Nicht nur das Brotgetreide konkurriert mit dem Biosprit um Ackerfläche, auch die Baumwolle. Auf absehbare Zeit ist daher keine Vergrößerung der Anbaufläche zu erwarten. Und da auch kein (gen-)technischer Fortschritt Hoffnung auf höhere Erträge macht, der Bedarf aber weltweit rasant ansteigt, geht die Zeit der billigen Baumwolle zu Ende, so Andreas Engelhardt. Bislang verhindern nur Überkapazitäten, dass sich dies schon jetzt in den Preisen hiesiger Bekleidungshäuser niederschlägt. In seinem „Schwarzbuch Baumwolle“ geht es weder um Pestizidrückstände in der Baumwolle noch um die Arbeitsbedingungen asiatischer Näherinnen, es geht nicht einmal zentral um Baumwolle.
Es geht um den internationalen Fasermarkt und seine Zukunftsperspektiven. Es geht um eine Vielzahl unterschiedlicher Fasern natürlichen und synthetischen Ursprungs, um Edeltextilien, Billigshirts und die wachsende Bedeutung von Funktionstextilien, die schnell trocknen, nicht knittern, beim Schwitzen nicht müffeln und auch noch vor der Sonne schützen. Und dann gibt es noch die technischen Textilien, Heimtextilien und Bodenbeläge. Durchschnittlich knapp zwölf Kilogramm Fasern verbraucht jeder Mensch auf der Erde im Jahr, davon sechseinhalb Kilogramm für Bekleidung. Spitzenreiter sind die Amerikaner mit mehr als dreißig Kilogramm, in Indien sind es bislang nur sechs Kilogramm, Tendenz schnell steigend. Denn schon bei moderatem Zuwachs an Wohlstand steigt der Textilienverbrauch stark an.
Natürlich ist nicht unbedingt umweltfreundlich
Wie also kann der wachsende Stoffbedarf der Welt in Zukunft gedeckt werden und zwar nach Möglichkeit nachhaltig? Engelhardt schwört auf die Macht der Verbraucher und versteht sein Buch explizit als Einkaufsberatung. Mit der Bio-Baumwolle ist es nicht weit her, erklärt der Autor, sie macht nur ein Prozent des weltweiten Anbaus aus. Und die bestehenden hundert Qualitätslabels, die von achtzig Organisationen vergeben werden, helfen dem Käufer auch nicht gerade bei der Orientierung. Also vergleicht Engelhardt die Ökobilanz der verschiedenen Fasern. Natürlich, so sein Ergebnis, heißt nicht unbedingt umweltfreundlich.
Der Anbau von Baumwolle hat zwar den geringsten Energiebedarf, dafür verbraucht der Anbau eines Kilogramms je nach Effizienz der Bewässerungsanlagen zwischen sieben- und dreißigtausend Liter Wasser, dazu kommen die Pestizide für den Pflanzenschutz. In Westeuropa produzierte synthetische Fasern benötigen hingegen keine Anbaufläche, konkurrieren also nicht mit dem Nahrungsmittelanbau und belasten auch den Boden nicht. Dafür haben aber etwa Polyesterstoffe den höchsten Bedarf an nicht erneuerbaren Brennstoffen und die höchsten Treibhausgasemissionen.
Am besten den Verbrauch reduzieren
Engelhardt, 1964 in Wuppertal geboren und beruflich in der Faserherstellung und im Textilmaschinenbau zu Hause, hat einen Favoriten: die Viskose. Sie gilt als Chemiefaser, weil sie in einem chemischen Prozess aufbereitet wird, ist aber natürlichen Ursprungs: Ihr Grundstoff ist Holz. Fasern aus schnellwüchsigem Eukalyptusholz haben einen vielfach höheren Ertrag pro Hektar als Baumwolle. Holz sei ein nachhaltiger, sogar unendlicher Rohstoff, so Engelhardt optimistisch, wenn auch nicht ganz überzeugend. Und da die Zukunft ohnehin dem papierlosen Büro gehöre, könne man bestehende Anbauflächen auch für die Herstellung von Kleidung umwidmen.
Besonders preist der Autor die Viskose eines österreichischen Herstellers an, ausgerechnet jenes Herstellers, der die Studie zur Ökobilanz der unterschiedlichen Materialien in Auftrag gegeben hat, auf die sich der Autor vor allem beruft. Wer die Ökobilanz der Stoffe kenne, so Engelhardt, könne sein Kaufverhalten entsprechend ausrichten. Besser wäre freilich, er würde weniger verbrauchen, denn ein ökologisches Highlight sind Eukalyptusplantagen auch nicht.