne oder individualistische Bräuche oder Prinzipien nicht belobigen. Aber kann man nicht erwarten, dass er - bevor das Verdikt ertönt - wenigstens zu begreifen sucht, was anderen Menschen passend erschien und erscheint? Seltsam. Dieser Großhistoriker seiner Generation hört gerade da auf, wo die eigentliche Arbeit des Geschichtsschreibers beginnt. Seine "Bielefelder Schule" liefert bloß Deutungskäfige. Zeit, sich daraus zu befreien. Früher hätte man es Emanzipation genannt.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität in Göttingen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.08.2008, Nr. 35 / Seite 13
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